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Die freiwillig durchs Feuer gehen

Feuerwehr… das klingt nach Abenteuer. Da läuft vor dem inneren Auge sofort ein Film ab von Frauen und Männern, die mitten in die Flammen gehen und heldenhaft mit Kleinkindern auf dem Arm herauskommen oder Tiere aus Bäumen retten und auf dankbare Menschen treffen. Tatsächlich gibt es einen Grund, warum das Eintrittsalter für den aktiven Feuerwehrdienst 18 Jahre beträgt.

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Foto: Roman Maerzinger / Adobestock
Foto: Roman Maerzinger / Adobestock
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„Es gibt Einsätze, die verkraftet man vielleicht auch mit 25 Jahren noch nicht.“, weiß Andre Abels, Hauptfeuerwehrmann im Löschzug 1 der Freiwilligen Feuerwehr in Jülich, aus eigener Erfahrung. Bei ihm sind Bilder im Kopf, die weniger romantisiert sind. Sie haben mit Erlebnissen bei schweren Autounfällen zu tun, der Unsicherheit, ob sich bei der Alarmierung „Person hinter Tür“ ein Lebender oder Toter findet, oder die Wehr, wie jüngst auf dem Pferdehof, mit verendeten Tieren konfrontiert ist. Aber natürlich erinnert er sich auch auch Einsätze wie „An den Aspen“ im Nordviertel 2016, als ein Hochhaus brannte. „Über Drehleiter haben wir Leute gerettet, über das Treppenhaus… und gleichzeitig Brandbekämpfung durchgeführt, ohne großen Wasserschaden zu hinterlassen. Das war ein Einsatz, von dem man sagen kann: Das ist echt gut gelaufen“, kommt der 37-Jährige fast ins Schwärmen.

Andre Abels ist Hauptfeuerwehrmann. Einer von 288 aktiven Ehrenamtlichen, die für die Jülicher im Stadtgebiet durchs und ins Feuer gehen. Das klingt nach einem starken Team. Die Wahrheit ist: Mehr Freiwillige wären wichtig. Schon zehn mehr wären gut. Das klingt nun wieder wenig, „ist aber wahrscheinlich unrealistisch“, meint Abels skeptisch. Und bis die 64 Jungen und Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren von der Jungfeuerwehr in den aktiven Dienst wechseln können, geht auch noch einiges Wasser die Rur herunter.

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Vor allem für den Tagesdienst wird noch Verstärkung gebraucht und hier speziell bei den Atemschutzgeräteträgern. Denn die müssen vom Arzt eine Tauglichkeitsbescheinigung haben, dass sie das Atemschutzgerät schultern können, das einiges an Gewicht auf die Waage bringt, und dürfen keine Bartträger sein. Klingt kurios, hat aber einen einfachen Grund: Die Maske muss vollständig dicht auf dem Gesicht sitzen können.

Bei der Feuerwehr zu sein, ist kein Hobby oder eine Freizeitbeschäftigung. Es ist ein Ehrenamt, in dem die Einsatzkräfte 24 Stunden allzeit bereit sind. Der Kreis Düren hat nämlich keine Berufsfeuerwehr. Wenn ein Mülleimer brennt, Öl ausgelaufen ist oder wie Ende April Keller nach einem kurzen heftigen Unwetter volllaufen – die Feuerwehr rückt aus und kann im Ernstfall in vier Minuten einen Wagen besetzen. Neun Freiwillige gehören zu einer Wagenbesatzung. Wenn die Feuerwehrleute kommen, sind die Tore schon offen für die Einsatzfahrzeuge, die Kräfte laufen zum Spint, kleiden sich um und besetzen die Wagen. Auf dem Bildschirm neben der Toreinfahrt ist per Googlemaps noch einmal der Einsatz und die Fahrtroute zu sehen.

In der Leitstelle in Düren geht die Alarmierung ein, die meldet an die Einsatzstelle und separat auch an die „Pieper“ der Feuerwehrleute, die heute auch im Handy sind. Dafür gibt es eine eigene App. So kann sofort bestätigt werden, wer einsatzbereit ist und wer nicht. Egal ist, ob sie zu diesem Zeitpunkt beruflich oder privat unterwegs sind. Der Arbeitgeber muss seine Angestellten, die bei der Freiwilligen Feuerwehr sind, gehen lassen. In Jülich kein Problem, sagt Abels, der selbst in Eschweiler arbeitet und darum tagsüber keine Einsätze fährt.

Im vergangenen Jahr war die Feuerwehr allein 446mal zu 106 Bränden und 276 Technischen Hilfen, etwa auch Menschen- und Tierrettung im Einsatz. 64mal allerdings auch vergebens wegen Fehlalarm.

Wer der Feuerwehr beigetreten ist absolviert zunächst eine Grundausbildung. „Dafür kann man etwa ein Jahr veranschlagen“, klärt Andre Abels auf. Dazu gehört die Theorie, in der der Proband lernt, wie der Einsatz grundsätzlich abläuft, was eine Alarmausrückordnung ist, was sich hinter „BD1“ – Brand 1, das ist beispielsweise ein Containerbrand – verbirgt, oder FWDV, das sind die Feuerwehrdienstvorschriften. Außerdem gibt es einen Funklehrgang, einen Lehrgang in Erster Hilfe und technischen Hilfen, etwa das Zerschneiden von Fahrzeugen. Und natürlich Brandkunde: Wie heiß wird ein Feuer? Mit was lösche ich welchen Brand und welche Stoffe, und wie läuft eine Verbrennung ab? Metallbrände dürfen beispielsweise nicht mit Wasser gelöscht werden, weil sich Wasser ab einer bestimmten Temperatur in seine Bestandteile auflöst, dadurch Knallgas entstehen kann, was eine Explosion nach sich zieht. Klar ist aber auch:

