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Von K1, Impfung und Quarantäne

„Corona“ hat unseren Wortschatz unliebsam erweitert. Es gibt verschiedene Sprechweisen: Allgemein gebräuchlich „hat man Corona“, weltweit und synonym verwandt wird „Pandemie“ und Covid19 ist das gängige Kürzel für die Erkrankung mit dem Coronavirus SARS-CoV-2. Inzwischen manifestiert sich zumindest in der Schriftsprache für Impfstoff das Wort „Vakzine“. Das Leben wird auch sprachlich komplexer – ist es aber de facto auch im Alltäglichen.

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Grafik: la mechky + / hacky
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Durch die CoronaSchVo, was heute die meisten mühelos in Coronaschutzverordnung auflösen können, gibt es eine Vielzahl an Vorschriften, von denen die AHA-Regeln (Abstand halten – Hygiene-Maßnahmen beachten – Alltagsmaske tragen) wohl am einfachsten zu befolgen sind. Unterschiedliche Auslegungen gibt es aber schon zum Thema „Kontaktbeschränkung“. 1 : 1 ist ein Treffen zugelassen, was aber gemeint ist, dass man tunlichst immer wieder nur den einen Kontaktmenschen trifft und nicht an sieben Tagen in der Woche jeweils einen anderen Menschen. Dieses 7 x 1 Kontakte sind nicht verboten, aber nicht ratsam. Dazu kommen viele weitere Missverständnisse im Alltag. Einige von ihnen hat Dr. Norbert Schnitzler, Leiter des Kreisgesundheitsamtes und gefragter Interviewpartner in Corona-Zeiten, mit Dorothée Schenk im Gespräch geklärt.

Im Feld „Quarantäne“, „Maskenpflicht“ und „Kontaktbeschränkungen“ hört die Redaktion immer wieder merkwürdige Fallbeispiele oder „seltsame Geschichten“, die für Unsicherheit sorgen. Schön, dass Sie uns für eine Klärung zur Verfügung stehen.

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Dr. Schnitzler: Die meisten seltsamen „Geschichten“ oder Nachfragen können wir bei einem Anruf der Corona-Hotline – 02421 / 22-10 53 920 – aufklären.

Fall 1: Ein Patient findet sich zu einem geplanten Krankenhausaufenthalt in der Klinik ein. Ihm wird ein Bett in einem Doppelzimmer zugewiesen. Nach einer Stunde wird er eilends in ein anderes Zimmer verlegt. Der Grund: Bei dem Bettnachbarn war eine Corona-Infektion festgestellt worden. Genau solche Situationen befürchten Patienten. Ist das zu verhindern?

Dr. Schnitzler:

Im Krankenhaus kann ein Patient erst isoliert werden, wenn ein Ergebnis vorliegt. Ich kann die Gefühle gut verstehen, aber Krankenhäuser müssen planen und arbeiten. Wenn sie jedesmal auf die Ergebnisse warten würden, – und es sind ja nur wenige Prozent der Menschen positiv – dann wären die Abläufe nicht mehr gewährleistet. Da muss ich die Krankenhäuser ein bisschen in Schutz nehmen. Oft ist es so, dass überhaupt kein Verdacht auf eine Coronainfektion besteht, die dann sehr überraschend auftaucht. Vor Weihnachten waren die Krankenhäuser häufig absolut an der Kapazitätsgrenze – das kann man nicht anders sagen. Wenn man dann jeden, auch ohne Verdacht, isoliert hätte… So viele Betten und Räume sind leider einfach nicht vorhanden.

Wie ist die aktuelle Situation?

Dr. Norbert Schnitzler. Foto: Kreis Düren

Dr. Schnitzler: Die Lage ist entspannter. Es gibt aktuell keinen Mangel an Intensivbetten mehr. Obwohl ich mich immer etwas schwer tue mit dem Begriff „entspannter“, weil in den Krankenhäusern unglaublich viel geleistet wird. Das ist auch im Moment nicht einfach, aber im Vergleich zur Situation vor Weihnachten hat es sich entspannt.

Fall 2: Freitags kommt ein Anruf aus der Firma: Ein Kollege ist positiv getestet, der Verlauf ist schwer, er ist bereits stationär eingeliefert. Der letzte Kontakt ist eine Woche zuvor gewesen. Das Gesundheitsamt verordnet 7 Tage Quarantäne, aber keine Testung. Es erfolgen Anrufe, um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Nach einer Woche kann der Mitarbeiter ohne Testung zur Arbeit gehen.

Dr. Schnitzler: Ja, wenn die Zeiten eingehalten werden, ist ein Frei-Test nicht nötig.

Am folgenden Montag absolviert die Geschäftsführung dieser Firma einen Schnelltest, der negativ ist, und ruft auf, wieder zur Arbeit zu kommen. Ist das sinnvoll?

