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Unentschieden

Gestern hat die deutscheFußball- Nationalmannschaft das letzte Spiel vor der WM gegen Oman absolviert. Das Interesse, so war den Medien zu entnehmen, war mäßig. Am Sonntag beginnt die WM in Katar. Der Austragungsort ist seitenweise als umstritten beschrieben. Wie halten es die Jülicher mit ihrer WM-Fan-Beteiligung? Zwei „Promi-Kneipen-Wirte“ in Jülich haben einem "Public Viewing" in letzter Sekunde eine klare Absage erteilt.

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Große Stimmung herrschte beim Public Viewing im KuBa zur WM 2006. Foto: Archiv | PuK BSuS
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Machtmissbrauch und Korruption – ein Thema das Menschen gerne verdrängen, weil sie es dem „Grundrauschen“ der großen Firmen und der Weltpolitik zuordnen. Bis es plötzlich vor der eigenen Haustüre steht und laut anklopft: Am 20. November beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Katar. Und zwei Jülicher Promi-Wirte bekennen jetzt Farbe: Cornel Cremer, Geschäftsführer vom Kuba, ist sich mit Ross Lynch, Inhaber des Lynch’s Irish Pub, einig: „Bei uns bekommt die WM in Katar Hausverbot.“ Ein Aus also für das Public Viewing in den zwei beliebten Lokalen.

Alles sei schon geplant gewesen für die WM, aber dann habe er dieses Interview im ZDF gesehen mit einem der katarischen Scheichs aus dem Organisations-Komitee: Schwul sein wurde darin als „Damage in the brain“, also als Geisteskrankheit, bezeichnet. Das sei für Lynch der Impuls gewesen, auszusteigen aus seiner WM-Planung. Bei Cremer habe es an dem Tag seiner Entscheidung Vorstandssitzung gegeben. Das Ganze sei kontrovers diskutiert worden und dann die Entscheidung für das „Nein“ einstimmig gefallen. „Aus einer Reihe von Gründen“, sagt er. Beide machen im Dezember ihr normales, geplantes Eventprogramm – ohne WM.

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„Es ist auch ein Zeichen. Wir werden die Fifa nicht beeinflussen, aber wenn wir jetzt nicht anfangen, wann dann“, so Cremer und kritisiert den Fußballweltverband für sein Verhalten. Er sieht sich in seiner Entscheidung bestätigt durch die Reaktionen auf seine Ankündigung der Public Viewing-Absage in den Sozialen Medien: 500 Likes habe er dafür erhalten. Lynch ist außerdem für eine klare Linie: „Auch wenn die Deutschen im Finale stehen. Wir zeigen das nicht“, kündigte er an. „Mal abgesehen von den Menschenrechten. Wir reden über Klimakrise und dort werden die Stadien klimatisiert“, kritisierte Cremer einen weiteren Aspekt der WM. Was die Entscheidung für die wirtschaftliche Seite der beiden Kneipiers bedeute: „Geld ist Geld“, meinte Lynch nur kurz und knapp. Und Cremer glaubt, dass er ohnehin nicht die großen Gewinne gemacht hätte, da die WM die Leute diesmal gar nicht so interessiere. Mit dieser Einschätzung liegt er nicht verkehrt, denn mehr als die Hälfte der Bundesbürger hat laut ARD-Deutschland Trend nicht vor, sich Spiele anzusehen.

Ganz anders positioniert sich hier der Inhaber des Liebevoll, Ben Lövenich: „Wir bewerben die WM nicht aktiv, aber wer sie schauen möchte, kann sie bei uns schauen“, sagte er. Natürlich sei es nicht gut, was da in Katar passiere. Aber wenn wir alles boykottieren würden, wo Menschenrechte verletzt werden, dann müssten wir die Hälfte unserer Kleidung und Mobiltelefone weglassen, findet er. Der Boykott könne nicht auf Ebene der kleinen Geschäftsleute ausgetragen werden, die so ja noch etwas Umsatz generieren könnten, ist seine Meinung zum Thema. „Das, was bei der Fifa läuft, muss auf politischer Ebene geklärt werden.“

Foto: Archiv PuKBSuS

Rechtsanwalt und erster Vorsitzender des Fußballvereins Jülich 1910/97 e.v., Michael Lingnau, schlägt ein wenig die Brücke zwischen den Positionen: Man müsse unterscheiden zwischen dem eigenen Wohnzimmer und dem Public Viewing, das am Ende zu lauten Jubelschreien in der Öffentlichkeit führen könne. Dies sei vor dem Hintergrund der Menschenrechtsverletzungen in Katar nicht angebracht. Er wolle nicht alles schlecht reden. So spiele für ihn die Jahreszeit der Austragung keine so große Rolle, aber die politischen Zustände im Lande, darunter die Unterdrückung der Frauen, sei unakzeptabel. „Rudelgucken, nein“. Das gelte auch für das gemeinsame Schauen im Vereinsheim und diese Entscheidung sei schon vor längerer Zeit gefallen, so Lingnau.

