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Quidditch, ein modernes Spiel

Von Wunderlichem, Vorurteilen und vielen Regeln.

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Vorurteile. Wir alle haben welche, auch die, die es nicht zugeben möchten. Ist wahrscheinlich so im menschlichen Gen-Code verankert. Man sieht etwas und hat eine Assoziation, man hört etwas und eine Erinnerung kommt hoch. Manchmal erfreulich, manchmal eher nicht. Berechtigt, manchmal unberechtigt. Ich gestehe: Meine Assoziationen als ich den Auftrag bekommen habe über das Jülicher Quiddtich Team zu schreiben, waren nicht so nett. Von spleenigen Freaks in Zauberumhängen, Nerds, die meinen fliegen zu können, aggressiven Bällen und anderen wunderlichen Dingen. Und wirklich jeder, dem ich davon erzählt habe, hat exakt genauso reagiert. Rückblickend möchte ich sagen: Die Spieler der Jülich Jupiters. Aber von vorne.

Es ist ein sehr schöner Mittwoch im Sommer, es ist heiß. Mittags ging schon die Meldung über Facebook, dass das Quidditch Training heute durch Schwimmen im See ersetzt wird und ich habe gleich einen Termin mit Jona, einem Studierenden der FH Aachen und aktiven Quidditch Spieler bei den Jülich Jupiters. Er kommt pünktlich und hat noch einen Mitspieler dabei. Mein erster Gedanke: Die sehen nett aus…und eigentlich auch ganz normal. Stellen wir die beiden kurz vor: Jona Gerhards ist mit zwei Schwestern aufgewachsen, studiert Angewandte Chemie. Stephan Thevis hat einen älteren Bruder und studiert ebenfalls Angewandte Chemie. Beide kommen aus der Gegend und beide spielen Quidditch, vorwiegend auf der Position des Beaters (Treibers). Meine Einstiegsfrage zum Thema Harry Potter kommt gar nicht gut an. Beide rollen unisono mit den Augen, aber auch dazu später mehr.

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Quidditch, das: eine moderne Sportart, inspiriert durch das Fantasiespiel aus den Harry Potter Romanen. Schon gar nicht mehr so jung. Bereits vor knapp 15 Jahren kamen zwei amerikanische Studierende auf die Idee, das Spiel in die Wirklichkeit zu übertragen. Das Regelwerk betreffend haben die beiden sich nicht lumpen lassen. Wer sich als Außenstehender mal ein Spiel anschauen möchte, steht sich gut daran, die Regeln genau anzuschauen. Jona beteuert, dass sie sich schon ganz automatisch besonders verwirrt schauender Zuschauer annehmen würden. Und Verwirrung ist fast vorprogrammiert. Das Regelwerk ist komplex: gespielt wird auf vier verschiedenen Positionen, mit sieben Spielern je Team und fünf verschiedenen Bällen. Elf (!) Schiedsrichter überwachen die Einhaltung der Regeln. Der der sogenannte Snitch Runner ersetzt den fliegenden goldenen Schnatz, dieser kommt aber erst in Minute 18 aufs Feld. Vorher gilt es Punkte zu erzielen, in dem die Chaser (Jäger) Bälle durch gegnerische Torringe werfen. Der Keeper (Hüter) und die Beater (Treiber) versuchen diese jeweils auf verschiedenen Wegen davon abzuhalten. Die Seeker (Sucher) hat dann ab Minute 18 die Aufgabe den Snitch Runner zu fangen bzw. ihm den Snitch (ein kleiner Ball, der in einer Art Socke an der Hose des Snitch Runners befestigt ist) abzujagen. Ist dies passiert ist das Spiel beendet und es gewinnt das Team mit den bis zu diesem Zeitpunkt meisten Punkten. Stark vereinfacht und laienhaft (hoffentlich trotzdem alles richtig) ausgedrückt. Hinzukommen diverse Extras. Alle Spieler müssen als eine Art Handicap eine Stange zwischen den Beinen tragen, eine Reminiszenz an die Besen auf denen die Zauberschüler der Literaturvorlage reiten. Sieht man von den Spielpositionen ab, auch die Einzige. Die Sportart erfreut sich international gesehen großer Beliebtheit und ist weiter im Kommen. Es gibt Verbände auf verschiedenen Ebenen, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, diverse Nationale und Internationale Wettbewerbe. Nahmen beim 1. World Cup 2012 noch nur fünf Nationen teil, waren es 2018 schon 29 Teams.

