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Konserve

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Grafik: Daniel Grasmeier
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Wenn jemand in meiner Kinderzeit von früher erzählt hat, dann konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, diese Person muss mindestens, wenn nicht noch älter sein. Nun, jetzt erinnere ich mich an meine Kinderzeit, und da kommt mir ein Gedanke… Nun ja, jetzt bin ich der Großvater. Oder zumindest nicht allzu weit weg davon. Jedenfalls alterstechnisch gesehen. Wie auch immer. Wo die Logik bleibt? Na, bei der Geschichte. Welche Geschichte?

Also noch einmal von vorn. Als ich jung war, und das ist schon recht lange her, da wurde in so ziemlich jeder Familie, die ich kannte, eingekocht, was das Zeug hielt. Alles, was der Garten so hergab. Denn „eingemacht“ wurde in der Regel Obst als Kompott oder Marmelade. Äpfel, Pflaumen, Erdbeeren, Rhabarber, Himbeeren, Stachelbeeren oder was sonst hinterm Haus oder in den Schrebergärten bei Verwandten und Bekannten sich über das Jahr entwickelte. Damals, als die Parzellen, die später auf dem Nordpolder verteilt wurden, sich noch hinter dem Brückchen über den Ellbach an der Xantener Straße erstreckten. Auf diesem unwegsamen Gelände bin ich mal mit meinem Fahrrad in die Brennnesseln gefallen. Eine äußerst unangenehme Erinnerung, die aber eigentlich mit dieser Geschichte nichts zu tun hat. Also rein gar nichts.

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Darum also schnell zurück zu den Konserven, die eigentlich Einmachgläser waren. Das wurde zur damaligen Zeit auch genau unterschieden. Konserven waren dagegen abgekürzt das, was etwas länger mit „Konservendosen“ bezeichnet wurde. Obwohl „Konserve“ nun vom alten lateinischen Verb „conservare“ abgeleitet ist. Es galt schlichtweg, etwas zu bewahren, aufzubewahren, aufrechtzuerhalten. In diesem Fall Obst.

Warum? Na, für die schlechten Zeiten. Also diejenigen, die irgendwann einmal kommen würden. Aus Angst, dass es dann nichts zu essen gibt, zumindest nicht etwas mit Substanz. Denn diese Erfahrung hatten ja die Eltern und Großeltern in der Kriegs- und Nachkriegszeit gemacht. Ich höre noch meine Mutter sprechen: „Die Kartoffel hat uns über die schlechten Zeiten gebracht.“ Hier steht natürlich eindeutig Pars pro Toto, es handelt sich also keineswegs um einen einzigen Erdapfel, sondern vielmehr um den einen stellvertretend für alle anderen. Also das Modell der Kartoffel als Idee und Umsetzung in einem. Und die schlechten Zeiten waren diejenigen, die meine Eltern und Großeltern nur wenige Jahrzehnte zuvor selbst erlebt haben.

Es war also vielmehr eine Projektion der eigenen Vergangenheit in die Zukunft. Seien wir doch mal ehrlich: Seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg, also sagen wir mal den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, hat es keine wirklich schlechte Zeit mehr gegeben. Auf jeden Fall nicht wirtschaftlich. Und auf jeden Fall nicht in Deutschland. Obwohl die Menschen in der DDR schon einige Engpässe zu überstehen hatten. Aber ich persönlich kann mich an keine reelle Knappheit an Lebensmitteln erinnern. Von der Nudelkrise und dem Engpass bei
Toilettenpapier während der Corona-Pandemie einmal abgesehen.

Jedenfalls wurde in den 50ern und 60ern ganz viel Zeit dafür aufgewendet, um Obst einzukochen. Später kostete es ähnlich viele Stunden, um die teils verdorbenen Vorräte aus dem Nachlass der Verwandten mehr oder weniger diskret im Abfall verschwinden zu lassen.

