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Eine kleine Welt für sich

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Es gibt einen Grund zum Reinfeiern: Die Fachhochschule Aachen wurde am 1. Juni 1971 gegründet und wird damit im nächsten Monat 50 Jahre alt. Im selben Monat, genauer am 31. Juni 1971, folgte auch der Standort der FH Aachen in Jülich. Ein halbes Jahrhundert zieht die Fachhochschule Aachen damit junge Menschen und kluge Köpfe auch in die Herzogstadt. Aktuell studieren rund 3000 in den drei Fachbereichen „Chemie und Biotechnologie“, „Medizintechnik und Technomathematik“ und „Energietechnik“ am Campus Jülich.

Doch der Grundstein für das Studieren in Jülich wurde bereits früher gelegt: Der damalige Staatssekretär Prof. Leo Brandt legte schon in den 1950ern ein Konzept für eine Ausbildungsstätte vor. Der Grund: Was heute Forschungszentrum Jülich heißt, hieß damals noch Kernforschungsanlage Jülich (KFA), und Brandt war damals der Initiator dieser Anlage. In der Ausbildungsstätte sollten dort beschäftigte Ingenieure Fortbildungsseminare im Bereich Kerntechnik und Strahlenschutz besuchen. Aus Kostengründen, vor allem um die Versuchsanlagen zu finanzieren, wurde aus der Ausbildungsstätte ein praxisorientierter Studienort. Durch diese Synergieeffekte war mit dem Beschluss der Landesregierung vom 19. November 1957, die Forschungsanlage in Jülich zu bauen, eigentlich auch schon der Grundstein für ein Studienzentrum in der Herzogstadt gelegt.

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1962 wurde die Planung einer Ingenieurschule in Jülich durch den damaligen Kultusminister, Prof. Paul Mikat, beauftragt. Diese wurde dann durch einen Erlass mit der Zeile „Die bisherige Außenstelle Jülich der Ingenieurschule für Maschinenwesen Essen wird als selbständige Ingenieurschule mit der Bezeichnung – Ingenieurschule für Maschinenwesen Jülich – errichtet“ im Juni 1963 amtlich. So heißt es auch im Sitzungsprotokoll des Kultur- und Jugendpflegeausschusses, in dem die Kommunalpolitiker in Kenntnis gesetzt wurden: „Stadtdirektor Schröder berichtet über bereits geführte Verhandlungen wegen des Baus einer Ingenieurschule. Der Ausschuss nimmt hiervon Kenntnis und begrüßt die Absicht des Landes.“

Im Folgejahr 1964 nahmen die ersten 35 Studenten im Fach Chemie an der Ingenieurschule für Maschinenwesen ihr Studium auf. Auch Kerntechnik und Physikalische Technik sowie zeitweise Nuklearchemie konnten studiert werden. Die ersten Vorlesungen wurden mangels eines Gebäudes provisorisch in den Räumen der Berufsschule Jülich abgehalten, bevor die Schule den Unterricht in einem Gebäude mit Laboratorien und einer Werkstatt in der Berliner Straße aufnahm. Das Grundstück wurde damals kostenfrei von der Stadt Jülich zur Verfügung gestellt. Bereits am 18. Februar 1967 verließen die ersten fertig ausgebildeten Ingenieure die Schule.

