Vor 30 Jahren wurden entscheidende Weichen für das Jülich gestellt, wie es die Menschen heute kennen. Wir befinden uns im zweiten Jahr nach Gründung der Landesgartenschau GmbH und zwei Jahre vor Eröffnung der Landesgartenschau. Was üblicherweise rund zehn Jahre Planungs- und Umsetzungszeit dauert, musste Jülich in Rekordzeit bewältigen.
Mit der Entscheidung für die Herzogstadt als Austragungsort der Landesgartenschau war weit mehr verbunden als die Sanierung des historischen napoleonischen Brückenkopfes. Spaziergänger konnten beobachten, wie jahrzehntelanger Bewuchs vom Festungswerk entfernt wurde und der karge Kirmes- und Parkplatz allmählich aus seinem Dornröschenschlaf erwachte. Ein Reitstall musste weichen, große Mengen Erde wurden bewegt. Nicht alle Jülicher begrüßten den Wandel. Heftig wurde diskutiert, warum das idyllisch-verwunschene Festungswerk nicht einfach der Natur und sich selbst überlassen bleiben sollte.
Eine Stadt putzt sich heraus
Die Landesgartenschau war von Beginn an mehr als eine Blumenschau. Im Zuge der Vorbereitungen wurde auch das Stadtbild aufpoliert, und die Infrastruktur kam auf den Prüfstand. Bis heute sichtbare Veränderungen sind der Ringschluss rund um Jülich und der Von-Schöfer-Ring. Die Pasqualini-Brücke wurde zum neuen Stadteingang in Richtung Zitadelle, der Bahnhof zum soziokulturellen Zentrum – dem „KuBa“.
Insgesamt, so rechnete Dr. Peter Nieveler im Jahrbuch des Kreises Düren 2009 vor, wurden vor und während der Landesgartenschau rund 70 Millionen Mark in Jülich investiert. Sein Fazit: „Dabei wurde das Gesicht der Stadt zunehmend schöner, und bei Beginn der LGS konnte man feststellen, dass nun der Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt abgeschlossen war.“

Auch auf der Schiene bewegte sich einiges. Der Eisenbahn-Amateur-Klub Jülich verabschiedete im Mai seine alten VT-795-Schienenbusse mit einer Fahrt von Koslar nach Heimbach und übernahm bereits im August seine „neuen“ Schienenbusse. Die Dürener Kreisbahn erhielt 1996 für die Verknüpfung von Bus und Schiene den Sonderpreis des Europäischen Verkehrspreises. Die Strecke Düren–Jülich war zentraler Bestandteil des Konzeptes.

Abschied und Aufbruch
Während die Landesgartenschau in die Zukunft wies, begann andernorts das Ende einer Ära. Seit 1956 hatte die Deutsche Welle über die Jülicher Kurzwellenanlage Programme ausgestrahlt. 1996 endete dieser Betrieb. Die weithin sichtbaren Sendetürme blieben zunächst stehen. 2006 erwarb der britische Unternehmer Robert Edmiston das Areal; später wurden die Türme demontiert. Heute befindet sich dort der Brainergy Park.

Grund zum Feiern hatte das Forschungszentrum: Zum 40-jährigen Bestehen veranstaltete es einen Tag der offenen Tür unter dem Motto „Zukunft ist unsere Aufgabe“. Rund 35.000 Menschen kamen. Unter den Gästen war Bundeskanzler Helmut Kohl. Sein Besuch blieb aus ungewöhnlichem Grund in Erinnerung: Aus den Reihen der Zuhörer flog ein Ei und traf Kohl am Kopf. Der Werfer landete im Gewahrsam der Sicherheitskräfte.
Sportlich mischte der TTC Jülich an der Spitze der Tischtennis-Bundesliga mit. Internationale Weltklassespieler waren in Jülich zu erleben; in jener Ära spielte unter anderem der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger Wang Tao für den Verein.
Weniger erfreulich verlief das Jahr für Jülich 1910. Beim Traditionsverein zeichneten sich erste Schwierigkeiten ab. Während andernorts kräftig in die Zukunft investiert wurde, kündigte sich hier eine Krise an, die den Verein in den folgenden Jahren beschäftigen sollte.
