„Theorie hat man natürlich immer viel dabei aber grundsätzlich macht nachher vieles die Erfahrung.“

Regelmäßig trainieren die Freiwilligen. Im Sommer immer wieder samstags. „Aufgabe FWDV3. Was macht der Angriffstrupp?“, ruft Gruppenführer Erik Dreßen seinem Übungstrupp zu. Prompt kommt die Antwort: „Rettet!“ Alle lachen. Ein Witz für Eingeweihte, denn die Aufgabe eines jeden Trupps ist erstmal die Menschenrettung. FWDV3, also die Feuerwehrdienstvorschrift 3, regelt den Lösch- und Hilfeleistungs-Einsatz. FWDV7 regelt alles, was mit Atemschutz zu tun hat und FWDV10 regelt alles was, mit tragbaren Leitern zu tun hat.

„Vor dem Fahrzeug aufstellen“, lautet die erste Anweisung, die tatsächlich auch im Einsatz so gegeben wird. Denn hier wird den Kräften vom Gruppenführer der Sachverhalt erklärt und die Anweisungen erteilt. Im Höchstfall dauert das im Einsatz ein bis zwei Minuten – bei der Übung geht es sehr viel gemächlicher zu. Es gibt eine klare Ordnung: Am Fahrzeug steht der Maschinist, der fürs Fahrzeug und seine Ausstattung zuständig ist, dahinter der Melder, dann kommt der Angriffstrupp, der alles zu wiederholen hat, was der Gruppenführer erklärt hat, vor dem Schlauchtrupp. „Zur Lage: Wir haben ein Feuer auf dem Flachdach. Der Melder unterstützt den Schlauchtrupp, der Schlauchtrupp nimmt die Steckleiter vor und der Angriffstrupp nimmt zur Brandbekämpfung mit C-Rohr über die Steckleiter auf das Dach vor. Lage des Verteilers: fünf Meter vor dem Gebäude. Wasserentnahmstelle ist unser Hydrantenmännchen an der Brücke. Und los!“ gibt Erik das Kommando. Nach dem Einsatz wieder alles zurückgebaut: Schläuche aufgerollen, Leitern auf dem Dach befestigt…

Derweil sind in der Wache die Atemschutzgeräteträger beim Notfalltraining: Systemwechsel und das Anlegen von Rettungshauben. „Ich zeig Euch das jetzt mal und dann macht ihr das bitte in Zweitertrupps nach“, weist Alexander Staruß die Feuerwehrleute an. „Der Truppführer sitzt vorne, der Truppmann sitzt am Kopf. Was ihr bedenken müsst, ist, dass ihr den Truppkameraden, der dabei ist, mit einbindet.“ In 99 Prozent aller Atemschutznotfälle, so erfährt der Laie, ist ein Systemwechsel vor Ort notwendig. „Die Zeit, die ihr hier verwirkt, bekommt ihr nicht mehr wieder.“ Und auf einmal wird der Ernstfall fast körperlich spürbar. Von „Nullsicht“ ist die Rede. „Vor dem Einsatz, macht ihre eine Einsatzkurzprüfung, bereitet Euch alles weitgehend vor. Der Lungenautomat ist auch schon soweit angeschlossen, dann geht ihr mit der geschlossenen Tasche rein.“ Alles muss griffbereit und blind zu ertasten sein, damit es entsprechend schnell gehen kann.

Aber nicht nur Einsichten auf der Wache Lorsbecker Straße erhalten Feuerwehrleute – sondern auch fulminante Aussichten. „Das ist der große Vorteil, den man bei der Feuerwehr hat:

Man sieht Orte, an die Normalsterblicher normalerweise nicht kommen“,

sagt Andre Abels lächelnd und die Augen leuchten. Besonders in Erinnerung ist ihm die Übung auf dem Propstei-Kirchturm. Hier wurde 2014 das Abseilen einer verletzten Person aus dem Glockenturm trainiert – und ganz nebenbei entdeckt, dass der Turm baufällig war… „Ich bin auch in Stetternich auf dem Wasserturm gewesen… Das war phänomenal. Man muss eine Leiter erklettern, 60 Meter hoch. Aber dieser Ausblick vom Dach! Das ist einfach unglaublich.“

Zum nächsten Mal in Aktion sehen könnten neugierig gewordene die Freiwillige Feuerwehr beim Tag der Blaulichter am 2. Juni auf dem Schlossplatz, wenn sich die Frauen und Männer gemeinsam mit den weiteren Hilfsorganisationen vom Technischen Hilfswerk (THW), dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), die sich mit der Rettungshundestaffel angesagt hat, Malteser Hilfsdienst, der Polizei, der Verkehrswacht und der Notfallseelsorge.

Natürlich werden die Gerätschaften und Fahrzeuge vorgestellt und auch Übungen gezeigt werden. Außerdem geht die Drehleiter wieder in luftige 30 Meter Höhe und Fahrzeuge werden zerschnitten. „Vielleicht dürfen auch Zivilisten sich einmal daran versuchen“, stellt Andre Abels in Aussicht.

Wer abseits des Aktionstages mit der Feuerwehr Kontakt aufnehmen möchte, wählt am besten die Nummer 02461/805 7770 oder geht zu einem Übungstag und nimmt persönlich Tuchfühlung auf. Einzige Bedingung: 10 Jahre müssen angehende Feuerwehrleute mindestens sein – ein Höchstalter gibt es dagegen nicht.

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