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Wahlgesänge und Walhalla

und der Walfisch, der hat Zähne…

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Wahlgesänge | Foto: HZG
Wahlgesänge | Foto: HZG
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Es ist riesig, es steigt an die Oberfläche und wenn wir es besiegen wollen, dann werden wir hinabgezogen. So in etwa ließe sich die metaphysische Quersumme von Melvilles Roman „Moby Dick“ und dem Kampf Kapitän Ahabs mit dem weißen Wal lesen. Melville, der selbst wiederholt von Schiffen desertierte, ins Gefängnis kam, floh, anheuerte, wieder desertierte und dessen beide Söhne sich das Leben nahmen, wusste aus eigener Erfahrung von Tiefen und Untiefen, von Schemen und  Schatten. Überhaupt lag etwas in der Luft und wie auf einen Wink erschienen mit E.T.A. Hoffmann oder E.A. Poe weitere obskure Elemente, die Psychologie bekommt einen ersten Lehrstuhl. Im Roman wie in der Epoche bohrt sich eine Vertikale des nicht Rationalen in die gerade gewonnene Weite aufgeklärter Horizonte. Aber warum ist der Wal dann weiß?

Hell und Dunkel, Weiß und Schwarz sind in unserem Kulturkreis bekanntlich auch moralische Größen, der Himmel über Golgatha verdunkelt sich, Judas sitzt im Schatten…

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Im Fernöstlichen sieht man darin eher energetische Pole, das Plus und Minus der großen Batterie des Lebens und so ist man dort nicht darum verlegen, auch noch die letzten Wale auf die Speisekarte zu setzen, ganz gleich ob schwarz oder weiß. Das „Whale-watching“, also unser wallfahrtartiges Eskortieren der vom Aussterben arg bedrohten Meeressäuger, findet mehr dort über das Zieldisplay der Harpune statt, aus rein wissenschaftlichen Gründen, versteht sich. Das Tao wird es schon richten. Wir Abendländer hingegen haben weiße Ritter, weiße Tauben, weißes Licht und so zielt auch der weiße Wal deutlich auf das Numinose: auf eine wie auch immer geartete, höhere Instanz.

Gut und Böse erzeugen Spannung und Kapitän Ahab und der Wal sind die beiden Pole, die dafür sorgen, dass die Energie fließen kann, die den Roman antreibt, um ihn bis zum Show­­down in Fahrt zu halten. Natürlich stehen wir anfangs auf der Seite des uns menschlich Vertrauten, nehmen Partei für diese maritime Schicksalsgemeinschaft mit der Enge, den Mühen und Entbehrungen an Bord. Erst durch das gnadenlose Kommando von Kapitäns Ahab, der dieses Tier mit solchem Hass und ohne auf das Schiff und die Mannschaft Rücksicht zu nehmen verfolgt, beginnen wir diese Parteinahme über Bord zu werfen und finden uns auf der Seite der Bestie wieder. Was für ein Glück, dass sie weiß ist.

Diese Bestie ist ein Pottwal, gehört also zur Familie der Zahnwale und kann mit seinem Maul ganze Ruderboote portionieren und vor Zeiten hatte es dem Ahab ein Bein abgebissen. Jetzt trägt der ein Holzbein, eine Prothese. Sie ist sein Pferdefuß  und auf dem hinkt er seiner Bestimmung entgegen und wenn der Wal weiß ist, dann wird diese wohl eher schwarz sein. Am Ende wird Ahab vom Wal mit in die Tiefe gerissen: das noch verbliebene Bein hat sich in der Fangleine der Harpune verwickelt, die er in den Leib des Wals geschleudert hatte. Bindungen können fesseln. Der alpine Skisport hat daraus seine Konsequenzen gezogen und Bindungen entwickelt, die sich bei Gefahr automatisch lösen. Sie denken für den Fahrer. So ein eingebautes Loslassen wäre sicher auch auf manchem anderen Gebiet hilfreich.

Natürlich ist Melvilles Plot mehr ein Komplott. Schon im biblischen Urtext ist Ahab ein gottloser König, dem Elia die göttliche Strafe prophezeit und auch der ungehorsame Jona steht hier Pate, der zwecks moralischer Besserung ebenfalls vom Wal verschlungen wird. Das Motiv des Mauls ist beliebt, auch der weiße Hai bedient dieses Muster. Aber der frisst mit Vorliebe pummelige Teenager und verkörpert hier allem Weiß zum Trotz das Dunkle, gar Triebhafte und muss deshalb im Gegensatz zu Moby auch sein verdientes Ende finden. Zwar kam dieser Film 150 Jahre später, als sich sowieso niemand mehr um Symboliken scherte, doch dieses verschlungen Werden ist ein Urbild. Hieronymus Bosch macht Gebrauch davon und auch die Figur des Drachen, vor dessen dunkler Höhle sich die menschlichen Gebeine türmen, zehrt davon. Es ist eine Urangst vor Armut, Siechtum, Endlichkeit und allem, was die Phantasie so hergibt und vor das sich unsere Versicherungsgesellschaften schützend mit ihren mit gelbem Neonlicht geflügelten Schutzengeln stellen. Wahre Drachentöter oder auch Drachentöter als Ware, doch der Minotaurus haust auch weiterhin im Labyrinth unserer Innenwelt.

Psychologisch gesehen wird der Kapitän von seiner eigenen animalischen Natur verschlungen und die filmische Sequenz, in der Gregory Peck mit seinem Holzbein auf dem weißen Wal hängt wie der Gottseibeiuns mit der Harpune auf ihn einsticht, zeigt die Tragikomik dieses Walkampfes: Da wird der heilige Georg zum Drachen und umgekehrt.

Dass wir im Außen das anziehen, was wir im Inneren liegen lassen, zählt zu den Grundaussagen der Psychologie. Diese Geisterbahn, dieses Potpourri der Schatten wird dann zu Zeiten des Wahlkampfs gerne eröffnet. Wie gesagt, Bindungen fesseln und wir alle sind wie Ahab durch die Prothesen unserer Defizite an unser gehegtes Feindbild gefesselt. Auch wenn es sich beim politischen Gegner in der Regel nicht um ein XXL Format á la Moby Dick handelt, unsere Paranoia schafft diese Aufblähung locker und das Verteufeln kann seinen Lauf nehmen. Humor, in der Branche auch sonst eher selten, kommt jetzt bestenfalls als einbeiniger Spott daher und wird im Sprint des Wahlkampfes dann bald abgehängt. Letztlich geht es ja auch nicht um politische Programme, sondern eher um Tröstungen, ein paradiesisches Träumen und Aufgehoben sein an der pränatalen Nabelschnur im 37° warmen Fruchtwasser. Ganz gleich ob 72 großäugige Huri oder Met einschenkende Walküren in Walhalla oder Mittelstand-Beautys in Penthäusern, die Belohnungen für den Verzicht auf meine Wahlfreiheit zeigen allerorts die gleichen Muster, die aus dem infantilen Schattenreich aufsteigen. Das Paradies scheint ein Wohnpark für Machos, aber vielleicht brauchen wir ja auch kein Gender-Modell. Was bleibt ist die Wahl, weiter den Teufel an die Wand zu malen oder mich mit der Bestie Moby anzufreunden. Ja, wer die Wahl hat…

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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