Dabei ist der Gedanke, etwas zu konservieren, ja durchaus positiv. Musik zum Beispiel. Mensch, war das cool, jemanden zu kennen, der die eigenen Auftritte auf High-Quality-Tonband oder später per Video-Tape aufnahm! Das waren damals schon rar gesäte Errungenschaften, die ganz schön ins Geld gingen. Aber wie wohltuend ist es, nach Jahren noch einmal ein derartiges Ton- oder sogar Film-Dokument abspielen zu können. Welch ein nostalgisches Flair! Und so durchaus erhellend! Das gilt natürlich in besonderem Maße bei jeglicher Art von Dokumenten, die für die Nachwelt sprich spätere Generationen festgehalten werden. Um mit eigenen Augen das Unaussprechliche, Unverständliche, Unnachvollziehbare sehen zu können. Obwohl: Wie hat Sting es so sinnreich musikalisch festgestellt? „History will teach us nothing.“

Vor Partys, Feten und ähnlichen Veranstaltungen konnte allerdings schon mal die Äußerung vernommen werden: „Gibt’s da auch Live-Musik oder nur Konserve?“ Damit wurde also schon eine qualitative Abstufung ausgedrückt. Obwohl ich heutzutage absolut glücklich über meine alten „Konserven“ im Schrank bin. Da hole ich dann ein altes Schätzchen in Schwarz oder Silber heraus, lege es dann auf den Schallplattenspieler oder in den CD-Player und lehne mich für das kommende Stündchen wohlig im Sessel zurück und lasse meinen Gedanken und Empfindungen freien Lauf. So wie jetzt gerade.

Irgendwie bin ich ja schon der konservative Typ. Überhaupt kann ich mich bestens mit einigen Grundprinzipien der großen wählbaren Parteien identifizieren. (Ausnahmen exklusive.) Ich halte mich ebenfalls für konservativ, sozial, liberal und der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet. Interessanterweise also „konservativ“ für zwei Parteien unterschiedlicher Couleur. Aber bunt ist ja ohnehin „en vogue“ oder „in“ und geht häufig „viral“. Am liebsten in Regenbogen-Farben: Wie hätten’s denn gern? Als Zeichen des Friedensbundes zwischen Gott und dem Menschen, als Symbol der Göttlichkeit Christi, als indianische Prophezeiung für die Post-Apokalypse oder als Zeichen für sexuelle Freiheit, Vielfalt und Selbstbestimmung? Vielleicht als alles zusammen?
Apropos „Post-Apokalypse“: Dass wir besser auf unsere Muttererde aufpassen müssen, haben wir gerade erst wieder am eigenen Leib erlebt. Da hat es einige von uns ziemlich bis völlig weggespült. Die Vorhersage, dass der Strom ausfällt, hat sich hingegen nur für einige bewahrheitet. Sonst hätten wir eine Live-Aufführung von „Blackout“ als Ego-Player mitmachen dürfen. Und Konserven hätten dabei garantiert eine tragende Rolle gespielt. Aber wie sagte einmal Deutschlands bislang einziger Weltfußballer so treffend? Wäre, wäre, Fahrradkette. Und die Supermärkte blieben von Leerkäufen verschont.

Und genauso wenig, wie wir eine zweite Erde im Kofferraum haben, können wir uns in guten Zeiten etwas davon abschneiden und als „Mixed-Best-of-Times“ sauer einlegen, um es dann in Krisenzeiten wieder aus dem Vorratsschrank hervorzuzaubern, den Bauch damit vollzuhauen, und es sich dabei so richtig schmecken zu lassen. Aber womöglich sind es ja nicht wir, die sich gegen Trockenperioden, Orkanverwüstungen und Flutkatastrophen behaupten müssen, sondern die Erde hat Homo sapiens; und genau wie wir mit Impfungen gegen Covid19 vorgehen, versucht womöglich dieselbe Erde, den Virus Mensch loszuwerden. Klar, das geht ja auch wieder vorbei. Aber wir haben wahrscheinlich zu einem guten Stück Anteil daran, wann dies passiert.


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