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Stadt Jülich möchte Broicher Bürger nicht im Regen stehen lassen

Bei einer Informationsveranstaltung zum Flutkatastrophenschutz der Stadt Jülich und des Wasserverbandes Eifel-Rur (WVER) brachten Broicher Bürger auch eigene Ideen ein und sorgen sich weiterhin vor den Schlammmassen nach dem Starkregenereignis vom letzten Juni.

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Dr. Matthias Kufeld vom Ingenieurbüro Nacken erläuterte die geplanten Maßnahmen. Foto: Sonja Neukirchen
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Zum wiederholten Male hatte ein extremer Starkregen dem Ort Broich am 22. Juni letzten Jahres Lawinen von Schlamm beschert und großen Schaden angerichtet. Auf seinem Weg ins Dorf hatte die Flut Schlamm und Geröll der umliegenden Felder mit sich gerissen und in die Straßen in Hanglage gespült. Dieser füllte unter anderem Garagen und ließen Gulli-Deckel steigen, wussten Anwohner – noch immer entsetzt – über die anrollenden Schlammmassen zu berichten. Der Bahndamm vor der Siedlung wirkt bei solchen Wetterlagen wie ein Nadelöhr für die Schlammassen, die sich nicht verteilen können.

Der Beigeordnete Richard Schumacher eröffnete stellvertretend für die Stadt Jülich den Abend mit einer Situationsanalyse: Hochwasser und Starkregen wie 2008, 20020 und 2023 würden zunehmen. „Wir werden betroffen bleiben.“ Die Stadt Jülich sei nach dem letzten Jahr auf den WVER zugegangen, um einen Planungsprozess zu beschleunigen, der bereits 2009 für den Ort Broich begonnen hatte. Das Extremwetterereignis in 2023 habe jedoch noch deutlich über 2008 gelegen und sei damit so nicht in die Planung geflossen, erläuterte Dr. Matthias Kufeld vom Ingenieurbüro Nacken. Allerdings gelte es bestimmte Standards bei den Maßnahmen einzuhalten, die für alle betroffenen Orte gleich sein müssten („HQ100“, Hochwasser mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von eins zu hundert in einem Jahr). Da könne Broich keine Ausnahme bilden, erläuterte auch Schumacher, der bei der Stadt Jülich im Stab für außergewöhnliche Ereignisse aktiv ist.

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Die Stimmung der Bürger an dem Abend war entsprechend besorgt. Alle Wortmeldungen blieben aber sachlich und konstruktiv. Kern der vorgestellten Lösung: Die drei Entwässerungsgräben, die bisher an verschiedenen Stellen in den Ort gelaufen seien, sollen noch vor dem Bahndamm durch eine Art Querspange – einem Wasserkanal – aufgegriffen werden und gemeinsam in eine Rohrleitung mit wesentlich höherem Durchmesser als bisher umgeleitet werden. Diese neue Rohrleitung liege dann außerdem tiefer und habe deutlich mehr Gefälle, was zu einer mehr als doppelt so hohen Effizienz wie bisher führe, so Kufeld.

Viele Interessierten kamen zur Info-Veranstaltung. Foto: Sonja Neukirchen

Außerdem im bestehenden Konzept vorgesehen: insgesamt vier sogenannte Bergrostgitter. Diese sollen künftig das Wasser bereits an der Oberfläche vom Schlamm befreien und von einem Auffangbecken in den Kanal geleitet werden. Im Gespräch mit den Bürgern zeigte sich, dass ein fünftes notwendig sei, und zwar am mittleren Bachlauf.

Im Januar soll die sogenannte Deckblattplanung bei der unteren Wasserbehörde des Kreises Düren eingereicht werden. Mit einem Baubeginn sei jedoch erst im zweiten Quartal des Jahres 2025 zu rechnen, erläuterte Dr. Antje Goedeking vom WVER. Die gesamte Maßnahme sei mit 1,5 Millionen Euro veranschlagt. Ein Antrag auf entsprechende Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen ist ebenfalls fest eingeplant.

Die Bilanz des Abends: Eine intensive Diskussion, bei der manche Bürger ihr Misstrauen äußerten, ob die größeren Rohre aus dem vorgestellten Maßnahmenplan tatsächlich ausreichen können, den Schlamm aufzuhalten. Einige Teilnehmer waren aber auch positiv überrascht von den Lösungsvorschlägen der drei Wasser-Experten. Nicht zuletzt halfen gute ortskundige Anregungen aus der Bürgerschaft den Mitarbeitern des Planungsteams, ihren Entwurf künftig noch zu verfeinern.

