Start Feuerwehr Gewalt, die in keiner Statistik auftaucht

Gewalt, die in keiner Statistik auftaucht

Die Wichtigkeit der Aktion war sofort sichtbar: Bei der Eröffnung der Ausstellung „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) erzählten die Vortragenden stellvertretend aus dem Alltag der Sicherheits- und Rettungskräfte.

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Foto: Ariane Schenk
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Sie sorgen für Sicherheit, für Sauberkeit, versorgen Kranke und trotzdem sinkt in der Gesellschaft der Respekt für diese wichtigen Kräfte in der Gesellschaft. Sie werden bespuckt, angefeindet, angepöbelt. Gewalt gegen Angestellte öffentlicher Behörden und als solche empfundene private Unternehmen nimmt deutlich zu, in Fallzahlen und Intensität. Betroffen sind nicht nur etwa Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr, sondern auch Müllabfuhr, pädagogische Fachkräfte und das Ordnungsamt – die Liste ist erweiterbar. Um auf diese unhaltbare Situation aufmerksam zu machen hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine Ausstellung mit vielen Schautafeln zusammengestellt. Bei der Eröffnung in der Sparkasse am Schwanenteich waren sie nicht nur teilweise erkennbar in Uniform, im Publikum, sie kamen auch persönlich zu Wort. Berichte, die betroffen machen.

Sehr erschreckend illustrierte auch Bürgermeister Axel Fuchs die Lage in seinem Grußwort: Eine Angestellte, die den „ruhenden Verkehr überwachte“, habe ein rohes Ei gegen die Schläfe bekommen und sei lange ausgefallen. Ein Täter konnte nicht ermittelt werden. Viele Beleidigungen würden nicht mehr gemeldet, da man mittlerweile abgestumpft sei. Er zog den Vergleich, dass manche Menschen die Rettungs- und Sicherheitskräfte so behandelten, als seien sie ihre Leibeigenen, schließlich würden sie ja von den Steuern bezahlt. Aber: „Die Leibeigenschaft haben wir zum Glück vor langer Zeit abgeschafft.“ Die Steuern sorgten dafür, dass das System funktioniere, denn wenn etwa die Polizei eine Woche lang ihren Dienst nicht verrichten würde, dann bräche das Chaos aus.

Peter Welter, Leiter Einsatzdienste des DRK-Kreisverbands Jülich e.V.. Foto: Ariane Schenk
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Als Leiter der Einsatzdienste des DRK-Kreisverbands Jülich schilderte Peter Welter,, dass manche Fahrzeuge schon Panikknöpfe eingebaut hätten, für den Fall einer Bedrohungslage des Einsatzpersonals. Praxis sei inzwischen auch, dass eine Person während des Einsatzes eine Übersicht auf das Umfeld haben, um Konfliktsituationen rechtzeitig zu erkennen. Früher seien die Menschen dankbar gewesen, wenn der Rettungsdienst kam. Seinem Eindruck nach hätte das „Eingesperrt sein“ während Corona die Lage noch verstärkt. Immerhin seien die Strafzahlungen jetzt höher und auch Festnahmen würden in entsprechenden Fällen stattfinden.

Dass nicht nur von öffentlichen Geldern bezahlte Menschen betroffen sind machte Tim Freialdenhoven, stellvertretender Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Jülich, deutlich. Nahezu alle der über 280 Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr arbeiteten ehrenamtlich. Es sei wichtig, dass diese nicht von Übergriffen von ihrer Arbeit abgehalten würden. Auch wenn man auf dem Land relativ verschont bleibe, so gebe es doch Beleidigungen und Pöbeleien, weniger tätliche Angriffe – diese meist nicht von den in Not geratenen, sondern beispielsweise Autofahrern, die gebeten werden einen Umweg aufgrund eines Einsatzes zu fahren, oder Anwohnern, die nachts von den Maschinen geweckt werden, die aufgrund eines Hausbrandes eingesetzt werden.

