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Das Spektrum „Oppenheimer“

In der aktuellen Kinokolumne gibt es eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Film „Oppenheimer“.

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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Zu Anfang von „Oppenheimer“ wird Prometheus zitiert. Im Film hast du kaum Zeit zum lesen dieser Weisheit. Entweder Du weißt schon vorher alles oder du hast verloren. Am besten legst Du jetzt den HERZOG aus der Hand und verbringst den Rest des Tages mit dem Studium der griechischen Mythologie, dann bekommst Du auch ein Gefühl für Oppenheimer, den Atom-Bombenbauer und -leger. Er hat die Abwurf-Ziele in Japan mit entschieden. Also, bei dem Mythos Prometheus, dem Vorausdenkenden, geht es vor allem darum, dass er den Menschen das Feuer gebracht hat. Feuer und Bombe, dass sind enge Verwandte.

Natürlich ist „Oppenheimer“ ein Film über die Entwicklung der Atombombe und über die USA in dieser Zeit. Dazu gehört aber vor allem auch der anmaßend selbstherrliche und übereifrig ambitionierte Machtanspruch einer Weltmacht, die von sich überzeugt ist, dass nur sie erlesen ist, die Welt zu retten oder zu zerstören. Feindbild Nummer eins der USA ist dabei der Kommunismus. Oppenheimer hat das Kapital gelesen, alle drei Bände und ging zu Versammlungen, um sich mit der Welt als Ganzes auseinander zu setzen. Spätestens nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki bekommt der Physiker Gewissensbisse. Im Film bittet ihn seine Geliebte, etwas aus der Gita vorzulesen. Dieser „Gesang des Erhabenen“ ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Er liest also vor: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ Das Zitat passt natürlich wie die Faust aufs Auge, hat aber einen Shitstorm aus Indien provoziert. Es bedeute einen Angriff auf die Hindu-Gemeinde.

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Über Social Media verbreiteten sich Aufrufe wie „Boykottiert (den Film) Oppenheimer“ und „Respektiert die Kultur der Hindus“. Das Puzzle artig zusammengesetzte Kinoerlebnis besteht mindestens zur Hälfte aus US-amerikanischem Hexenwahn, der insbesondere vor Oppenheimer nicht Halt gemacht hat, Intrigen inklusive. Ich spare mir aus Platzgründen die Auflistung der internationalen Starbesetzung. Die besten und vollständigsten Besetzungslisten, wer spielt wen, findet Ihr immer bei imdb.com. Die führenden Atomphysiker der Welt von damals sind natürlich vertreten, Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg (mein Vater hat ihn übrigens 1963 in der „Kernforschungsanlage Jülich“ als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit begrüßt und herumgeführt), Wolfgang Pauli, Ernest Lawrence und Edward Teller, der „Vater“ der Wasserstoffbombe, wobei ich das Wort Vater an dieser Stelle nicht ertrage, Täter passt wohl besser für den potentiellen Töter.

Die Musikbegleitung ist ein wenig nervig und lenkt von den pausenlosen Dialogen ab, die doch eine gewisse Konzentration erfordern. Und immerhin ist der Film drei Stunden lang. Zudem musste ich die Vorführung neben einem Popkorn-Fresser und -Stinker ertragen. Das bleibt Euch im Kuba-Kino erspart. Auf meine Anregung hin läuft „Oppenheimer“ dort am 11. und 12 September, jeweils um 20 Uhr. Kein Wohlfühlkino, aber sehr lohnend.

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Peer Kling
Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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