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Wie Kunstwerke „wachsen“

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Nach dem offiziellen Eröffnungsgespräch zwischen Peer Kling und Heike Jeschonnek nutzten die Gäste der Vernissage die Gelegenheit, mit der Künstlerin ins Gespräch zu kommen. Foto: Britta Sylvester
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„Die Frau kommt aus Berlin, die Bilder auch!“ stellte Kunstvereinsvorsitzender Peer Kling einleitend erst einmal fest, um dann die Frage hinterher zu schieben: „Wie kommt sie hier her?“ Hier her meinte in diesem Fall den Hexenturm. Dort eröffnete Kling am Freitagabend die Ausstellung „Zwielicht“ mit Werken von Heike Jeschonnek. Diese beantwortete die Frage so: „Eine Freundin, Susanne Maurer, hat hier auch schon ausgestellt. Daher kannte ich den Jülicher Kunstverein.“ Der Rest ist Geschichte und bescherte dem Kunstverein die aktuelle Ausstellung, die Werke aus einem ungewöhnlichen Material präsentiert.

Der bevorzugte Werkstoff der Berlinerin ist Wachs, Paraffin genau betrachtet. Damit beschichtet sie Papier, Nessel oder auch Holz. In die erste, durchsichtige Schicht ritzt sie „quasi blind“ eine erste Zeichnung. Die Linien werden erst im nächsten Schritt sichtbar. Denn dann greift Jeschonnek zur Acrylfarbe – manchmal sind es auch Pigmente – und reibt sie in die entstandenen Vertiefungen. Schicht um Schicht, mal mit gefärbtem, mal mit farblosem Wachs, wächst und verändert sich das Bild. Und wenn mal etwas nicht gefällt, dann „schabe ich es einfach ab“, erläutert die Künstlerin. Manche Bilder beginnen auch mit einer „herkömmlichen“ Zeichnung, etwa mit Bleistift, und werden erst später mit Wachs ergänzt und verändert. Ab und an greift Heike Jeschonnek auch zum Bügeleisen und heizt ihrem „wahnsinnig vielseitigen Material“ ein wenig ein. „Wachs bietet eine Vielfalt von Möglichkeiten“, schwärmt sie mit hörbarer Begeisterung für das so ungewöhnliche wie spezielle Material.

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Apropos Bügeleisen, Wachs und Hitze vertragen sich bekanntlich nicht allzu gut und so verwunderte auch die Frage aus dem Publikum nach dem schmelzenden Wachs in der Sommersonne nicht wirklich. „Da warte ich drauf, die Frage kommt immer“, lachte Wachskünstlerin Jeschonnek und erklärte, dass das Material beständiger ist, als man erwartet. Dass die Bilder auch schwerer sind, als man auf den ersten Blick meinen könnte, stellte das Aufbau-Team des Kunstvereins um Hans-Peter Bochem im Vorfeld fest. Ein besonders großes Exemplar – Wachs auf Holz, gerahmt und verglast – brachte es etwa auf 17 Kilogramm.

Und was ist nun drauf auf den wächsernen Kunstwerken? Die Palette der Darstellungen reicht von überlebensgroßen Bienen auf Blütenköpfen über Familienmitglieder der Künstlerin samt Hund und kleinen Stillleben mit alltäglichen Gegenständen wie Teekannen oder Salbentöpfen hin zu detailgetreuen Fischkuttern auf hoher See, winterlichen Landschaften und beinahe abstrakt wirkenden Architekturdarstellungen. Lieblingsmotive hat die Künstlerin offenbar keine, die Architektur habe es ihr aber durchaus besonders angetan, verrät sie. Auf Spaziergängen durch Berlin hat Jeschonnek meist eine Kamera dabei, blickt an den Gebäuden empor und hält fest, was ihr bemerkenswert erscheint, um die Fotos dann im Atelier in Wachs zu bannen. Dabei entstehen faszinierend vielschichtige Kunstwerke in zumeist zarten, eher gedämpften Farbtönen, die ihr Geheimnis oft erst auf den zweiten oder dritten Blick preisgeben. „Das sind Hausfassaden?“, äußerte etwa eine Vernissage-Besucherin erstaunt. Sie habe die Werke für abstrakt gehalten. Abstrakt sei ihre Kunst ganz und gar nicht, „wenn, dann nur aus Versehen“, schmunzelt die sympathische Berlinerin.

Dem Kunstverein ist mit der aktuellen Ausstellungen ein sehenswerter Coup gelungen, der einen Ausflug die steilen Treppenstufen hinauf in Jülichs Wahrzeichen allemal lohnt. Jeden Samstag und Sonntag zwischen 11 und 17 Uhr steht die Tür am Fuß des Hexenturms offen und lädt zur Entdeckungsreise in die wächserne Bilderwelt von Heike Jeschonnek.


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