Start Magazin Kunst & Design Ein Tsunami im Museum

Ein Tsunami im Museum

oder der Bartwuchs der Mona Lisa

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Der Bartwuchs der Mona Lisa |Gemälde: Mona Lisa Bearbeitung: HZG
Mit Humor in die Kunst | Gemälde: Mona Lisa Bearbeitung: HZG
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Die Moderne in der bildenden Kunst beginnt mit einem Scherz, für manche ein schlechter: Marcel Duchamp nimmt ein porzellanes Pinkelbecken, signiert es links unten mit expressiv tropfender Farbe und dem Pseudonym „R. Mutt, 1917“ und setzt es als Skulptur auf einen Sockel. „Fontäne“ nennt er es und drückt dem damaligen Kunstverständnis damit sämtliche Knöpfe. Natürlich hätte er auch ein Waschbecken nehmen können, aber die Wahl an sich hat Bedeutung: hier verschafft sich jemand gezielt Erleichterung vom Druck. Aber zivilisiert, sozusagen mit Stil, und abschließend die Spülung betätigend. Diese Spülung setzt einiges in Bewegung und um Bewegung geht es ihm. Schon vorher hatte er auf den Sitz eines Barhockers eine Fahrradgabel mit frei rotierendem Speichenrad montiert, so als wolle er den Gesprächen auf diesen Hockern damit etwas mehr Umdrehungen verleihen. Dem noch verbleibenden Rest von ungewollter Übereinkunft rückt er dann mit einer Reproduktion von Leonardos Mona Lisa zu Leibe: er schreibt, nachdem er ihr ein Husarenbärtchen unter Kinn und Nase gemalt hatte, in großen Lettern LHOOQ darunter.

LHOOQ, eine Lautmalerei, elle a chaud au cue, sie hat Feuer im Hintern. Klosettzeichnungen und zweideutige Wortspiele auf einer der Reliquien der abendländischen Malerei. Duchamp bleibt der Sphäre der Pinkelbecken treu, doch der Knopf der Spülung muss sich dabei verklemmt haben, denn von nun an geht nicht mehr enden wollendes Rauschen durch die heiligen Hallen des abendländischen Geistes.

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In Europa aber war es mittlerweile einmal still geworden. Die Schützengräben hatten sich geleert und wer noch Beine hatte, nahm sie unter den Arm und sah zu, wie er seine Traumatisierungen loswurde. George Grosz zeichnete Christus mit Gasmaske am Kruzifix, aber für einen Scherz etwas zu gallig. Die Surrealisten um Max Ernst waren da schon eher Spaßvögel und als in einer Ausstellung einige der Skulpturen von empörten Besuchern zertrümmert wurden, stellten sie anderentags sofortigen Ersatz zum Zertrümmern bereit. Die Ausstellung wurde polizeilich geschlossen. Dada und das Happening waren geboren, aber sie mussten erst noch einen Zweiten Weltkrieg hinter sich bringen, bis endlich eine Zeit lang mit dem Scherz Ernst gemacht wurde.

Fluxus, Provos, Blumenkinder, die Ära der Polit-und Kunstclowns und das Rauschen vom Tsunami des Gelächters wurde unüberhörbar. Die Künste als Seismographen konterkarieren diese Beschleunigung zum Auftakt gleich mit einer ironischen Vollbremsung ohne Airbag. Wolf Vostell verschalt einen Opel Kapitän, grün-metallic, Weißwandreifen und TÜV 3/71 und gießt alles mit Beton aus. „Ruhender Verkehr“ nennt er das Objekt, zwei Betonvierecke mit der Eleganz von Zigarrenkisten. Das war 1969 und man kann sich die Festgemeinde zur Eröffnung vorstellen: Schlaghosen, Rollkragenpullover, Koteletten bis zur Unterlippe. Charlotte Moorman spielt nackt und wie ein Blumengebinde in Cellophan gewickelt Cello, Nam June Paik steppt auf dem Flügel, Joseph Beuys erklärt einem toten Hasen die Bilder.