Dr. Schnitzler: Es ist immer gut, wenn die eigene Vernunft mitspielt – sage ich einmal wertfrei. Es gibt in der Quarantäneverordnung von NRW die Möglichkeit, sich nach 10 Tagen frei zu testen, und das darf man auch mit einem Schnelltest. Das Entscheidende ist nicht der Zeitpunkt des Anrufes, sondern der Zeitpunkt des letzten Kontaktes. Darum waren nach dem Wochenende die 10 Tage abgelaufen. Ein negativer Schnelltest bedeutet nicht viel – das muss man leider sagen. Schnelltests liefern eine zusätzliche Information. Jeder positive Schnelltest ist wichtig, weil man Menschen damit herausfischt, die infektiös sind. Sie sind aber nur in einem relativ engen Zeitfenster sinnvoll: Mit einem negativen Schnelltest kann man davon ausgehen, dass man in unmittelbarer Zeitnähe – ich sage mal vorsichtig an diesem Tag – wahrscheinlich nicht ansteckend ist. Das ist etwa beim Besuch in Altenheimen, Krankenhäusern oder bei Familienbesuchen sinnvoll. Wenn man eine Infektion sicher ausschließen möchte, braucht man einen PCR-Test. Auch hierfür liegt das Ergebnis inzwischen häufig am gleichen Abend oder am nächsten Morgen vor. Das hat sich deutlich verbessert.

Was ist ein K1-Kontakt?

Dr. Schnitzler: Das ist eine Kontaktperson der Kategorie 1. So bezeichnen wir die Menschen, bei denen mutmaßlich die Ansteckungswahrscheinlichkeit hoch ist. Sie macht sich fest an Zeit und Nähe. Wenn man selbst positiv getestet wird, muss das Gesundheitsamt über Menschen informiert werden, mit denen man mehr als 15 Minuten Kontakt unter 1,5 Metern hatte – das sind die sogenannten K1-Kontakte. Es geht also konkret um die Auskunftspflicht. Da sich die englische Variante schneller überträgt, sollen jetzt Kontakte gemeldet werden, mit denen man mehr als 5 Minuten Kontakt hatten.

Was versteht man unter Pendelquarantäne?

Dr. Schnitzler: Pendelquarantäne wird überall da angewendet, wo ein Ausfall der Arbeitskraft schwerwiegende Konsequenzen hätte. Das betrifft etwa Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser, wenn Menschen nicht mehr versorgt werden könnten. Das kann ausnahmsweise auch einmal in einer Arztpraxis sein. Für die Menschen bedeutet es, dass sie dem Grunde nach in Quarantäne sind, sich zu Hause aufhalten und niemandem treffen können, aber den Arbeitsplatz auf direktem Weg ohne Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln aufsuchen dürfen. Am professionellen Arbeitsplatz dürfen sie mit FFP2-Maske, Abstand, ständiger Händedesinfektion bei einem vertretbaren Risiko und häufiger Testung arbeiten.

Foto: Alexandra_Koch / pixabay

Fall 3: Ein Familienmitglied wird positiv auf Corona getestet. Familienmitglied 2 aus demselben Haushalt lässt sich testen, Familienmitglied 3 nicht. Ist das zulässig?

Dr. Schnitzler: Man darf niemanden zu einer Testung zwingen, weil es ein Eingriff in den Körper ist. Das gilt auch für einen einfachen Rachenabstrich. Hier wird das mildere Mittel der Quarantäne angewendet. Wer betroffen ist, muss dann 14 Tage in Quarantäne verbringen. Damit wäre die Sicherheit für die Allgemeinheit genauso hoch wie eine Testung – man wird nur nie erfahren, ob dieser Einzelfall positiv war oder nicht.

Es ist also immer eine Frage der Einsicht und Eigenverantwortung.

Dr. Schnitzler: Das ist eigentlich das Wichtigste. Wenn sich alle Menschen an die einfachen Regeln halten würden, bräuchten wir keine zusätzlichen Maßnahmen.

Wie stehen Sie zu der Aussage, dass es besser wäre, wenn die Menschen sich – kontrolliert – in der Öffentlichkeit aufhalten würden? In die Häuser und Wohnungen kann man ja nicht hineingucken.

Dr. Schnitzler: Das genau ist das Problem. Und man kann ja nicht überall daneben stehen. Wenn gehäuft Fälle auftreten, stellen wir fest, dass es oft Familienverbünde sind. Die Menschen sind verständlicherweise nach fast einem Jahr auch der Maßnahmen überdrüssig. Das ist menschlich. Es sehnen sich alle wieder nach Normalität. Es ist aber trotzdem wichtig, dass wir uns alle an die Regeln halten – zumindest noch bis ins Frühjahr hinein.

Immer öfter ist zu hören, dass die Menschen sich ihre Kräfte zum Durchhalten einteilen müssen. Es wäre schön, wenn es eine Perspektive gäbe, wann alle wieder durchatmen könnten. Große Hoffnungen werden auf die Impfungen und auf das Frühjahr gesetzt.

