Punkt 20 Uhr steht Jürgen Becker im schicken hellblauen Anzug mit rosa Turnschuhen auf der Bühne. Heintje hat ihn mit „Maaamaaa!“ sozusagen rein gerufen. Hätte es nicht wenigstens „Paaapaaa!“ heißen sollen? Kurz vor Beginn wurde gleich zweimal der Notausgang direkt rechts neben der Bühne kontrolliert. Davor, wie in Verkaufspose fluchtbereit geparkt, fiel mir Jürgen Beckers Elektroauto auf, lackiert in einem genau zum Anzug passenden Blau.
Das volle Spektrum an Stilrichtungen der Pop- und Schlagermusik mit all seinen Nuancen und Innovationen, das all unsere Lebensgeschichten täglich beflügelt und begleitet hat und auch weiterhin stets begleitet, steht uns bevor: „Ich fühl mich Disco“ oder etwas ausführlicher: „Deine Disco – Geschichte in Scheiben: Wie Musik Politik macht“ heißt sein aktuelles Feuerwerks-Programm.

Jürgen Becker stellt nacheinander all die Lieder vor, die, ja, ich möchte sagen, entweder unser Leben ausmachen oder aber uns in die Flucht getrieben haben. Beides ist unvergesslich. Er geht vor wie ein Pilot. Rechts ein unübersehbar großer Steuerhebel, damit hebt er ab, startet voll durch, gibt Vollgas, volle Kanne Musik und dann geht er wieder runter vom „Gas“. Wir wollen ja auch seine Texte verstehen. Seine überbordende Phantasie voller Einfallsreichtum bahnt sich den Weg bis in die letzte Reihe.
Beliebt sind seine hanebüchenen Schlussfolgerungen wie etwa die Erklärung, wer oder was zur Gründung der mit fast zwei Millionen Mitgliedern fast größten Gewerkschaft ver.di geführt hat. Und? Kommt Ihr selbst drauf? Na, ja, Stichwort: Giuseppe mit Zylinder und weißem Schal, so eine Art früher Johannes Heesters, wage ich zu ergänzen. Jedes Lied plus Kommentar wird zur Punktlandung. Es geht Schlag auf Schlag. Mit Links bedient er ein Tablet. Volle Aufmerksamkeit im Steh-Cockpit. Alles läuft Sekunden genau nach Plan. Schon bald ist das Publikum kaum zu bremsen. Es will vor allem eines: Lachen und Mitsingen.
20 Minuten Pause, auch wieder auf die Minute genau. Jetzt startet er noch einmal durch. Ein Zweistunden-Programm mit einem wohlgeratenen Spannungsbogen. Ich mache mir einen Sport daraus und versuche alles mitzuschreiben,. Er gewinnt, ist einfach schneller trotz der vergönnten Atempausen, wenn zum Beispiel Kohl die Nationalhymne intoniert oder Scheel hoch auf dem gelben Wagen sitzt. Am Ende stemmt Jürgen Becker höchstselbst mehrere Kisten Kölsch auf die Bühne und lädt zur Entspannung ein. Ihm entgeht nichts. So hat er gesehen, dass ich einen Kuli leer geschrieben habe und drückt mir spontan seine Programm-CD in die Hand, „damit de nicht mehr so viel schreiben musst.“

Der sympathische Kabarettist zum Anfassen ohne jeden Dünkel arbeitet schon an seinem nächsten Programm. Es wird heißen: „Was spricht gegen einen schönen Abend?“ Erklärung: In der Kölner Südstadt geht Jürgen gerne in die Kneipe von Assad. Den hat das Leben in den Spagat mit Bad Kreuznach gespült und er hat dort auch noch ´ne Kneipe aufgemacht. Rheinland hier, Rheinland-Pfalz dort. Beide führen den Rhein im Schild und doch sind die Mentalitäten sehr unter“schildlich“, erklärt Jürgen: In einer Pfälzer Kneipe kütt kenne und sät: Drink doch ene mit.“ Dort setzt man auf eine lange Anbahnungsphase einer dann aber lang anhaltenden Freundschaft. Die Pfälzer werfen den Kölnern vor: „Dort hast Du einen schönen Abend in einer Kneipe, aber das war´s dann.“ Also: Jürgen Becker bald wieder im Kuba, in dem er sich, wie er glaubhaft versichert, pudelwohl gefühlt hat, mit: „Was spricht gegen einen schönen Abend?“ Ich freue mich schon.
Kleine Bemerkung zu „ausverkauft“: Direkt neben mir ein Mann mit einer auf DinA ausgedruckten Eintrittskarte. Seine Begleitung war unpässlich. Er ist die „Karte“ nicht losgeworden. Sie ist verfallen. Was lernen wir daraus? Never give up, wenn „ausverkauft“ ist! Hingehen, abwarten, Tee trinken. Oft gibt es eine Lösung, zumindest für Einzelpersonen.



















