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Danke Berlin?!

200 Jahre Preußen am Rhein

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Danke Berlin | Foto: HZG
Danke Berlin | Foto: HZG
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Der Rheinlandbegriff, wie wir ihn kennen, entstand erst in der Zeit der preußischen Regierung ab 1815. Das Bewusstsein einer gemeinsamen rheinischen Identität bildete sich durchaus im Gegensatz zu den noch heute sprichwörtlichen strengen „preußischen Tugenden“ heraus. Mit dem Besitzergreifungspatent vom 5. April 1815 begann die preußische Geschichte des Rheinlands. Die 200. Wiederkehr dieses Datums ist Anlass für ein rheinlandweites Gedenkjahr unter dem Motto „Danke* Berlin. 200 Jahre Preußen am Rhein. Die Preußen und das Rheinland 1815–2015“ (*Der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz erinnert an eine 200-jährige Beziehung mit Folgen). Auch Jülich beteiligt sich an diesem Erinnerungsjahr mit dem Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Das preußische Jahrhundert. Jülich, Opladen und das Rheinland zwischen 1815 und 1914“ (www.preussisches-jahrhundert.de).

Auf dem Wiener Kongress waren dem Königreich Preußen die Länder links und rechts des Rheins von der niederländischen Grenze bis nahezu an den Oberrhein zugefallen. Die territoriale Eigenständigkeit der ehemaligen Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg oder des Kurfürstentums Köln hatte damit endgültig ihr Ende gefunden. Die Umwälzungen der sogenannten Sattelzeit, der Jahrzehnte um 1800, hatten mit der Französischen Revolution 1789 begonnen, in deren Folge die linksrheinischen Gebiete des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ 1794 an Frankreich gefallen waren. Im Frieden von Campo Formio waren sie 1797 an Frankreich abgetreten worden, um schließlich 1801 im Frieden von Lunéville endgültig aus dem Reichsverband ausgegliedert zu werden. Für mehr als ein Jahrzehnt waren die Jülicher nun französische Staatsbürger. Die weiteren Veränderungen, die durch den Aufstieg Napoleon Bonapartes zum Kaiser von Frankreich (1804) bestimmt wurden, führten schließlich zu einer grundlegenden Neuordnung der europäischen Staatenwelt.

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Die Jahre der französischen Herrschaft in Jülich wurden sehr unterschiedlich bewertet. Die Errungenschaften „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ begrüßte man durchaus, auch die Modernisierung von Staat und Verwaltung löste die mitunter als verkrustet empfundenen Strukturen des vorangegangenen Ancien Regime auf. Dagegen standen die Belastungen durch einen nahezu ununterbrochenen Kriegszustand, die wirtschaftlichen Probleme durch die protektionistische Wirtschaftspolitik des französischen Staates und die offene Kirchenfeindlichkeit der neuen Machthaber. Gerade letztere wurde von den überwiegend katholischen Jülichern als verletzend und ungerecht empfunden. Einen tiefen – auch mentalen – Einschnitt stellte die Säkularisation von 1802 dar, als die jahrhundertealten kirchlichen Institutionen aufgelöst wurden.

Das Ende der napoleonischen Herrschaft wurde mit dem katastrophalen Ausgang des Russland-Feldzugs im Jahr 1812 eingeläutet. In den anschließenden Befreiungskriegen wurde die Festungsstadt Jülich im Winter 1813/1814 eingeschlossen. Hunger und Seuchen waren die Folge und ließen die Einwohner aufatmen, als sich am 29. April 1814 die Festungstore wieder öffneten. Einige Tage später verließen die französischen Truppen Jülich. Wer nun gehofft hatte, alles würde besser werden, sah sich schnell getäuscht. Der Jülicher Privatlehrer Johann Krantz schrieb in seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen: „Jülich verlor durch den Abzug der Franzosen eine Kreuz-Partikel; die (nun folgenden) Sachsen brachten ihm an dessen statt einen großen schweren Kreuz-Block wieder, um die Bürger daran zu kreuzigen und zu quälen … Die nordische Verdauung dieser Leute war kaum zu sättigen. Ihrer zwei fraßen mehr als sechs Franzosen hätten verdauen können.“ Im Juli 1814 wurde die Garnison durch preußische Truppen ersetzt, deren Forderungen und Benehmen aber nicht entschieden besser war.

Die Preußen-Zeit begann schließlich am 5. April 1815, als König Friedrich Wilhelm III. offiziell die Gebiete links und rechts des Rheins in Besitz nahm. Die Embleme der französischen Herrschaft wurden an den Festungstoren und den öffentlichen Gebäuden durch den preußischen Adler ersetzt. Das Verhältnis der neuen Herren zu ihren Untertanen war in mehrfacher Hinsicht ein angespanntes. Preußen hatte nur sehr wiederwillig dem territorialen Zugewinn im Rheinland zugestimmt. Hier traf man nun – zumindest linksrheinisch – auf eine überwiegend katholische Bevölkerung, die den protestantischen Machthabern mit Argwohn begegnete.

Im Jahr 1816 wurde der Regierungsbezirk Aachen mit seinen Kreisen, darunter der Kreis Jülich, eingerichtet. Der Oberpräsident hatte seinen Sitz in Koblenz. Nachdem man noch lange, anknüpfend an vergangene Zeiten von der Provinz Jülich-Kleve-Berg gesprochen hatte, etablierte sich ab 1830 die Bezeichnung Rheinprovinz für die preußischen Gebiete am Rhein. Die Mitwirkungsrechte der Bevölkerung waren äußerst gering, woran auch die Einrichtung eines Landtages im Jahr 1824 nichts änderte, der erstmalig 1826 einberufen wurde. Das stark durch den Adel geprägte Gremium tagte regelmäßig in Düsseldorf, hatte aber mit dem heute demokratisch gewählten Landtag nichts gemein.

Es war ein weiter Weg, bis das Rheinland und mit ihm Jülich in Preußen ankamen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als der preußische König nunmehr auch deutscher Kaiser war, sollte sich dies ändern. Dazwischen lagen noch harte Auseinandersetzungen, wie die Revolution von 1848/49 und der „Kulturkampf“ Bismarcks gegen die katholische Kirche. Dass rückblickend Joseph Kuhl im dritten Band seiner Geschichte der Stadt Jülich 1894 voller Pathos schrieb, mit „der glücklichen Entscheidung, … den Rhein unter den Schutz des Hohenzollerischen Adlers (zu) stellen, brach das Morgenrot des neuen Tages an…“, hätte wohl kaum ein rheinischer Zeitgenosse vor 200 Jahren so formuliert.

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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