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Bin ich denn nicht schön?

Anna von Kleve – Königin von England für ein halbes Jahr

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Anna von Kleve | Foto: HZG
Anna von Kleve | Foto: HZG
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Es gehört zu einem der Hauptwerke des Künstlers Hans Holbein d.J.: sein Porträt der Herzogin Anna von Kleve, das sich heute im Louvre in Paris befindet. Angefertigt wurde es im August 1539 im Auftrag König Heinrichs VIII. von England. Dieser war nach dem Tod Jane Seymours 1537 auf der Suche nach einer vierten Ehefrau, was nicht ganz einfach war. Aus politischen Gründen wäre es für ihn hilfreich gewesen, wenn durch eine erneute Heirat seine Verbindung zum König von Frankreich gefestigt worden wäre. Dort zeigte man sich aber wenig aufgeschlossen, da man das Ansinnen Heinrichs, er müsse seine zukünftige Braut persönlich auswählen dürfen, empört ablehnte. Zudem näherte sich König Franz I. von Frankreich just zu dieser Zeit dem gemeinsamen Gegner, dem deutschen Kaiser Karl V., wieder an, sodass eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Frankreich und England nicht opportun erschien. Gut, wenn man noch ein zweites Eisen im Feuer hat, und dies waren die protestantischen deutschen Fürsten, die sich im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen hatten. Auch sie waren Gegner Kaiser Karls V. Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen, einer der Anführer des Schmalkaldischen Bundes, war mit Sibylla von Kleve verheiratet, der ältesten Tochter Johanns III. von Jülich-Kleve-Berg. Der Kurfürst von Sachsen brachte nun das jülich-klevische Herzogshaus ins Spiel. Immerhin hatte Johann III. noch zwei weitere Töchter, Anna und Amalia, die beide zu diesem Zeitpunkt unverheiratet waren. Der Herzog von Jülich-Kleve-Berg hatte sich nicht der Reformation angeschlossen, stand aber für eine innerkirchliche Reform ein, die durchaus Übereinstimmungen mit der englischen Konfessionspolitik aufwies. Darüber hinaus befand er sich seit 1538 ebenfalls in einem Konflikt mit Kaiser Karl V., nämlich um das Herzogtum Geldern. Johann III. konnte bei einer familiären Verbindung mit Englands König darauf hoffen, von diesem in der Geldrischen Frage unterstützt zu werden. Die Gesandten und Diplomaten überschlugen sich mit Lobreden auf Anna von Kleve, vor allem was ihre Schönheit und Anmut beträfe. Es gab zwar auch deutlich nüchterne Berichte, aber das Interesse des Königs war geweckt. Da ein persönliches Treffen vor Abschluss des Ehevertrags nicht möglich war und der jülich-klevische Hof sich außer Stande sah, ein Bildnis Annas zu liefern, das den Ansprüchen Heinrichs genügte, schickte er schließlich seinen Hofmaler Hans Holbein d.J.. Im August 1539 begegnete dieser schließlich Anna und Amalia in Düren. Während sich von Anna gleich zwei Porträts von der Hand Holbeins erhalten haben, sind die Bildnisse Amalias leider verloren gegangen. Das Bildnis Annas überzeugte Heinrich VIII. auf Anhieb, sodass bereits am 4. September 1539 der Ehevertrag von seinen Unterhändlern in Düsseldorf unterschrieben wurde. Mit großem Gefolge machte sich Anna auf den Weg nach England. Die Reise war wetterbedingt äußerst beschwerlich. Erst am 27. Dezember 1539 erreichte sie englischen Boden. Heinrich VIII., ganz wild darauf, sie zu treffen, reiste ihr umgehend entgegen. Doch seine Enttäuschung war bei der ersten Begegnung übergroß. Er sah sich durch die vorherigen Berichte und das Porträt Holbeins geradezu getäuscht. Abfällig sprach er von Anna als „Flandrische Stute“. Die Hochzeit fand zwar am 6. Januar 1540 statt, wurde aber nicht vollzogen. Bereits am 9. Juli 1540 wurde die Ehe für aufgelöst erklärt. Anna erhielt den offiziellen Titel einer „Schwester des Königs“ und bekam eine stattliche Apanage zugesprochen. Ihr stand ein eigener kleiner Hofstaat zu, den sie vorbildlich führte. Nach Deutschland zurückkehren wollte sie nicht, obgleich ihr Bruder Wilhelm V., der inzwischen Herzog von Jülich-Kleve-Berg war, sie darum gebeten hatte. 1557 verstarb sie und wurde mit allen Ehren in Westminster Abbey beigesetzt, wo sich ihre Grabkapelle bis heute erhalten hat. Ob Anna tatsächlich so hässlich und ungebildet war, wie es Heinrich VIII. bei ihren wenigen Begegnungen empfand? Wir wissen es nicht, wir wissen aber, dass sich die politischen Rahmenbedingungen für die Eheschließung zwischen Abschluss des Ehevertrags und Hochzeit stark gewandelt hatten. Inzwischen erschien es nämlich Heinrich VIII. geboten, sich wieder stärker Kaiser Karl V. anzunähern. Das Paktieren mit einem erklärten Gegner des Kaisers passte hierzu nicht. Anna war das Opfer politischer Ränke geworden, denen wir aber ein Meisterwerk der Porträtkunst der Renaissance verdanken. Vor 500 Jahren, am 22. September 1515, wurde Anna von Kleve geboren. Wir gratulieren nachträglich auf das herzlichste!

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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