Luftaufnahme der alten Ingenieruschule vom 18. April 1971. Foto: Aero Schwarzer

Die Anzahl an neuen Menschen in Jülich führte damals nebenbei zu einem handfesten Problem: Immerhin muss Student auch wohnen können. Bereits als die oben genannten 35 Studenten ihre Arbeit aufnahmen, wurde das Wohnen zum Thema. Schnell wurde der Begriff „Raumnot“ genannt. Bei einer Besprechung zwischen dem damaligen Direktor der Ingenieurschule, Dr. Heinrich Mußmann, und Vertretern der Stadt Jülich ist so zu lesen, dass Mußmann „es für dringend notwendig [hielt], daß bald eine Klärung der Frage herbeigeführt wird, ob für die zunächst 35 Studierenden in der Stadt die erforderliche Anzahl von möblierten Zimmern beschafft werden können“. Auch in einer kurz darauf erschienenen Zeitungsnotiz steht: „Das bisherige Angebot reicht bei weitem nicht aus.“ Damals wurde die Jülicher Bevölkerung gebeten, eigene Kapazitäten im Haus zu prüfen und sich so selbst einen Nebenverdienst zu schaffen. Gleichzeitig verdoppelte sich die Anzahl der Studierenden von Semester zu Semester, was das Wohnraum-Problem noch verschärfte. Der AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) wendete sich mit einem Aufruf an die Presse. Mehr oder weniger zeitgleich wurde nach Grundstücken für ein Studentenwohnheim für bezahlbaren Wohnraum gesucht und schließlich auch gebaut.

Gleichzeitig schritt die Entwicklung des Campus in Jülich Schlag auf Schlag voran: Ebenfalls im Jahr 1964 wurde durch Mikat bei einem Besuch in Jülich eine Fläche auf der Merscher Höhe als Standort mit 12.000 Quadratmetern und eine Baukostensumme von 21,1 Millionen Deutsche Mark für die Ingenieurschule festgelegt. Damit wurde kein einfaches Terrain als Bauort gewählt, da das Gelände vorher militärisches Übungsgelände gewesen war. Um bis zu neun Meter tiefe Schluchten, Panzergräben und Bombentrichter zu glätten, musste zunächst 100.000 Kubikmeter Erdreich bewegt werden. Am 2. Mai 1968 konnten schließlich die eigentlichen Bauarbeiten angegangen werden. Auch hier galt es, Hürden zu überwinden: Teilweise hatten die Bauteile eine Länge von 16 Metern und ein Gewicht von 10,5 Tonnen. Da gerade die Ernte der Zuckerrüben lief und die Traktoren die Straßen verstopften, wurden die Teile entweder am frühen Morgen oder in der Nacht zur Baustelle gebracht. Übrigens: Als Bauort der Ingenieurschule wurde zunächst die Zitadelle ins Auge gefasst. Diese erwies sich allerdings als zu klein. Wohl ein Glücksfall für das Gymnasium Zitadelle, das dann wahrscheinlich heute woanders stehen (und auch anders heißen) würde.

Ebenfalls 1968 fiel während der Bauphase die Entscheidung zur Umwandlung der Ingenieurschulen zu Fachhochschulen und damit auch für einen „Campus“ in Jülich. Nach einer Bauzeit von 28 Monaten konnte der Bau des Hauptgebäudes am Ginsterweg 1970 abgeschlossen werden. Feierlich wurde hier am 24. November 1970 ein überdimensionaler Schlüssel durch den Regierungsbaudirektor E. W. Langner an den Staatssekretär Leo Brandt als Vertreter für den Wissenschaftsminister Johannes Rau übergeben. Der Startschuss für 1200 zu vergebende Studienplätze. Schon im Wintersemester tummelten sich 1038 Studenten am Ginsterweg. Drei Prozent davon aus dem Ausland. Die FH Aachen Campus Jülich ist internationaler geworden, heute sind es fast ein Drittel ausländische Studierende.

Nach der Umsetzung des Baus folgte im Jahr 1971, bei der die Ingenieurschule Jülich mit den drei Aachener Ingenieurschulen für Maschinen-, Bau- und Textilingenieurwesen sowie mit der Werkkunstschule der Stadt Aachen zur Fachhochschule Aachen zusammengeschlossen wurde, deren Geburtsstunde. Und die Tradition, praxisorientiert zu studieren, wurde weiterhin großgeschrieben: Für das Studium der Elektrotechnik entstand in Jülich 1972 die modernste Hochspannungsanlage aller Hochschulen in Nordrhein-Westfalen. Nach gut 40 Jahren zog dann der gesamte Campus Jülich nur wenige hundert Meter weiter in die Heinrich-Mußmann-Straße. Ein kleiner Kosmos der Forschung und der Lehre ist entstanden.

Lesen Sie hierzu: „Et es füe de jong Lüüt”


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