Es handelt sich um ein schnelles Vollkontakt Spiel, das, so beteuern Jona und Stephan, vor allem von seiner Fairness und Gemeinschaft geprägt sei. Außerdem ist es das einzige Vollkontakt Spiel der Welt, dass gemischtgeschlechtlich gespielt wird und in dessen Regelwerk eine feste Quote für die Geschlechterverteilung geregelt ist – Hut ab dafür! Das begeistert mich sehr.
In Jülich wird erst seit April 2018 gespielt, im Dezember erfolgte der Aufstieg der Jupiters Jülich von der Entwicklungs- zur Vollmitgliedschaft und ab der kommenden Saison sind sie dann auch in der Liga dabei. Auch diese wächst stetig, Eine regionale Aufteilung ähnlich wie beim Fußball gibt es bereits.

Mich interessiert, was einen dazu bringt, ausgerechnet Quidditch spielen zu wollen. Jona und Stephan sind tatsächlich eher zufällig dazu gekommen. „Schuld“ daran war unter anderem ein junger Mann, der schon länger und sehr erfolgreich spielt: Leon Bürgers. Er ist der Trainer der Jülich Jupiters und wurde gerade als Spieler der Nationalmannschaft Vierter bei der in Deutschland stattgefundenen Europameisterschaft. Er spielt schon länger bei den Rheinos Bonn und war maßgeblich am Auf- und Ausbau der Jülicher Mannschaft beteiligt. Seit Neuestem sind die Quidditcher jetzt eine Sparte des Fußballvereins SV Jülich 12 und trainieren auch auf dem Sportplatz des Vereins. Das Training findet immer mittwochs von 18 bis 20 Uhr statt und sowohl Interessierte als auch Zuschauer sind herzlich willkommen. Sogar Harry Potter Fan, denn laut Stephan kommt man wegen Harry Potter und bleibt wegen des Quidditch.* Mitspielen kann potenziell jeder. Die Mannschaft ist nicht nur für Studierende der FH Aachen offen.
An dieser Stelle möchte ich noch eine Lanze brechen. Die Jungs waren wirklich genervt von den vielen Vorurteilen und Lästereien. Sie betreiben ihren Sport sehr ernsthaft und mit einer ansteckenden Begeisterung. So ansteckend, dass sogar ich, wäre ich sportlicher, drüber nachdächte mit dem Quidditch Spiel zu beginnen. Es bietet sich also an, einfach mal vorbeischauen zu gehen und die Vorurteile in der Schublade zu lassen.

*Und weil alles so fair ist, können mir die beiden sogar sagen von wem dieses Zitat ursprünglich stammt: Hanna Große, ebenfalls eine Nationalspielerin, die sonst auch bei den Rheinos Bonn spielt.

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Andrea Esser
In Jülich geboren und dann nach der Schule ab in den Süden zum Studium der Wortjonglage. Nach einer abwechslungsreichen Lehrzeit mit den Prominenten dieser Welt, überwog das Heimweh nach dem schönen Rheinland und Jülich im Speziellen. Deckname Lottofee, liebt ihre Familie, Süßigkeiten, Kaffee, alles Geschriebene und Torsten Sträter. Anfällig für sämtliche Suchtmittel (nur die legalen natürlich). Hat schon mal eine Ehrenurkunde gewonnen und ihre erste Zeitung bereits mit zehn Jahren herausgegeben. Hauptberuflich strenger Händchenhalter eines Haufens vornehmlich junger Männer. Der Tag hat notorisch zu wenige Stunden für alle Pläne und kreativen Vorhaben, die meiste Zeit etwas verwirrt.

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