Im Detail erläuterte Kufeld die Ausgangssituation in Broich so: Das Wasser werde nicht mehr richtig kanalisiert (kritisch besonders für Knauzengracht und Hundsschleidener Weg). Einer der drei Entwässerungsgräben ende innerorts im Mischwasserkanal. Dieser Umstand habe letztendlich zum Schlamm in der Kanalisation geführt.

Dr. Antje Goedeking (v.l.),Dr. Matthias Kufeld,  Dr. Gerd Demny und Richard Schumacher standen auf dem Podium für Fragen und Antworten zur Verfügung. Foto: Sonja Neukirchen

Das praktische Ziel sei es, bestehende Einläufe der Kanäle zu erhalten und die Zuflüsse dorthin zu verbessern, erklärte Kufeld. Ein Längsschnitt des geplanten, tiefergelegten Rohrsystems unterhalb des Bahndamms, der Kreuzungen Am Feldrain/Hundscheidener Weg und Am Feldrain/Alte Dorfstraße sowie hin zum untersten Abschnitt in der Weide, zeigte anschaulich, wie viel tiefer und mit wie viel mehr Gefälle der neue Kanal laufen soll. Der Baustellenverkehr soll beim Bauabschnitt unterhalb des Bahndamms über die Alte Dorfstraße erfolgen und entlang des Bahndamms über verschiedene Wirtschaftswege.

Beeinträchtigungen während des Baues seien nicht zu vermeiden. Doch die Anwohner der Knauzengracht würden auch während der Maßnahmen immer an ihre Grundstücke kommen, versprach Kufeld. Es sei mit etwa einen Monat lang mit Behinderungen an den Unterführungen zu rechnen.

Aus dem Saal kam mehr als einmal die Sorge, dass auch mit den neuen und tiefergelegten Rohren – mit einer Kapazität von DN 800 statt DN 600 (und DN 400 an der engsten Stelle der bisherigen Rohrleitungen) nicht der gesamte Schlamm aufgenommen werden könne. Auch, weil die bestehenden Anschlussleitungen das nicht aufnähmen. In der Rurwiesenstraße sei der Schlamm bis zu 40 cm hoch und 8 bis 12 Meter breit gewesen, veranschaulichte ein Bürger. Die angesprochenen Bestandseinläufe seien nochmal daraufhin zu prüfen, versprach Kufeld.

Der Schlamm solle durch die Bergrostgitter aber gar nicht erst bis in den Ort fließen, erläuterte Dr. Gerd Demny vom WVER. Wenn er erstmal dort sei, dann sei nichts mehr zu machen.

Ein weiterer Einwand einer Bürgerin bezog sich darauf, dass die vorgestellten Maßnahmen hauptsächlich auf das Unterdorf bezogen seien. „Was ist mit dem anderen Dorfteil? Wir sind ja nicht weniger abgesoffen“, stellte die Besitzerin eines Neubaus fest. Dazu erklärte Demny, dass dies mit der Herkunft des Wassers zu tun habe. Das Wasser käme an der Stelle eben nicht aus einem Gewässer, sondern sei wild abfließend. Aus diesem Grunde sei bei Starkregen nicht der Wasserverband, sondern jeder Immobilienbesitzer selber zuständig, sich davor zu schützen, dämpft Demny die Erwartungen einer Rundumsorglos-Lösung.

Rainer Johnen, Vorsitzender der Ortsbauernschaft wies auf eine weitere Lösungsmöglichkeit über das Konzept hinaus hin: Bereits vor den landwirtschaftlichen Flächen, deren wertvolle Böden sich bei Starkregen in die bedrohlichen Schlammlawinen verwandelten, solle die Grabenanlage wieder ertüchtigt werden. Dort habe sich Biomasse angesammelt. Und mit Wasserbausteinen könne Schlamm schon dort zurückgehalten werden. Dies könnten die Landwirte in Eigenregie leisten, schlug er vor.

„Ich fand es gut und überlegt. Ich gehe davon aus, dass das funktioniert“, kommentierte Heinz Leipertz aus Broich den Vortrag des WVER. Er erklärte, dass es früher, schon vor dem Krieg, bereits vier Flutgräben in Broich gegeben habe, worauf teilweise heute Häuser gebaut seien. Manche Häuser stünden auch in einer Senke. Robert Helgers vom Tiefbauamt Jülich versprach, wenn es Grundprobleme mit der Immobilie gebe, „dann kommen wir raus“, und sendete damit das Signal, die Bürger buchstäblich nicht im Regen stehen zu lassen.


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