Das schwappt auch über den Tellerrand des gewohnten Kunstbetriebs. Fritz Teufel, Spaßguerilla der 1. Stunde, wird 1967 im Gefängnis Berlin Moabit aus der Untersuchungshaft entlassen. Er hatte – was ein Gericht zu klären wusste – bei einer Anti-Amerika-Demo keine Steine sondern Vanillepudding geworfen. Auch er weiß sich der abendländischen Bildtradition zu bedienen, er persifliert das „Ecce homo“ und  statt der Dornenkrone trägt er einen Adventskranz mit brennenden Kerzen auf dem Kopf. Die westliche Welt pubertierte, ich war da ohnehin mitten drin und die eigenen Bocksprünge in der Welt gespiegelt zu finden, das machte Spaß.

Unseren Lehrern war nicht nach Scherzen. Sie trugen Fahrradklammern an den Hosen und Baskenmütze und kamen von diversen Fronten, die sie alle noch nicht aufgegeben hatten. Therapie war nicht mal ein Fremdwort. Da fast alles verboten war, konnte man auch alles machen  – alles war wundervoll subversiv. Peter Handke beschimpfte das Publikum, die Walrösser waren on tour im „Yellow submarine“ und Warhol siebdruckte in der Factory „Marilyn“ und trug ihr ein Rouge aus „Campbell´s Tomatoesoup“ auf. Die neuen Freiräume waren geradezu physisch zu spüren, die Luft war eine mediterrane Brise und die Windschutzscheiben trugen den roten Punkt -ich nehme Tramper mit-. Leider mutierte das bald zum revolutionären Benimm des „Underground“ oder „Agitprop“ und sonstigen Fraktionen, alle wieder ganz wichtig und voll vom alt bekannten Ernst.

À propos „Underground“, neben dem Betonklotz von Wolf Vostell führte bis in die 90er Jahre eine Passage unter dem Hohenzollernring her, eine jade- und quittenfarben gekachelte Fußgängerunterführung und als die Jungen Wilden auf den Plan traten, verwandelten sie diesen Parcours in ein Kabinett à la“ East-Side Gallery“. Harald Nägeli, die Mühlheimer Freiheit, der Bananensprayer, alle warten dort auf ihre Ausgrabung, denn die Passage wurde zugeschüttet. Der Bananensprayer erfasste den kommenden Zeitgeist am klarsten: er wurde sein eigenes Label und setzte die immer gleiche Banane auf jeden Kiosk, an dem Martin Kippenberger mal Zigaretten gekauft hatte.

Auch mit der erhofften Jahrtausendwende kam nichts wirklich Bewegendes mehr: die IT-Branche entsinnlichte das Geschehen: Fotoshop statt Silbergelantine, die Sounds gesampelt, TV gerechtes Videogeschnipsel, die Welt ist ein Algorithmus.

Jeff Koons posiert mit Cicciolina Pornoposen, Damien Hirst versenkt ganze Kälber in Formaldehyd, um das als Skulptur auszustellen, Kunst goes Jahrmarkt und aus dem Scherz wird Comedy und das Geblödel in Hausmeisterkitteln zu Volkes Stimme.

Also Schluss mit lustig. Entgrenzungen benötigen eine Grenze und auch der Scherz lebt ja von deren sanfter Übertretung. Die aktuelle Unbegrenztheit ist da eher das Umherirren von „Major Tom“ im All, der völlig losgelöst seine Raumkapsel nicht mehr finden kann. Auch so eine Ikone. Ikonen sind den Symbolen nicht unähnlich. Sie haben stabile Wechselkurse, sind mit Ernst und Scherz belastbar und ziemlich selten. Natürlich kann man sie auch auf eine Fahne heften und hinterher laufen. Aber das nur als Scherz.


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