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Beschirmt sein

...oder die Kunst mit der Kunst nicht im Regen zu stehen

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Beschirmt sein | Foto: Sophie Dohmen
Beschirmt sein | Foto: Sophie Dohmen
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Wenn sich unsere Existenz allein auf eigenes Verdienst und vollbrachter Leistung stützen würde, dann wären wir vermutlich alle schon längst tot. Die Meisten von uns haben schon einmal das Gefühl gehabt, in einer Situation beschirmt gewesen zu sein. Das muss kein Melodrama sein, das kann auch heitere Züge tragen.

Ich war mit einem befreundeten Fotografen auf der Suche nach Arbeitsräumen gewesen, war aber vorerst einmal ausgeschaltet, da ich bei meinem Semesterferienjob auf der Heimfahrt mit dem Rad von einem Auto erfasst wurde und erst in einem Rettungswagen wieder zu mir kam. Der Freund besuchte mich ein paar Tage später mit der Tageszeitung, ich war schon wieder recht munter, und zeigte mir ein unglaubliches Angebot: 180 qm Souterrain in der Nähe zum Ring für 530 DM. Leider durfte ich die Station nicht verlassen, also wollte der Freund das Angebot alleine besichtigen und mir Bericht geben. Er war begeistert. Die Räume waren so geschnitten, dass man einen sehr großen für das Atelier und zwei kleinere für Studio und Dunkelkammer hatte, eine Glaskuppel sorgte für Tageslicht. Dazu war die Anzeige fehlerhaft gewesen: die Miete betrug nicht 530 DM sondern 350 DM. Als ich endlich die Räume besichtigte, war ich Feuer und Flamme. Das ist mehr als unser Atelier, sagte ich, das wird ein Kulturzentrum.

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Das wurde es auch. Wir nutzten es wie geplant, machten es aber gleichzeitig mit Strahlern und Hängeleisten, mit 99 Klappstühlen und einer Anzahl von Bistrotischen zu einem Ausstellungs- und Aufführungsraum. Das lief gut an, Köln hatte nichts Ähnliches, und bald schon gaben sich auch bekanntere Namen bei uns ihr Stelldichein und wir hatten einen ausverkauften Abend mit einem Kabarettisten. Auf den Bistrotischen brannten die Kerzen, der Künstler wirbelte mit dem Akkordeon durchs Publikum, ich stand im offenen Nebenraum und kochte Glühwein, den wir in Plastikbechern ans Publikum ausschenkten, als die Metalltür zur Straße schlug und zwei Männer die Treppe hinabstiegen: Staubmantel, Jackett, Krawatte, nicht so ganz unser Publikum.

Ich nahm sie in Empfang, ob ich hier etwas zu sagen hätte? Ich führte sie in den Nebenraum. Sie schenken hier also Alkohol aus? Nein, der wird nicht verkauft, das ist eine Geste. Und ihre Toiletten? Gut, wir hatten eine direkt neben der Bühne, so als Verschlag abgetrennt, aber zwei getrennte, nein. Auch einen Fluchtweg hatten wir nicht, da war nur die steile Treppe, die hoch in den Vorraum und zur Straße führte. Immerhin hatten wir nur 99 Stühle und brauchten deshalb wenigstens nicht auch noch einen Feuerwehrmann. Einer der Männer reichte mir seine Karte, Herr Soundso, Ordnungsamt Köln. Montag um Zehn, war die unmissverständliche Aufforderung.

Als wir am Montag uns aufmachten, war uns mulmig. Wir hatten schon ein Jahr, Geld und Initiative in das Projekt gesteckt und die Mittel für den Notausgang und die 2. Toilette hatten wir nicht. Wir klopften, wurden hereingerufen und nahmen auf den zugewiesenen Stühlen Platz. Also so etwas in unserem Bezirk, hob der Amtsleiter an, das ist ja wie damals in Kreuzberg, Kultur von unten, Underground. Er schraubte sich noch weiter in die Begeisterung hoch und schloss: „Ich verspreche Ihnen, wenn wir nicht durch eine Anzeige gezwungen sind, etwas zu unternehmen, werden sie von unserer Seite nie etwas zu befürchten haben“.

Einige Tage später meldete sich der Ressortleiter des Kulturamts zu einem Besuch an und eine weitere Woge des Erfolgs schwappte in unseren Souterrain: wir bekamen einen  jährlichen Festzuschuss von 10.000,00 DM. Das war 1978 sehr viel Geld. Wir bauten das Projekt aus, machten mit einem Theater die Inszenierung eines Stücks und nebenbei noch ein deutsch-niederländisches Literatur-und Ausstellungsprojekt. Letztlich begannen wir uns schon zu langweilen und nach 4 Jahren war es dann genug: schließlich waren wir Künstler und keine Zirkusdirektoren. Ein türkischer Pantomime, der damals einige erfolgreiche Abende bei uns gehabt hatte, war interessiert, daraus seine eigene Bühne zu machen. An einem Teetischchen mit einer Wasserpfeife darauf wurden wir handelseinig. Der Pantomime griff unter das Sofa, zog einen Schuhkarton hervor und zählte uns den 5-stelligen Betrag in kleinen Scheinen auf das ziselierte Metall.

Wenig später richtete ich mir ein neues, kleines Atelier ein, als das Telefon klingelte: der Pantomime. Er war in heller Aufregung, redete von Ordnungsamt und Feuerwehr und als ich erschien, sah ich gerade noch, wie das Siegel „Baupolizeilich geschlossen“ auf die Metalltüren geklebt wurde. Ein neues Theater in Ehrenfeld, das wegen ähnlicher Mängel geschlossen wurde, hatte unsere Einrichtung angeschwärzt. Das wäre für uns das Aus gewesen. Der Pantomime hingegen hatte die Mittel und das Theater wurde nach ein paar Monaten mit einem Fluchtweg und zwei getrennten Toiletten wieder eröffnet und so besteht es heute noch.

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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