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Spuren eines Künstlerlebens

Der Künstler Herb Schiffer wird am 28. September 90 Jahre alt.

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Herb Schiffer. Foto: Museum Zitadelle Jülich (2021)
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Er ist mit Jülich eng verbunden: der Künstler Herb Schiffer. 1936 wurde er hier geboren und von 1961 bis 1966 hatte er hier sein Atelier. Er stand damals am Anfang seiner Karriere, die ihn weit über die Region bekannt machte. Wie sehr man ihn vor Ort schätzt, machte die Verleihung des Kunstpreises des Kreises Düren im Jahr 2011 deutlich. Sein Werk ist vielgestaltig: Malerei, Glasmalerei und Tonskulptur. Anlässlich seines 90. Geburtstags folgen wir einigen Spuren, die er mit seinen Kunstwerken in Jülich hinterlassen hat.

Herb Schiffer: Eine zerstörte Stadt.

Beginnen wir mit einem Aquarell, das er 1984 erstmals in Jülich ausstellte, aber laut Signatur erst 1985 vollendete. Es zeigt die Silhouette seiner weitgehend im Zweiten Weltkrieg zerstörten Heimatstadt Jülich, die ein bekanntes Foto von Hermann Claasen aus dem Jahr 1948 aufgreift. Zu erkennen sind die Ruinen der ehemaligen Jesuitenkirche am Markt, der Propsteipfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt und des Jülicher Wahrzeichens, des Hexenturms. Dieser Blick ergab sich vor dem Wiederaufbau vom Walramplatz aus.

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Das Aquarell ist in erdigen Tönen gehalten, der Himmel über der zerstörten Stadt ist graublau und so staubverhangen, dass die Sonne nur als milchige Scheibe zu erahnen ist. Aus den Trümmern recken sich Hände gen Himmel. Sie assoziieren das Flammenmeer, in dem die Stadt versunken ist, und sie sind gleichzeitig als Geste des Flehens zu verstehen. Die Bildfindung lässt offen, ob es Hoffnung für die Stadt gibt.

Herb Schiffer: Glasbild zur Zerstörung Jülichs.

Ganz anders dagegen eine architekturungebundene Glasmalerei, die Herb Schiffer für das Museum Jülich anlässlich des 60. Jahrestags der Zerstörung der Stadt geschaffen hat. Das Glasbild ist zweigeteilt: Das obere Drittel ist farbig gestaltet, der untere Teil grauschwarz. Zentral ist eine Bombe zu erkennen; am unteren Bildrand, sozusagen unter der Grasnarbe bzw. der Horizontlinie, sind die Köpfe toter Menschen positioniert. Links und rechts der Bombe wächst jeweils eine Pflanze aus dem vermeintlich toten Boden.

Tatsächlich wandelt sich im oberen Drittel das Bild jedoch grundsätzlich. Vor einem tiefblauen Himmel sind zwei Olivenbäume ergrünt und zeigen bereits Früchte. Zwischen ihnen ist ein weißer Vogel positioniert. Ist es die Taube, die Noah auf der Suche nach trockenem Land ausgeschickt hat und die mit einem Olivenbaumzweig zurückkehrte? Sicherlich ist sie als Symbol des Friedens im bewussten Gegensatz zur darunter positionierten Bombe gedacht. Aus dem Tod und Verderben des Zweiten Weltkriegs ist jedenfalls Hoffnung und damit neues Leben erwachsen. Ein deutlich tröstlicherer Blick auf die Geschichte als bei dem Aquarell 20 Jahre zuvor.

Herb Schiffer hat das in Trümmer liegende Jülich als Kind erlebt und ist in der Phase des Wiederaufbaus in der Stadt groß geworden. Als er 1961 hier sein erstes Atelier gründete, war der Wiederaufbau weitgehend abgeschlossen, die Zitadelle aber noch eine wieder unbewohnte Ruinenlandschaft, nachdem sie zahlreichen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg als Notunterkunft gedient hatte.

Auch nach seinem Wegzug aus Jülich 1966 nach Düren blieb er seiner Geburtsstadt verbunden. Das ist nicht selbstverständlich, bedenkt man das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, dem als Zahnarzt die künstlerisch-musische Seite seines Sohnes immer fremd geblieben ist.

Herb Schiffer, Das Narrenschiff, Öl auf Leinwand, 2007, 99,5 x 69,5 cm, Museum Zitadelle Jülich, Inv.-Nr. 2007-0051. Foto: Bernhard Dautzenberg

Herb Schiffer, dem die antiken Wurzeln der europäischen Kultur genauso wichtig waren wie die Eindrücke, die er Anfang der 1980er Jahre bei einem Studienaufenthalt in Brasilien sammeln konnte, hat im Laufe der Zeit ein Figurenpanoptikum entwickelt, das er immer wieder mit den unterschiedlichsten architektonischen Versatzstücken in Verbindung gebracht hat.

Ein besonders gelungenes Beispiel hierfür ist das Gemälde „Narrenschiff“. Das namengebende Narrenschiff segelt hier in der Luft über der Schlosskapelle der Zitadelle Jülich. Es ist eines der für Schiffer typischen Bilder, in dem die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Das Narrenschiff ist ein altbekanntes Motiv, das vor allem durch die satirische Schrift gleichen Namens von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494 bekannt geworden ist. Für die Erstausgabe schuf vermutlich Albrecht Dürer einige der Holzschnitte, Hieronymus Bosch fertigte ebenfalls ein Gemälde mit dem Motiv an. Schiffer kombiniert also ein wichtiges Thema der „Northern Renaissance“ mit der italienisch geprägten Renaissancearchitektur Alessandro Pasqualinis. Dabei bevölkern Figuren der sich in Italien entwickelnden Commedia dell‘Arte das Schiff, das über unseren Köpfen hinwegschwebt. Es ist diese Lust an der Motivkombination, die das Werk Herb Schiffers nie langweilig werden lassen.

Wir wünschen dem Künstler zu seinem runden Geburtstag alles Gute!

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Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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