„Was ist schon ein Anpfiff?“, dachte sich Mirko schulterzuckend. In seinem Leben hatte er schon unzählige davon mitgenommen.
Er dachte an das Mal zurück, an dem er die Lieblingsvase seiner Mutter zerstört hatte. Die Klassenarbeit, die er völlig mit Ansage versemmelt hatte, für die er sich nicht einmal ansatzweise Mühe gab. Und die von einem Kollegen verschleppten Unterlagen, für die ihn sein Chef verantwortlich machte – wobei er doch gar nichts dafür konnte.
Wie viele Anpfiffe er wohl in seinem Leben als Fußball-Enthusiast erlebt hatte? Kurz überlegte er, ob er nachzählen könnte. Dann befand er, dass er doch nicht in der Lage war, sich bis in seine früheste Jugend zurückzuerinnern. Zumal so ein Spiel ja auch mehrfach unterbrochen und wieder angepfiffen werden kann.
Ein neuer Start. Und eine Beschimpfung? Was genau einte diese beiden Dinge, dass man sie mit derselben Vokabel benannte? Ob es darum ging, auf etwas aufmerksam zu machen? Und konnte man vielleicht ein Anpfeifen anpfeifen? Wirre Gedanken, die ihm durch den Kopf flogen.
Weniger wirr erschien Mirko eine andere Erkenntnis: Es stimmte, beim Fußball – wie bei vielen anderen Sportarten – wurde ein Spiel beispielsweise durch ein Pfeifen unterbrochen und wieder aufgenommen. Sowohl ganz zu Anfang als auch mittendrin. Was für ein Pfeifen war es rückblickend wohl gewesen, das er bei den beschimpfenden Anpfiff-Momenten erhielt? War es eine kurze Pause? Oder ein neuer Start?
Mirko versuchte, sich zu erinnern. Das Debakel mit der Vase hatte kurze Zeit später darin geendet, dass seine Mutter ihn umarmt hatte, als er versuchte, die Scherben zusammenzufügen und sich dabei schnitt. Aus Sorge, denn wie sie beteuerte, war ihr Sohn ihr natürlich mehr wert als das Stück Keramik. Insofern war es eher ein Intermezzo. Die Klassenarbeit hingegen? Sie war einer der Gründe, dass Mirko durch das Jahr fiel und sich im nächsten einiges veränderte. Neue Freunde. Neue Ziele. Insgesamt eine große Veränderung in seinem Leben. Und auch der Anpfiff des Chefs hatte dazu geführt, dass er sich um eine neue Stelle bemüht und schließlich auch den Arbeitsbereich gefunden hatte, in dem er endlich gerne arbeitete. Bis zuletzt.
So hing Mirko seinen Gedanken nach, während der Zug, gerade vom Schaffner angepfiffen, den Weg in seine Zukunft bahnte. Was ihn dort erwarten würde? Mochte es eine kleine Wegänderung oder ein großer Neuanfang sein? All dies war ungewiss. Doch dafür blickte er einem wunderschönen Sonnenaufgang entgegen. Was vor Demut ob der Schönheit des Tagesanfangs zu einem stockenden Ausatmen führte, das leise durch seine Zähne pfiff.


















