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Von Fliegern, Fußball und Forschern

Das Nordviertel hat Geburtstag. Vor 65 Jahren beschloss der Stadtrat von Jülich die ersten Bebauungspläne. Wo einst Soldaten Schießübungen machten, Jülich 1910 sein Nachkriegs-Ersatzfußballfeld fand und der Turnverein Feld-Handball trainierte, wuchsen Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Hochhäuser im Zuge der Ansiedlung der „Kernforschungsanlage“ (KFA), des heutigen Forschungszentrums.

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Das "Nordviertel" vor der Bebauung. Foto: Archiv Rheinbau
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Immer wenn sich Jülich vergrößerte, hatte das in den vergangenen 100 Jahren stets mit der Ansiedlung von Großunternehmen zu tun: 1910 sorgte das Eisenbahninstandsetzungswerk für die Gründung des Stadtviertels Heckfeld, 65 Jahre später wurde der Bedarf neuer Wohnungen durch die KFA begründet. Als eine „Verbeugung vor der Wissenschaft“ ist sicher auch die Benennung der Straßen zu verstehen, die namhaften Forschern vorbehalten sind – von Röntgen bis Einstein. Weitere Straßennamen beziehen sich – wie die Petternicher Straße – auf historische Siedlungen, die letzte Gruppe auf Großstädte.

Einer, der bereits 1934 visionär ein „Nordviertel“ skizzierte, war der Architekt des Jülicher Wiederaufbaus: René von Schöfer. Ulrich Coenen bescheinigte ihm im Jülicher Jahrbuch der Geschichte 1991 sogar „genialen Weitblick“, denn schon im ersten Entwurf sah von Schöfer eine Straßenführung vor, die die charakteristische Winkelform des Artilleriefahrplatzes aufnahm und Baublocks – sprich Hochhäuser – vorsah, die auf schachbrettartigem Grundriss stehen sollten. Wie es aussehen sollte, sieht man heute noch.

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Umgesetzt haben es aber die Architekten von Drause und Kohl der Technischen Hochschule Aachen, wie in den „Beiträgen zur Jülicher Geschichte“, Band 45, bei Heinz Scheuer nachzulesen ist. Eine planerische Herausforderung, denn das an die Festungsanlage anschließende Wohngebiet sollte an der Zitadelle „ausgerichtet“ sein und den Bollwerken optisch folgen. Drei der Zitadelle vorgelagerte Festungsteile, so schreibt Dr. Peter Nieveler in der Publikation „Jülich gestern – Jülich heute“, erstreckten sich zwischen Linnicher und Neusser Straße. Bis heute zeichne der Verlauf der Artilleriestraße die Lage der sogenannten Lünetten A, B und C nach.

Das Gymnasium Zitadelle und die Halle Berliner Straße sind noch im Bau. Das Nordviertel wächst. Foto: Archiv Rheinbau

All die Historie dürfte die Neu-Ansiedler aber wenig interessiert haben, interessant war das Areal für Häuslebauer, da die Preise für Grundstücke niedrig waren. 25 D-Mark zahlte man etwa für den Quadratmeter, erzählte 2010 Heinz Kräling, der sicher als einer der Ersten im „Nordviertel“ gelten darf, dort zeitlebens wohnte und 2019 starb. Die Niedrigpreise brachten dem neuen Stadtteil schnell einen Spitznamen ein: Känguru-Viertel. Warum? Hier waren große Sprünge mit „nix im Beutel“ möglich. Von Anfang an stand das Viertel aber in jedem Fall für eines: für seine Vielfalt. Hier leben 128 Nationen zusammen.
Das markante Wohnhaus an der Artilleriestraße 7, in dem Heinz Kräling 1930 geboren wurde, gibt es immer noch. Damals war die Adresse noch „Kommstraße“. Es war die erste reine Wohnbebauung – ohne angeschlossene landwirtschaftliche oder gewerbliche Nutzung. Einen Kanalanschluss gab es nicht, aber einen eigenen Grundwasserbrunnen und Sickergruben für das Abwasser. Vor allem viel Ackerland bestimmte das Bild, dazwischen vereinzelte Häuser und der bäuerliche Betrieb „Johannishof“. Er stand dort, wo 1970 die Kirche St. Franz von Sales von Architekt Helmut Rademächers geplant und gebaut werden sollte. Ein Alleenweg führte von der heutigen Linnicher bis zur Mannheimer Straße, im Sumpfgebiet hinter dem Trommelwäldchen waren Molche zu Hause, und im Winter konnte dort Schlittschuh gefahren werden. Aus heutiger Sicht ein Idyll. Berichtet hat Heinz Kräling, früher Konrektor des Gymnasiums Zitadelle, auch von den Übungen der Soldaten und dem Artilleriefahrplatz als kleinem „Flugplatz“. Da das Gelände eben war, konnte hier der „Fieseler Storch“, ein Propellerflugzeug, zu Beobachtungs- und Sanitätsflügen starten und landen.

Die große Bebauung nach 1956 brachte auch eine neue Infrastruktur mit sich. Auf dem Gelände an der Berliner Straße entstand 1964 die Ingenieurschule, in die nach dem Umzug 1970 an den Ginsterweg eine Dependance des Gymnasiums Zitadelle einzog. Noch später wurde das Gebäude als Grundschule genutzt. Heute stehen ein Mehrfamilienhaus und ein Discounter auf dem Gelände.

Die Grundversorgung vor Ort gewährleisten seit 1970 verschiedene Lebensmittelgeschäfte, Metzger, Bäcker, Floristen, Apotheke, ein Friseur sowie Gaststätten. Das Angebot hat sich teilweise verändert und in einigen Bereichen erweitert. Im Jahr 2000 richtete die Rurtalbahn eine Haltestelle Jülich-Nord und 2018 eine Haltestelle „An den Aspen“ ein.

Der Verwaltungsbezirk von Ortsvorsteher Jan Schayen erstreckt sich zwischen dem Campus der Fachhochschule, Stetternicher Straße, Neusser Straße inklusive Krankenhaus, Ehrenfriedhof Linnicher Straße und stadtauswärts Richtung Broich zur Petternicher Straße. Rurseitig gehört die Linnicher Straße zum Bezirk Jülich-West.

Die Bewohner selbst ziehen die Grenzen deutlich enger: Ihre Welt entfaltet sich im Karree Petternicher-, Linnicher-, Berliner- und Münchener Straße entlang der Bahnlinie zurück zur Kopernikusstraße, die dort auf die Petternicher Straße stößt. Im „gefühlten“ Nordviertel befinden sich neben der markanten Saleskirche und benachbartem „Lynch’s Pub“ mit seit 1998 gewachsenem Kultstatus zwei konfessionelle Kindergärten, eine elterninitiativ geführte Kindertagesstätte, zwei Grundschulen (KGS und GGS-Nord), die Schirmerschule und die Sekundarschule, zwei Alteneinrichtungen und eine Tagespflege.

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Dorothée Schenk
Freie Journalistin, Redakteurin (gelernt bei der Westdeutschen Zeitung in Neuss, Krefeld, Mönchengladbach) und Kunsthistorikerin (M.A. in Würzburg) Gebürtige Sauerländerin und Wahl-Jülicherin.

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