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Heino Bücher. Von einem, der rauszog, den jülichern die muttersprache beizubringen

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Ein Jülicher Sprachkurs | Foto: Marcel Kanehl
Der Jülicher Jung | Foto: Marcel Kanehl
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„Meenzer Mädche“ trifft „Jülicher Jung“. So könnte man das Gespräch mit Heino Bücher kurz beschreiben. Ich erwähne es allerdings nur, um zu verdeutlichen, dass eine Unkundige des hiesigen Dialekts unterwegs ist, das Mitglied der Jülicher „Mundartfreunde“ und der „Muttkraten“ zu besuchen, um mit ihm ein „Verzällchen“ anzufangen. Zwar habe ich schon vor längerem meine Heimatstadt verlassen und bin seit einigen Jahren im Jülicher Land zuhause, doch das regionale Platt habe ich „mich noch net janz anjeeichnet“. So habe ich eine Menge Fragen im Gepäck und komme gespannt und neugierig bei Heino Bücher an. Nach ein paar Minuten weiß ich: „ Dat widd jot. Do häste wat zo Laache. Hee blievste.“

Vor mir sitzt ein rüstiger Herr, in seinen besten 70er Jahren, mit kecken Augen und klärt mich in herrlich fließendem, weichen Dialekt – es ist ein Jammer, dass ich diesen in Schriftform nicht wiedergeben kann – sogleich auf, dass es das reine Jülicher Platt nicht mehr gibt und ich dieses folglich auch nicht mehr lernen kann.

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HERZOG: Herr Bücher, ich bin also zu spät nach Jülich gekommen?
H. Bücher: Na, beruhigen Sie sich mal. Streng genommen kann ich auch kein reines Jülicher Platt mehr sprechen, das hat schon ein Herr Wilhelm Tilgenkamp in seinem Büchlein „Wie der Jülicher lebt, denkt und spricht“ für die Zeit um 1870 festgestellt – und (lacht) so alt bin ich ja noch nicht. Damals erlebte Jülich eine starke Zuwanderung von vielen Dorfbewohnern verschiedener Regionen und dies verstärkte sich noch durch den  Bau des Eisenbahnausbesserungswerks Anfang des 20.Jahrhunderts, so dass eine Vermischung der rheinischen Dialekte stattfand.

HERZOG: Als „eingeborener“ Jülicher liegt es Ihnen allerdings sehr am Herzen, dieses ehemalige Jülicher Platt wiederzubeleben sowie den jetzt gesprochenen örtlichen Dialekt zu kultivieren und zu bewahren. Sozusagen den Jülichern ihre Muttersprache beibringen. Wie machen Sie das?
Heino Bücher: Haben Sie denn ein bisschen Zeit? Denn da muss ich ein wenig ausholen. Also, es gibt den AK „Mundartfreunde“, der zum Geschichtsverein Jülich gehört und ich bin da so etwas wie ein freier Mitarbeiter. Jeden Herbst bin ich in der Regel dabei, wenn die sog. „Mundartabende“ in der Stadthalle stattfinden. Das ist eine Kooperation zwischen den Münstereifeler Mundartfreunden und uns Jülichern. Deren Sketche ergänzen wir dann, zum einen tragen wir Jülicher Mundartgedichte vor oder singen sie auch, vertont auf schönen alten Liedern. Kennen Sie noch „Schau mir in die Augen“? (pers. Anmerkung: leider nein).

HERZOG: Ich nehme an, dass diese Abende eher von einem älteren Publikum besucht werden?
H.Bücher: Ja, das stimmt, dafür ist der Saal immer voll, die Leute stehen Schlange, so dass wir mittlerweile diese Veranstaltungen zweimal aufführen. Aber das mit dem Alter, da sagen Sie was. Deswegen gab es in den vergangenen Jahren schon einige Initiativen, mit dem Ziel, den Jugendlichen „ihr“ Jülicher Platt näher zu bringen.

HERZOG: Etwa auch mit Singen?
Heino Bücher: Ja, Sie werden lachen, auch mit Singen. Und zwar habe ich vor etwa zwei Jahren für den Chor der Sekundarschule den Text einer Messe auf Mundart geschrieben. Es war einfach wunderbar zu sehen und zu hören, wie natürlich die Kinder mit all ihren verschiedenen Nationalitäten das umgesetzt haben. Ich war sozusagen als „Sprachrepetitor“ mit viel Spaß dabei.