Dr. Schnitzler: Das Frühjahr alleine wird keine Besserung bringen. Auch beim letzten Mal hatten wir zu dieser Zeit einen relativ harten Lockdown. Dadurch wurde zuerst einmal erreicht, dass die Zahlen sehr niedrig waren. Zu diesem niedrigen Niveau kamen gleichzeitig das schöne Wetter und die Möglichkeit, sich viel im Freien aufzuhalten. So ist der Sommer sehr gut verlaufen. Das ist aber kein Automatismus. Ich bin trotzdem verhalten optimistisch. Was ich noch nicht einschätzen kann, ist der Einfluss der Varianten des Virus. Das ist ein echter Unsicherheitsfaktor. Was das Impfen angeht, bin ich sehr optimistisch, und es ist auch realistisch, dass wir im Hochsommer – Juni / Juli – jedem ein Impfangebot machen können. Wenn das soweit ist, dann ist, salopp gesagt, die Messe gelesen. Dann werden wir nicht in eine völlige Normalität kommen, aber doch in eine sehr angenehme Realität.

Die Fahne weht vor dem Corona Zentrum Koslar. Foto: Björn Honings

Apropos Impfungen: Das Coronazentrum Koslar hat Interesse signalisiert, ebenfalls Impfzentrum zu werden. Würde das die Situation im Nordkreis Düren nicht entspannen, weil die Menschen nicht extra nach Düren fahren müssten?

Dr. Schnitzler: Aktuell ist es so, dass ein Impfzentrum pro Kreis vorgesehen ist. Und unser Impfzentrum ist noch lange nicht an der Auslastung. Es ist bei allen zu beachtenden Vorschriften nicht trivial, ein zweites Impfzentrum zu eröffnen. Sie können sicher sein, wenn die Kapazität des Zentrums in Düren nicht mehr ausreichen und weitere Impfzentren benötigt würden, wäre es klar, – das sage ich mal ungeschützt – dass es in den Nordkreis ginge. Ich habe aber ein bisschen die Hoffnung, dass wir das nicht mehr benötigen, weil die Impfungen hoffentlich bald in die Arztpraxen gehen. Wenn wir Impfstoffe haben, die man entsprechend lagern kann, wäre es eigentlich die beste Lösung. Wenn dann eine große Praxis wie das Coronazentrum Koslar das Angebot macht, Impfungen auch für andere Kollegen mit zu übernehmen, dann wäre das aus meiner Sicht doch super. Entscheiden müssen das aber die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen untereinander.

Lassen Sie mich dazu noch einen kleinen Aspekt anfügen: Es wird viel über die Impfungen geschimpft, dass die Verabreichung zu lange dauert. Es ist immer schwer, wenn man für so viele Menschen gleichzeitig Termine machen muss. Dass es zu Verärgerungen kommt und man sich fragen kann, ob zur Kontaktaufnahme die richtigen Medien gewählt worden sind, steht auf einem anderen Blatt. Aber es ist gelungen, in weniger als einem Jahr überhaupt Impfstoffe zu entwickeln, von denen man auch noch weiß, dass sie wirken. Ich glaube, wir sollten ausgesprochen dankbar sein, dass es überhaupt diese Perspektive gibt. Ich finde das eine so unglaubliche Leistung von der Weltgemeinschaft. Daran haben ganz viele Menschen gearbeitet. Man soll sich doch einfach mal freuen, dass so etwas möglich ist. Und ob das noch einen Monat mehr oder weniger dauert… Ich meine, da müssen wir mal ein wenig geduldig sein.

Foto: tee

Wie stehen Sie zu folgender Aussage: Wir müssen uns darauf einstellen, dass uns Corona nicht mehr verlässt – ähnlich wie die Grippe.

Dr. Schnitzler: Ich würde das auch so einschätzen. Grippe ist ein gutes Stichwort. Sie fällt dieses Jahr aus. Nicht völlig, aber es gibt deutlich weniger Fälle als sonst. Das liegt sicher vor allem an den Corona-Schutzmaßnahmen. Daran sieht man aber auch, wie eine Infektionserkrankung sich verhält, die unserem Immunsystem lange bekannt ist, gegen die es eine Impfmöglichkeit gibt – auch wenn noch lange nicht jeder geimpft wird. Wenn uns Corona in den nächsten Jahren so beschäftigt wie jetzt die Grippe, dann bin ich hochzufrieden.

Dem Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, der Masken wird ein großer Einfluss zugesprochen. Ärzte haben auf Nachfrage erklärt, dass sie Erkältungs-, Magen-Darm- und Grippeerkrankten weniger stark beanspruchen als in den vergangenen Jahren.

Dr. Schnitzler: Das ist signifikant. Das Robert-Koch-Institut hat gemeldet, dass es bundesweit im Februar erst 400 Grippemeldungen gab; normalerweise sind es tausende. Auch schwerste Erkrankungen wie bakterielle Hirnhautentzündungen und Tuberkulose wurden deutlich seltener festgestellt. Es könnte sein, dass wir so viel von Corona lernen, dass wir künftig in der Grippesaison vielleicht beim Einkaufen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln auch Maske tragen. 2017/18 gab es 25.000 Grippetote bundesweit – es würde sich also lohnen, darüber nachzudenken. Aber das ist aktuell vielleicht zu weit in die Zukunft gedacht.


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