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„Mut zur Veränderung“

Vom digitalen Wandel auf der einen Seite bis hin zur maroden Infrastruktur auf der anderen – und bei alledem der Mensch im Mittelpunkt: Mit dem Appell „Mut zur Veränderung“ hat IHK-Präsident Wolfgang Mainz vor gut 450 Gästen im Krönungssaal des Aachener Rathauses deutliche Forderungen an die Politik formuliert und motivierende Worte an die Betriebe gerichtet. „So gut die Ausgangslage gerade auch erscheint: Sie ist eine Momentaufnahme“, mahnte Mainz bei der Jahresvollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen: „Wir müssen etwas bewegen, wenn wir unseren Wohlstand wahren wollen!“

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Digitalisierung, Strukturwandel und Fachkräftemangel: IHK-Präsident Wolfgang Mainz spricht vor etwa 450 Gästen im Krönungssaal des Aachener Rathauses über die Wirtschaftslage im Kammerbezirk. Foto: Andreas Herrmann
Digitalisierung, Strukturwandel und Fachkräftemangel: IHK-Präsident Wolfgang Mainz spricht vor etwa 450 Gästen im Krönungssaal des Aachener Rathauses über die Wirtschaftslage im Kammerbezirk. Foto: Andreas Herrmann
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Deutliche Worte fand der IHK-Präsident auch in Richtung der neuen Bundesregierung. „Es gibt zwar einige neue Gesichter, aber inhaltlich scheint die ‚Neo-GroKo‘ eine Archivarin des Status quo zu sein.“ Der neue Koalitionsvertrag lasse den Willen zur politischen Gestaltung vermissen. „Wo ist der Veränderungswille, den man von uns Unternehmern immer fordert, in der Politik?“, fragte Mainz: „Wo sind die Gestalter?“ Die nordrhein-westfälische Landesregierung lobte er hingegen für die geplanten „Entfesselungspakete“ zur Vereinfachung von Gesetzen und Verordnungen sowie für die Lockerung des Landesentwicklungsplans und eine digitalisierungsorientierte Politik.

Die Region und ihr nächster Strukturwandel
Mit Blick auf die Region Aachen, Düren, Euskirchen und Heinsberg rief Mainz die Kommunen zur Stärkung ihrer Finanzen auf. „Auch wenn sich der Etat hier und da verbessert hat: Die Lage ist immer noch angespannt, denn die Begünstigungen sind allein durch eine außerordentlich gute Konjunktur, historisch niedrige Zinsen und verschiedene Einmal-Effekte zustande gekommen“, betonte Mainz. „Außerdem ist es höchste Zeit, wieder gestalterisch am Strukturwandel zu arbeiten“, appellierte der IHK-Präsident: „Unsere Region hat die Wende nach dem Wegfall der Montan-Industrie gut gemeistert, aber in der Produktivität liegen wir noch deutlich unter dem Landes- und dem Bundesdurchschnitt.“ Das habe die Wirtschaftsstudie des Prognos-Instituts zur Region Aachen im vergangenen Jahr noch einmal deutlich vor Augen geführt. „Jetzt müssen wir uns gemeinsam darum kümmern, den Anschluss in der Metropolregion Rheinland zu halten“, sagte Mainz: „Die Wirtschaft der Region Aachen ist stark, aber sie muss dynamischer werden. Die Erfolge der Vergangenheit sind zwar die Grundlage für die Stärke von heute, aber sie sind kein Garant für den Wohlstand von morgen!“

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„Notwendigkeit zum Aufbruch“
„Mir scheint manchmal, dass in Aachen nicht alle die Notwendigkeit für einen dynamischen Aufbruch sehen – oder sie nicht akzeptieren“, merkte Mainz an. Ein Beispiel dafür sei die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans. Mit den Impulsen aus den Hochschulen in Verbindung mit dem „digitalHUB Aachen“ und anderen Einrichtungen habe die gesamte Region optimale Voraussetzungen. „Dafür muss sie den Unternehmen und deren Mitarbeitern allerdings genügend Raum zum Arbeiten und Wohnen bieten.“ Die kürzlich gewählte IHK-Vollversammlung stelle derzeit ein Legislaturprogramm auf, in dem diese Aspekte eine Rolle spielten. Das Ergebnis solle in ein regionales Handlungskonzept einfließen, das die Kammer mit dem „Zweckverband Region Aachen“, der AGIT und den Gebietskörperschaften erarbeite.

Die Verkehrswege und das „historische Zeitfenster“
Dringenden Handlungsbedarf gebe es unterdessen nach wie vor im Bereich der Infrastruktur: „Jahrelang haben wir den Sanierungsstau beklagt. Jetzt stehen bei Bund und Land ausreichend Finanzmittel zur Verfügung. Damit hat sich ein historisches Zeitfenster geöffnet“, sagte Mainz: „Wenn wir das nicht nutzen, bleiben wir buchstäblich auf der Strecke.“ Oberste Priorität besäßen dabei der Erhalt und die Sanierung der Verkehrswege. Dabei gehe es vor allem um die zahlreichen Brücken in der gesamten Metropolregion Rheinland. „Jede gesperrte Brücke kostet nicht nur die Logistikwirtschaft viel Zeit und Geld“, betonte der Aachener Unternehmer. Durch die aktuelle Verkehrssituation habe ein Logistikbetrieb derzeit Zusatzkosten von 1.750 Euro zu stemmen – pro Tag.