HERZOG: Gibt es denn so etwas wie „Jülicher Sprachkurse“, evtl. im Programm der Volkshochschulen?
Heino Bücher: (lacht) Nein, noch nicht, aber das wäre überlegenswert. Aber mit Andrea Lafos, der Rektorin der Sekundarschule denken wir darüber nach, evtl. einen Workshop „Mundart“ anzubieten.

HERZOG: Karneval ist ja auch eine gute Gelegenheit, Jülicher Platt unters Volk zu bringen, also an Jung und Alt zusammen?
Heino Bücher: Ja, mein 16-jähriger Enkel beispielsweise tritt mittlerweile in der Bütt‘ auf und spricht lupenreine Mundart. Ich selbst gehe ja als Mitglied der „Muttkraten“ – (unterbricht seine Rede) – Wissen Sie, was Muttkraten sind? Die alten Jülicher kennen diesen Begriff, das bedeutet Schlammkröten und bezeichnete früher die „einjeborenen“ Jülicher, da die Rur nun mal von den Jülichern zum Baden und die Flussufer zum Spielen genutzt wurden. In den 30er Jahren gab es dann eine Karnevalsgruppe unter diesem Namen, die zog an Rosenmontag durch die damals noch vorhandenen 40 bis 50 Kneipen in Jülich und sang typische Mundartlieder. Heutzutage gehe ich nicht mehr durch die Kneipen, sondern steige hauptsächlich bei Sitzungen meiner Karnevalsgesellschaft ULK in die Bütt‘ und trage selbst gedichtete Geschichten in Reimform vor. Da sind dann auch Jung und Alt zusammen und die lachen dann auch, d.h. sie scheinen mich zu verstehen. Und dann gibt es jeden Rosenmontag die sog. „Hellije Mess op Platt“ in der Propsteikirche. Da wird der ganze Gottesdienst nur auf Platt gesprochen. Meine Aufgabe besteht darin, im Vorfeld die ganzen Messetexte, also auch das Evangelium, vom Hochdeutschen ins Platt zu übersetzen. In der Kirche sind dann alle beisammen, Oma und Opa, Familien mit Kindern und die Stimmung „is jot“.

HERZOG: Hätten Sie evtl. mal eine Sprachprobe daraus, etwa das „Vater unser“?
Heino Bücher: Ja (räuspert sich und setzt sich gerade auf), jetzt wird es ernst: „Vatte onse em Hemmel, dinge Nam es ons hellisch, mie jehüre zesamme on waden op dich. Wat du sähs, widd jedonn. Net ma em Hemmel, nä, och op de Eäd. Schenk ons jeden Daach ons Brud. Loss ons ävver net en de Schold setze, denn mie wolle och dä angere verjevve, die ons jett jedonn hann. Help ons emm, de richtije Wääch ze fenge on bewah ons vüe allem Schleäte. Denn du bes de Kraff on och de Jewalt bes en alle Iwichkeet.  Su soll et senn. Ame.“

HERZOG: Wer das hört, bekommt den Eindruck: Der meint es ehrlich!

Kann es sein, dass sich auch unangenehme Dinge in der Mundart weniger drastisch anhören als im Hochdeutschen?
Heino Bücher: Du „Tuppes“ hört sich in der Tat geschmeidiger an als „Betrüger“ oder „Blödmann“ oder „du hääs wohl ene Sonnestech“ ist lieblicher als „du spinnst“. Ich traue es mich fast nicht zu sagen, aber ein gängiger Spruch ist z.B. wenn man einen Freund lange nicht gesehen hat: „Leck mich am Asch, wat hann ich dich lang net jesenn!“. Das ist vollkommen normal.

HERZOG: Was soll ich als Zugezogene, die ein bisschen mehr Platt sprechen will, noch beachten?
Heino Bücher: In Jülich – im Gegensatz zu Köln – gibt es keinen Dativ, nur den Akkusativ. Also heißt es: „Jevv mich dem ens – gib‘ mir den mal“. Das ist die Jülicher Grammatikregel. Besorgen Sie sich das Jülicher Mundart-Wörterverzeichnis von Josef Rahier und – sollte ich demnächst Zeit zum Schreiben haben – lesen Sie meine Jülicher Büttenreden von 1982 bis heute – dann widd dat schon!


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