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Brot und Spiele…

...mehr braucht es nicht, um die Menschen bei Laune zu halten. So lautete das Urteil von Juvenal. Juvenal? Der Name ist Schall und Rauch. Wer kennt ihn heute noch? Vielleicht ein paar Alt-Lateiner wie Dr. Peter Nieveler. Dabei war Decimus Iunius Iuvenalis, wie Juvenal mit „bürgerlichem“ Name überaus klangvoll hieß, so eine Art Oliver Welke der römischen Welt des 1. und 2. Jahrhunderts und seine „Saturae“, die 16 Satiren, etwas wie die damalige „Heute-Show“.

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Grafik: Daniel Grasmeier
Grafik: Daniel Grasmeier
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Sein „Panem et Circenses“ – eben die beschriebenen Brot und Spiele – beschreibt die Willkür einer Regierung, nämlich dem römischen Senat, das schalten und walten kann, wie es will, während das Volk bereits zufrieden ist, wenn sein Lebensunterhalt und sein Vergnügen sichergestellt ist. Klingt irgendwie erschreckend aktuell.

König Fußball regiert, und die treuen Untertanen gehen völlig im gemeinsamen Jubel auf oder dem kollektiven Wehgeschrei unter – je nachdem, wo weniger oder mehr Bälle aus dem Netz geholt werden mussten. Und bei den Erfolglosen entbrennt die Diskussion, ob der kleine Fürst auf der Trainerbank wirklich die richtigen Entscheidungen bei der Wahl seiner Abgeordneten auf dem Spielfeld getroffen hat. Wären da dieser Legionär aus Britannien oder der Recke aus Bavaria, die zuhause gelassen wurden, nicht eine bessere Alternative gewesen?

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Auch die Auseinandersetzung über die beiden mit byzantinischen Wurzeln werden wohl auch weiterhin nicht verstummen, die sich unverschämterweise mit diesem despotischen Alleinherrscher für die Öffentlichkeit posiert haben. Wo bleibt da die politische Verantwortung? So mancher reckt dabei sogar mehr oder weniger symbolisch seinen Stinkefinger gen Himmel, wohin seiner Meinung nach die Angelegenheit wohl auch stinke.

So kanalisiert sich der gesamte aufgestaute Ärger über die scheinbaren Missstände im eigenen Land perfekt in anständige Bahnen. Hier befindet sich noch jeder fremdländische Zeitgenosse in seinem eigenen zugewiesenen Terrain zwischen Umkleide und Spielfeld. Und keine Äußerlichkeiten erregen öffentlichen Unmut. Nichts ist verschleiert auf der offenen Bühne. Kostümzwang via Sport-Uniform.

Erfolg kennt kaum Herkunftsdünkel. Bei Turnierrittern mit Wurzeln aus Spanien, Ghana, Sierra Leone, Ungarn, Tunesien oder sonst wo her besitzt fast jeder ein großes Herz für Integration und entdeckt die eigenen ost- und südeuropäischen und vielleicht sogar die afrikanischen Gene in sich: „Ich bin ein Immi.“ Denn so mancher Name der Fremdstämmigen ist auf dem Rücken des Trikots, das die Fans tragen, tätowiert. Zur Not lässt sich da auch über die Verfehlungen der beiden Hansels vom Bosporus hinweg sehen. Vorausgesetzt, sie geben sich ein wenig Mühe. Natürlich auf dem Spielfeld. In Form von Toren oder zumindest Vorlagen.

Also Brot und Spiele reichlich. Aber nicht umsonst. Und schon gar nicht für die Liebhaber, die extra aus den fernen Ländern hierher gelangen. Für Anreise und Tickets werden horrende Summen verlangt und gegeben. Und auch die deliziösen Speisen zwischen Pommes und Borschtsch oder was auch immer so alles in den Stadien angeboten wird, gibt es sicherlich nicht für ‘n Appel und ‘n Ei.

Andererseits lassen sich auch die Verantwortlichen den Spaß ganz schön was kosten. Schließlich muss auch hier der Rubel rollen. Von 10 bis 20 Milliarden Euro ist die Rede, die für die Spiele des Herrgotts von der Krim und den Mannen vom FIFA-Olymp springen gelassen wurden, unter anderem damit die Arenen auch wirklich wettkampfbereit ausgestattet werden. Eine gigantische bombastische Summe. Da lässt sich leicht der Überblick verlieren. Kein Wunder, wenn dann hier ein Zehntausender und dort ein Milliönchen vom Spieltisch geweht und von da an nie mehr erblickt werden. Nicht zu nennen die ganzen Zwanziger, die im Vorfeld bereits über die Klinge gesprungen sind. Aber das war ja wegen der kommenden Katar-Strophe. (Andernorts wird vom weißen Indianer-Häuptling mittels Wirtschaftssanktionen die Trumpf-Karte gezückt, um die übernächsten Spiele nach Übersee in das gelobte Land des heiligen Kapitalismus zu holen.)

Immer und überall sind bereits im Vorfeld etliche Kosten zu bestreiten, allein schon um das hungrige Stimmvieh zu mästen und so bei Laune zu halten, das gerne mal glücklich grinsend die heiß erworbenen Scheine in die Kameras hält. „Ja, wo samma denn?“, mag es da im Ton eines kaiserlichen Bajuwaren ertönen, um Leistungen am grünen Tisch entgegenzunehmen, damit die internationalen Jungs hoffentlich auch entsprechende Leistungen auf dem Rasen verbringen mögen.

Wo bleibt eigentlich die politische Verantwortung, wenn sich Wladimir und Gianni umarmen, weil sich beide so unendlich lieb und teuer sind? Erstaunlicherweise ist die Aufregung über Austragungsort und den Modalitäten, wie es denn überhaupt dazu gekommen ist, eher weniger Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Alles ruhig an der Ostfront. Niemand erhebt auch nur den Klenkes zum Einwand.

Wie wäre es mit einem Boykott der Spiele? „Sofort!“, schreien diejenigen, die ohnehin dem Treiben wenig Positives abgewinnen können. Aber das zählt nicht. Diese Entscheidung müssen diejenigen treffen, die damit dorthin gehen, wo es ihnen weh tut. Die Kerls, die das Steak zurück auf den Grill legen, weil ihnen das mit Antibiotika gedopte und in überfüllten Ställen mit gebrochenen Haxen gehaltene Grunztier leid tut, das so lange am Leben gehalten wird, bis es geschlachtet werden kann. Die Kerls, die stattdessen lustlos in das geschmorte Gemüse beißen. Nicht herzhaft, weil es ihnen schmeckt, sondern trauernd, weil sie es aus Überzeugung machen.

Überreden kann man niemanden. Das wäre so, wie einen Kölner zu zwingen, ein Glas Altbier mit Genuss hinabzustürzen. Aber vielleicht sollte das Thema zumindest immer ein wenig im Hinterkopf mitschwingen. So zwischen Chips und Kaltgetränk. Zwischen An- und Abpfiff. Und überhaupt: „Sind wir eigentlich noch im Wettbewerb?“ Falls nicht, könnten wir ja mit dem Boykott jetzt und sofort anfangen…

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