Ausbildung und Fachkräftemangel
Herausforderungen erwarteten die Unternehmen der Region indes auch im Bereich der Ausbildung. Knapp 4.600 junge Menschen hatten 2017 im Kammerbezirk Aachen eine Ausbildung begonnen. Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge liege damit auf dem Niveau des Vorjahres. „Das ist ein solider Erfolg in einer Zeit, in der es demografisch bedingt immer weniger Schulabgänger gibt und diese häufiger eine akademische Laufbahn wählen“, sagte Mainz. Mit bundesweit einer halben Million decke sich die jährliche Zahl der Ausbildungseinsteiger mit derjenigen der Studienanfänger. Ebenfalls jedes Jahr würden 100.000 junge Menschen – 20 Prozent – ihr Studium abbrechen. „Das sind mehr Menschen als die Stadt Düren Einwohner hat“, gab Mainz zu bedenken. „Wir brauchen dringend junge Leute, die in den Betrieben zu Fachkräften ausgebildet werden.“ Trotz der aktuell insgesamt gut 12.000 Auszubildenden im IHK-Bezirk Aachen stünden die Betriebe „vor essenziellen Herausforderungen. Für die Unternehmen wird es in der gesamten Region immer schwieriger, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen“, mahnt Mainz. Erfreulicherweise sei die Zahl der Ausbildungsbetriebe im IHK-Bezirk noch konstant geblieben. Um Jugendliche möglichst früh für das Thema der betrieblichen Ausbildung zu gewinnen, habe die Kammer seit einiger Zeit etwa 150 Azubis aus zahlreichen Betrieben als „Ausbildungsbotschafter“ in die Schulen gesandt – mit großem Erfolg. „Umso weniger verstehe ich, dass die neue Landesregierung plant, diese Initiative Ende 2018 überraschend einzustellen“, kritisierte Mainz: „Diese Entscheidung ist kontraproduktiv. Dass die Regierung neue Akzente setzt, ist ein guter Ansatz, aber das darf nicht dazu führen, dass junge, erfolgreiche Initiativen lebendig begraben werden.“

Weiterbildung und Integration
Einen deutlichen Appell richtete der IHK-Präsident auch an die Unternehmen: „Leider zeigen die Statistiken der vergangenen Jahre, dass die Fort- und Weiterbildung in unserer Region teilweise vernachlässigt wird. Das müssen wir ändern!“ Wenn die Zahl der Fachkräfte durch den demografischen Wandel immer knapper werde, gelte es umso mehr, bewährtes Personal fortzubilden. „Zu einer positiven Entwicklung im Betrieb können selbstverständlich auch Menschen beitragen, die aus ihrer Heimat nach Deutschland geflüchtet sind“, sagte Mainz. Aus diesem Grund habe die IHK Aachen vor einigen Monaten eine halbe Million Euro für Integrationsarbeit bereitgestellt und für realistische Regelungen gekämpft: „Mit der Einführung der ‚3-plus-2-Regel‘ haben wir erreicht, dass Geflüchtete für die gesamte Zeit ihrer Ausbildung in Deutschland geduldet sind“, resümierte Mainz: „So erhalten beide Seiten die Perspektive, dass eine begonnene Ausbildung auch zum Abschluss kommt.“ Auch das gemeinsame Engagement von IHK und Betrieben in der Region habe bereits Früchte getragen: Etwa 180 geflüchtete Menschen hatten im vergangenen Jahr eine Lehrstelle gefunden. Ein 22-jähriger Absolvent aus Bangladesch habe seine Ausbildung zum Elektroniker vor kurzem mit der Note „sehr gut“ abgeschlossen.

Digitale Dringlichkeit
Für „sehr gut“ befand Mainz auch die Bemühungen zahlreicher regionaler Akteure um den Fortgang der Digitalisierung. „Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte hinweg erfolgreich funktioniert haben, werden innerhalb kürzester Zeit vom Markt verdrängt – teilweise ersetzt durch digitale Lösungen.“ Als Antwort auf diese Entwicklung hätten bereits 50 Betriebe aus dem Kammerbezirk Interesse am Ausbildungsgang „Kaufleute im E-Commerce“ angemeldet, den die IHK-Organisation vor kurzem mit ins Leben gerufen hatte. „Die Digitalisierung ist kein Schlagwort für eine Utopie“, betonte Mainz: „Jeder Unternehmer muss seine Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen – und womöglich neue erarbeiten.“ Dabei könnten die Betriebe auf professionelle Unterstützung in der Region zurückgreifen, etwa das Netzwerk des „digitalHUB Aachen“ oder das „Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0“ im Werkzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen. Um Start-up-Betriebe, etablierte Unternehmen und Kommunen bei der Entwicklung und Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle zu unterstützen, fördere die IHK Aachen die Pläne der „GründerRegion Aachen“ und des „digitalHUB“ zur Errichtung einer „New Business Factory“.

Der Mensch im Mittelpunkt
„Wirtschaftlicher Erfolg ist eine Errungenschaft“, betonte Mainz zum Abschluss seiner Rede: „Eine Leistung, die sich aus den Handlungen von Menschen ergibt – seien es Unternehmer, Mitarbeiter, Freiberufler, Wissenschaftler oder Politiker.“ Um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben und Akzeptanz für den digitalen Wandel zu erfahren, gelte es für jedes Unternehmen, seine Mitarbeiter bestmöglich einzubeziehen. „Wo und wer sind die Gestalter?“, sagte Mainz: „Warten wir nicht darauf, dass die ‚große Politik‘ uns den Weg weist.“
Die komplette Jahresrede im Internet.
Der Film „Mut zur Veränderung“ im Internet:


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