„Ich dachte wirklich, ich lande im Rollstuhl!“ Hartmut Wolff erinnert sich, wie ihn als 24-Jährigen derart schwer erträgliche Rückenschmerzen quälten, dass er nicht mehr auftreten konnte. Und dann kam es zu einem entscheidenden Lebens-Ereignis in einer Physiotherapie-Praxis in Titz. Das ist jetzt über 20 Jahre her.
Damals war er als gelernter Zimmermann auf den Dächern der Region unterwegs – zu einer Zeit, als ein Gerüst noch keine Pflicht war. Die Höhenangst kam erst später, gesteht der gelernte Handwerker. Als Geselle im väterlichen Betrieb hat er, der als Siebenjähriger Alt-Inden wegen der anrollenden Braunkohlebagger mit der Familie verließ, für den Umsiedlungsort Neu-Otzenrath nicht nur den ersten Dachstuhl mit gesetzt, sondern über 80 weitere. Ein gutes Gefühl, Menschen wieder ein neues Zuhause zu schaffen. „So ein Dachstuhl macht ja ein Haus erst zu dem Haus“, sinniert der heute 46-Jährige und ergänzt verschmitzt grinsend: „Also, ich weiß grob, wie es geht.“ Und eben auch was einem nach einem langen Arbeitstag alles wehtun kann. „Dann hast du ein ganz anderes Verständnis für Patienten, die Schmerzen haben, je nachdem was sie beruflich machen.“
Womit die Berufswahl Thema ist: Es war schon ein verschlungener Pfad, den Wolff genommen hat. Eigentlich wollte er nach dem Realschulabschluss in Jülich und dem Besuch der Nelly-Pütz-Schule in Düren an die FH nach Aachen gehen: „Ich brauchte mein Fachabi, um Architektur zu studieren. Das war der Plan. Ich war, glaube ich, auch für 14 Tage immatrikuliert. Begrüßt wurde ich bei der Zeugnisabgabe mit den Worten: Mittlerweile darf hier jeder studieren.“ Weil er auf viele Kommilitonen mit Vorbildung stieß, bekam er Zweifel und entschied sich dann doch für die Zimmermanns-Lehre bei seinem Vater. Die Zeit als Handwerker möchte er nicht missen, wie Hartmut Wolff betont. „Du weißt, was harte Arbeit ist, für die man seinen ganzen Körper benutzen muss. Da ist auch manchmal nichts mit ,korrekt heben‘. Der Reiz am Handwerksberuf ist, dass man abends sieht, was man geschafft hat.“
Und dann ist man eben auch schon mal geschafft – körperlich. Rückkehr ins Jahr 2002 und besagte Qualen, die ihn in die Praxis von drei Krankengymnastinnen nach Titz führte. Er, der nach eigenem Bekunden „schüchtern“ war, musste zur Behebung der Schmerzen das Gesäß entblößen. Das sei ihm schon unangenehm gewesen, sagt er, dem heute nichts Menschliches mehr fremd ist. Es wurde massiert und gedehnt, und „es hat richtig weh getan“. Aber dann! Aus der Türe gehen, sich befreit fühlen und denken „Was für ein toller Beruf!“ war offenbar eins. „Wenn ich hätte schnipsen können – ich wäre sofort Physio gewesen!“, schwärmt er heute noch. Trotzdem sollte es sechs Jahre dauern, bis er die dritte Berufswahl traf. Mit 30 hat man noch Träume – und Erspartes und einen guten Rückhalt in der Familie und bei Freunden, zählt Hartmut Wolff auf.
Dankbar ist er, dass er den Sprung geschafft hat. Mit viel Einsatz warf er sich in die neue Ausbildung an der „Die Schule“, eine der renommierten Physio-Lehranstalten mit Sitz in Köln. „Du lernst im Prinzip alle Grunderkrankungen, die es im orthopädischen Bereich so gibt, den neurologischen Bereich, die Infektionskrankheiten, Anatomie…“ Ganz schön viel Stoff. Und daran seien auch viele gescheitert. „Zum Schluss waren wir noch die Hälfte. Es gibt viele Abbrecher.“ Hartmut Wolff gehörte bekanntermaßen nicht dazu. Ihn führte der Weg von der Kölner Schulbank direkt an die Behandlungsbank der Praxis von Anja Matzerath nach Jülich. „Erst mal wollten einige im Team keinen Mann“, erinnert er sich schmunzelnd, „und dann fragen sie dich ein paar Jahre später, ob du perspektivisch nicht Chef werden willst.“ Seit 2021 ist er alleiniger Praxisinhaber und hat vor zwei Monaten den dritten Standort in Stetternich eröffnet. Beim Umbau der Räume haben Wolff seine Zimmermanns-Vorkenntnisse natürlich geholfen. „Ich habe nur wenige Fremdfirmen gebraucht“, und für Elektrik und Trockenbau standen ihm Freunde zur Seite.
Apropos Freunde: Was macht so ein Physio, wenn er mal nicht versucht, den Menschen ihre Qualen zu erleichtern oder sie sogar davon zu befreien? Erst baut er seine eigene Küche und dann kocht er darin. Leidenschaftlich. Früher sei er intensiv Rad gefahren, etwa auf der Sophienhöhe. „Das habe ich damals fast jeden Tag gemacht. Das kommt auch wieder! Ich bin gerne in der Natur.“
Bereut hat er den Schritt zur neuen Berufswahl nie. „Im Gegenteil: Ich verstehe manchmal nicht, wenn andere Physiotherapeuten nicht komplett abfeiern, was sie tun. Das kannst du nicht bereuen. Das ist ein Geschenk.“