Am 9. März 1522 trafen sich mehrere Männer in der Werkstatt des Buchdruckers Christoph Froschauer in Zürich und aßen eine Wurst. Was banal klingt, war hoch provokant und bedeutete den Beginn der Reformation in der Schweiz. Denn der 9. März fiel in die vorösterliche Fastenzeit, in der es den Christen verboten ist, Fleisch zu essen.
Warum eigentlich? Hinter diesem provokanten Wurstessen in der Fastenzeit steht die grundsätzliche Anfrage der Reformation, mit welchem Recht die Kirche Gesetze erlässt, zum Beispiel zu fasten oder als Priester unverheiratet zu bleiben, die keine Grundlage in der Bibel haben. Denn obwohl die Bibel vereinzelt von Menschen erzählt, die in bestimmten Lebenssituationen freiwillig fasten, findet sich keine allgemeine, verbindliche Aufforderung zu einem regelmäßigen Fasten in der Bibel. Und die Bibel, insbesondere das Neue Testament, ist nun einmal für die Reformatoren, und für die evangelische Kirche bis heute, die höchste und maßgebliche Autorität für den christlichen Glauben. Das heißt konkret: Alle Lehren, Gebote und Glaubensinhalte der Kirche müssen sich an der Heiligen Schrift messen lassen.
Das bedeutet allerdings nicht, betont der Pfarrer, dass Traditionen völlig wertlos sind – nur dürfen sie eben der Bibel nicht widersprechen. Insofern steht es jedem evangelischen Christen nach wie vor frei, in der Fastenzeit zu fasten – aber es ist eben keine Pflicht.
Dass auch evangelischen Christen die Praxis des Fastens nicht ganz fremd ist, zeigt die Aktion „7 Wochen ohne“, mit der die Evangelische Kirche in Deutschland Menschen dazu einlädt, die Zeit zwischen Karneval und Ostern bewusst zu gestalten. Hierbei geht es allerdings nicht um eine religiöse Vorschrift, sondern um einen freiwilligen Verzicht und um eine veränderte Lebensgestaltung. Die Aktion „7 Wochen ohne“ steht jedes Jahr unter einem anderen Motto, wie weniger Stress, bewusster Umgang mit Zeit, ehrlicher leben, Routinen hinterfragen.
Das Motto der diesjährigen Fastenaktion lautet „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte.“ Diese Inhalte zeigen bereits an, dass die Fastenaktion der evangelischen Kirche nicht auf konkrete Speise- oder Abstinenzgebote zielt, sondern eher alltagsbezogen dazu einlädt, in der Passionszeit Gewohnheiten zu hinterfragen und bewusster zu leben. Es ist eine niedrigschwellige Form des „Fastens“, die auch viele Menschen anspricht, die sonst wenig mit der Kirche zu tun haben. Und nachhaltig ist sie eigentlich auch nur, wenn das, was in den „7 Wochen ohne“ als gut und richtig erkannt und erfahren wird, auch die übrigen Wochen des Jahres prägt.



