Foto: Ariane Schenk

Gewalttätige Attacken wie Tritte, Ohrfeige, Angriffe mit Gegenständen oder Ähnlichem durch Patientinnen und Patienten oder ihren Angehörigen seien in vielen Kliniken Alltag, schilderte Thomas Kreutz, stellvertretender Vorsitzender der Mitarbeitervertretung des St.-Elisabeth-Krankenhauses in Jülich, die Situation aus seinem Arbeitsbereich. Über 80 Prozent der Mitarbeitenden in deutschen Kliniken hätten solche Übergriffe schon einmal erlebt. Häufig seien die Agierenden zwar unter Alkohol- oder Drogeneinfluss oder in einem psychischen Ausnahmezustand, aber die Situation belastet dennoch. „Eigentlich will man helfen, aber wenn dann ins Gesicht gespuckt wird, ist das schwer zu verkraften.“ Sein Dienstgeber bietet jährliche Deeskalationsschulungen an.

Judith Engels von der Polizeiwache Jülich. Foto: Ariane Schenk

Weniger um konkrete Vorfälle, als um die generelle Situation ging es auch Judith Engels von der Polizeiwache Jülich. Sie hatte bewusst auf die Uniform für ihren Vortrag verzichtet, um den Menschen hinter der Polizistin zu zeigen. Ob es Distanzunterschreitungen sind, etwa auch durch ein Duzen, das eine respektlose Ebene schaffe, das Zerstören von Polizeieigentum oder ein standhaftes Ignorieren: Ihre Grundfrage war: „Wo fängt Gewalt an und wo hört Gewalt auf?“. Die Menschen erwarteten möglicherweise ein Auftreten wie im Fernsehen, bei dem die Zuständigen immer sofort zur Stelle seien. Dies sei im echten Leben nicht möglich, schließlich seien sie auch nur Menschen, die nicht nur Zeit kostende Aufgaben und menschliche Bedürfnisse, sondern auch wie andere Menschen ein soziales Netzwerk außerhalb der Polizei hätten: Freunde, Familie und Kinder.

Foto: Ariane Schenk

Karin Pütz, Leiterin des BeratungsCenters Jülich der Sparkasse Düren, stellte dar, dass die Ausstellung sensibilisiere und Handlungsmöglichkeiten für Betroffene aufzeige. Ergänzt wurde sie durch Ann-Katrin Steibert, Gewerkschaftssekretärin (und Ansprechpartnerin für den Kreisverband Düren-Jülich), die in Vertretung für den erkrankten Vorsitzenden des DGB-Kreisverbandes Düren-Jülich Ulrich Titz seine Rede verlas: Laut einer DGB-Studie hätten 67 Prozent der Befragten schon einmal Beleidigungen, Drohungen und tätliche Angriffe im Dienst erlebt. Die Ausstellung sei als Handlungshilfe für die Bürgerschaft, Politik und Arbeitgebende gedacht. Eine größere Zufriedenheit der Bevölkerung mit der öffentlichen Hand wirke sich positiv auf die Sicherheit der Beschäftigten aus. Später führte Titz‘ Stellvertreter Heinz Peltzer das Ausmaß der Gewalt genauer und in Zahlen aus. Darunter waren unter anderem Drohungen, Anspucken, sexuelle Belästigung und Angriffe mit Waffen. Nachwirkungen waren für die Betroffenen neben Schlafstörungen auch Krankschreibungen, etwa 15 Prozent benötigten eine stationäre oder psychotherapeutische Behandlung. Dies ergibt sich aus der eigenen Studie, aber über diese und einige vereinzelte weitere hinaus fehlten für fast alle die Beschäftigtengruppen belastbare Zahlen. Weder die Dienststellen erfassten die Fälle, noch tauchten sie gesondert in der Kriminalstatistik auf.

Foto: Ariane Schenk

Die von dem DGB festgestellten Probleme, wie Peltzer darlegte, seien schlechte Arbeitsbedingungen für die Betroffenen – hier wurden etwa Ausstattung, Personaldecke, sowie Gefahreneinschätzungen und Betreuung nach Übergriffen genannt –, eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas und der „Rückzug“ des Staates und seiner Leistungen, sodass Angestellte die unter anderem mit Personalmangel konfrontiert sind, mit Bürgerinnen und Bürgern zu tun haben, die sich auch vom Staat allein gelassen fühlen. Das steigere das Konfliktpotenzial. Lösungsvorschläge zu diesen Punkten seien ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung, Maßnahmen der Dienststellen und Führungskräfte für den Fall eines Übergriffs sowie Schulungen zu Deeskalationsstrategien und mehr Investitionen seitens der Politik.

Die Ausstellung geht noch bis zum 31. Juli und findet sich zu den normalen Geschäftszeiten in den Räumlichkeiten der Sparkasse am Schwanenteich, Bahnhofstraße 1, in Jülich.


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