Wenn Dietmar Mangels pfeift, hört man nicht nur den schrillen Ton eines Schiedsrichter-Regel-Instrumentariums. Hier klingen Erfahrung, Ruhe und eine gute Portion unerschütterlicher Fairness mit. Ein Fels in der Brandung, so wirkt der gut 1,90 Meter hohe Mann, der da ganz entspannt gegenübersitzt. Seit 30 Jahren steht der heute 54-Jährige auf dem Platz, pfeift Kreisliga A, Bezirksliga, Landesliga, Mittelrheinliga. „Als ich angefangen habe, war ich einer der Jüngsten. Mittlerweile gibt es vielleicht noch einen, der älter ist“, sagt er schmunzelnd. Wer denkt, dass Pfeifen Routine sei, täuscht sich.
Jedes Jahr sind Prüfungen abzulegen, Lehrgänge und Beweise körperlicher Fitness zu absolvieren. Neben dem Gehirnjogging, bei dem es gilt, aus dem umfangreichen Regelwerk 20 Fragen richtig zu beantworten, gehören sechs Sprints à 40 Meter in 6,5 Sekunden zum Prüfkanon. Außerdem müssen 38 mal 70 Meter gelaufen werden mit jeweils 10 Metern dazwischen, die zu gehen sind. „Das ist schon hart. Da muss man sich drauf vorbereiten. Jetzt, da ich älter bin, fange ich im Januar wieder im Karl-Knipprath-Stadion an zu trainieren.
Angefangen hat Dietmar Mangels als Fußballer. Die komplette Jugend spielte er in seinem Heimatort bei Viktoria Koslar, später bei der Alemannia Bourheim, bis es zum Zerwürfnis mit einem Trainer kam. „Die Aufgabe als Schiedsrichter hatte mich schon immer gereizt.“ Fünf Jahre war er dann nur als Unparteiischer auf dem Rasen. Dann lockte es ihn doch wieder, als Spieler auf dem Feld zu stehen. Mit 38 Jahren gab er seine aktive Laufbahn auf. Seiner Leidenschaft als Schiedsrichter blieb er treu. Was reizt ihn so daran? „Die Kommunikation mit den Spielern, die schnellen Entscheidungen – und dazu zu stehen. Das prägt – auch fürs Leben.“ Das gilt vor allem für einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Anpfiffe gehören auch zu seinem zweiten Ehrenamt: Seit sechs Jahren ist er dabei, wenn das Sommer-Fußballcamp von Jülich 10/97 „angepfiffen“ wird. Zuerst an der Seite von Peter Kosprd, der das Jugendcamp ins Leben gerufen hat , und Hans Scheiba. Dann hat er die Organisation mit seiner Frau Monika und Vera Goeres übernommen. „Es geht uns nur um die Kinder. Alles andere ist egal. Sie kommen morgens mit leuchtenden Augen – das reicht.“ Eine andere Entschädigung bräuchte es nicht, sagt Dietmar Mangels. Das muss wohl so sein, denn freigestellt werden er und auch sein Team von Betreuern nicht. Im Gegenteil. Sie setzen eine Woche Urlaub ein, um Kindern ein Ferienvergnügen zu bereiten. Um 8 Uhr kommen die ersten Kinder an. Es wird gefrühstückt, ehe das eigentliche Camp um 10 Uhr startet. Wenn um 17 Uhr für die Kinder Schluss ist, geht es in die Nachbereitung. „Aus dem Fußballcamp ist ein Geschwistercamp geworden“, sagt Mangels. Dadurch erreiche man eine größere Zahl an Kindern. Inzwischen melden sich auch viele Mädchen für das Sommercamp an. In diesem Jahr steht das 25. Camp an. Pläne gibt es natürlich auch schon – aber das kostet Geld. Daher gilt es jetzt vor allem, noch Sponsoren zu aktivieren.
Dass Organisation ihm liegt, merkt man auch im Alltag. Mangels ist Postzusteller. Gelernt hat er Kfz-Mechaniker. Über einen Umweg kam er zur Post. Erst im Aachener Briefzentrum in der Technik, wo er Fahrräder reparierte, Briefkästen aufsetzte, Zustellkarren, E-Bikes, alles was anfiel, reparierte. „Dann ist die Abteilung aufgelöst worden.“ So kam es zum Angebot, als Zusteller in Jülich anzufangen. Das ist rund 25 Jahre her. Sein Bezirk war zuerst in Jülich, heute Koslar. „Ich wollte wieder dahin, wo ich herkomme. Auf dem Dorf ist es entspannter.“ Jeder kenne jeden, und wenn der Empfänger nicht da sei, wisse man immer noch, wo die Verwandtschaft wohnt, meint er grinsend. „Meine Frau sagt immer: ,Du bekommst für das Spazierengehen Geld.’“ Tatsächlich ist die Arbeit anstrengend. „Wir sind um 7 Uhr im Verteilzentrum. Die Post wird sortiert, dann die Pakete“, erzählt Mangels von seinem Arbeitsalltag. 2000 bis 5000 Pakete seien es täglich – vor Weihnachten weitaus mehr. „Gegen halb zehn geht es raus – mit 130 bis 150 Paketen im Wagen.“ Die Post habe den Feierabend auf 16 Uhr festgelegt. „Aber wir Alten liefern aus, bis alles weg ist. Ich möchte, dass die Leute ihre Post bekommen.“ Und die Mittagspause? „Gibt es im Auto“, sagt er achselzuckend.
Was ist das Schöne“? „Der Kontakt mit den Menschen. Man ist an der frischen Luft, in Bewegung – allein, keiner steht einem im Nacken.“ Und auf dem Platz? „Ich hatte mal die Ehre, ein Pokal-Halbfinale zu pfeifen – ein super Highlight!“, strahlt „Schiri“ Mangels. Sein Erfolgsrezept als Schiedsrichter? „Reden. Kommunikation ist alles. Beruhigen, erklären – und dann geht’s weiter.“
Ob Spieler oder Camp-Kinder – Mangels kommt ohne Anpfiff aus. Das alles, so betont er, würde aber nicht gelingen, wenn ihm seine Frau Monika nicht den Rücken freigehalten hätte. Da sie als Intensivschwester auch einen anspruchsvollen Berufsalltag hat, gehören nur zwei der vier Wochenenden ausschließlich der Familie.


