Bürgermeister Axel Fuchs möchte sich bei der WM-Frage nicht auf die eine oder andere Seite der Jülicher Kneipiers schlagen. „Das ist die persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen.“ Aber natürlich hat auch er eine Meinung zum Thema, und die ist, wie erwartet, differenziert. WM zeigen oder nicht – das sei plakativ und greife zu kurz. Man müsse auch bedenken: Wenn mutige Leute in den Stadien seien, die dort protestieren würden, dann entgehe uns das ja dann auch, wenn man den Bildschirm auslässt. Außerdem sei ja schließlich auch noch unsere Mannschaft vor Ort. Aber natürlich begrüßt er die Diskussion, die darüber jetzt entsteht und für das Thema sensibilisiert, egal wie sich jemand entscheidet.

Und wie sehen die Hintergründe aus, gegen die so viele Menschen jetzt plötzlich protestieren? Die WM in Katar ist die teuerste WM aller Zeiten. Geschätzte 150 Milliarden Euro habe die Organisation des Mega-Events gekostet, darunter der Bau sieben neuer Stadien plus sehr viel Investitionen in lokale Infrastruktur, so heißt es in einer vierteiligen Reihe zur WM in Katar in der ARD. Den höchsten Preis dafür zahlten jedoch ausländischen Gastarbeiter: Sie erhielten zum Teil keine Löhne, lebten unwürdig zusammengepfercht und bezahlten im schlimmsten Fall mit ihrem Leben. So geht es aus der Dokumentationsreihe hervor. „Menschenwürdiges Arbeiten hätte der Fifa-Weltverband zur Bedingung für die WM-Vergabe machen können. Er tat es nicht“, kommentierte der ARD-Sprecher. Die Anfragen der Organisation Human Rights Watch seien von der Fifa einfach nicht beantwortet und die Verantwortung für Menschenrechte einfach zurückgewiesen worden, sagte Menschenrechtsanwältin Minky Worden der ARD. Doch bereits die Vergabe der WM an Katar im Jahr 2015 war weltweit als skandalös betrachtet worden, weil Bestechungsgelder für den Zuschlag geflossen waren, wie nach und nach zutage kam. Fußballfunktionäre hatten sich die Taschen vollgemacht. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender hatten darüber berichtet. Doch alles war weiter gelaufen wie geplant, außer einigen personellen Konsequenzen in der Fifa. Auch wenn Katar – selbst laut Fifa Berichten – als klimatisch völlig ungeeignet galt, mit Temperaturen über 50 Grad Celsius zur geplanten WM Austragungszeit. Allein, die Interessen der Spieler standen hier wohl nie im Vordergrund. All das war lange Zeit bekannt, aber war offenbar noch zu weit weg für viele Fußballbegeisterte.

Axel Fuchs gibt noch zu bedenken: Bereits die WM im Jahr 1978 in Argentinien, das sich unter einer Militärdiktatur befand, hätte so eigentlich niemals stattfinden dürfen. Für ihn ist es also kein neues Thema, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Und offensichtlich wird die Sensibilität für das Thema Menschenrechte jetzt auch in der Bevölkerung immer größer.

Cremer und Lynch können sich jedenfalls sicher sein, genügend Rückhalt auch bei den Jülicher Fußballbegeisterten zu finden für ihre Entscheidung: Der Vorsitzende der FC Germania 09 Kirchberg e.V., Sascha Gierkens, findet es jedenfalls richtig, kein Public Viewing zu machen. Die Vergabe der WM an Katar sei ein Fehler der Fifa gewesen. „Die Verletzung der Menschenrechte in dem Land und auch der Zeitpunkt, also die Jahreszeit, hinterlässt bei mir ein ungutes Gefühl und entsprechend sinkt mein Interesse“, sagt er klar. Leid tue es ihm nur um die Sportler, die dieses Mal nicht die verdiente Aufmerksamkeit bekämen.


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