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Danken Sie noch oder sind Sie schon neidisch?

Hurra, wir werden Humankapital

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Danke | Foto: HZG
Danke | Foto: HZG
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„Da sind nur eine Sonne, Bäume, Blumen, Wasser und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des Beschauers, so mag das Ganze wohl einen schlechten Anblick gewähren, und die Sonne hat dann bloß so und so viel Meilen im Durchmesser, und die Bäume sind gut zum Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfäden klassifiziert, und das Wasser ist nass“. Heinrich Heine, Die Harzreise.

Draußen ist es Herbst. Zu meiner Kindheit hatte man den Altarraum der Kirche, in die wir nach Schulklassen aufgestellt zum Erntedankfest einrückten, jetzt zu einem jahreszeitlich opulenten Stillleben ausgestaltet. Kürbisse in Kapuzinerkresse gebettet, Körbe mit Kartoffeln, roter und weißer Kohl, Zwiebelzöpfe und Bündel von Porree von Dahlien und Astern in Bodenvasen flankiert, verwandelten dieses mir sonst immer etwas zu düstere Terrain ins Helle und Lichte. Ein Hauch von Heidentum wehte durch den Altarraum, ganz ähnlich im Advent, wo er sich in eine eher germanisch entrückte Fichtenschonung verwandelte. Ein Dickicht, worin man erst auf den zweiten Blick die Könige aus dem Morgenland in der Streu stehend das Christkind anbeten sah oder wie zu Fronleichnam auf den Straßen Teppiche aus Frühlingsblumen das Pflaster verdeckten. Heute haben wir stattdessen den „Christopher Street Day“ mit seinen ganz besonderen Blüten und der ist auf seine Weise ja auch ein Dankesritual.

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In ihren Anfängen sind alle Religionen Naturreligionen. Der Mensch, selbst Natur, erfreut sich daran und spendet der Schöpfung seinen Dank und weiß sich auf etwas bezogen. Schließlich wollen wir nicht ohne einen Sinn auf einem drittklassigen Planeten um die Sonne herum eiern, wir hätten auch gerne so etwas wie eine Bedeutung und dieser Wunsch erzeugt uns die Befähigung, alles Bestehende auch als Symbol zu sehen. Gerade in den Künsten werden wir immer gerne durch einen Parcours von Bedeutungen geführt, die Psychoanalyse schließt sich dem an. Die Voraussetzung für diese Art der Anschauung, die uns Symbole erzeugt, ist das Kindhafte, das Spielen. Schon Leonardo da Vinci definierte das Genie als einen ganz erwachsenen Menschen, der das Kind in sich hat unbeschädigt erhalten können. Unserem heutigen, mehr analytischen Geist gilt das als primitiv und naiv und ihm ist die Welt in erster Linie eine Ressource. Länder, Bäume, Tiere sind verwertbaren Kapitalien (siehe oben) und dafür gibt es keinen Dank. Das sind kalkulierte Posten, das wird bereitgestellt und verwertet. Tierkörperverwertungsanstalt, das gibt es wirklich und die Welt wird damit zum Durchlauferhitzer einer Fettverbrennung, die meine Körpertemperatur auf konstant 36,5° zu halten hat. Da kann es nicht ausbleiben, dass auch ich am Ende zur volkswirtschaftlichen Größe werde: Humankapital. Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, sondern er wurde schon im Jahr 2004 zum Unwort des Jahres gekürt, ein Prädikat, wogegen sich die Volkswirtschaftler damals bitter verwahrten.

Danken und Denken, Denken baut Beziehungen auf, Danken verbindet mich und auf diese Weise wachse ich über mein singuläres Sein hinaus und werde ein Teil der mich umgebenden Welt. Für Kinder ist noch alles ein Du, Pflanzen, Tiere, Menschen, das Tal hinter dem Hügel sind Du, man kann damit sprechen und erhält eine Antwort. Am Ende von Pisa bleiben dann nur noch der Einzelne und (falls vorhanden) seine Ressourcen.

Sich etwas schön zu reden gilt nach heutigem Selbstverständnis als ein Manko, das sich etwas schlecht reden ist da schon eher en vogue, das berühmte Jammern auf hohem Niveau. Danken hat offensichtlich keine Konjunktur und ist nach dem heutigen Credo eher etwas für Warmduscher und Weicheier.

Jetzt sage einmal schön danke, das ist ein Appell an das Kind und tatsächlich hat Danken immer etwas Kindliches, dieses Helle, sich Öffnende. Das beschenkt werden Können ist auch eine Gabe, ein Talent, nicht jeder wird beschenkt und wer dankbar ist, der kann auch strahlen wie ein Kind. Nur keinen Neid, denke ich mir immer angesichts so einer Lebendigkeit.

Danken Sie noch oder sind Sie schon neidisch? Dankesschuld, ist der Ausdruck noch geläufig oder steht man damit schon mit einem Fuß im Mystizismus? Dank setzt zweifellos etwas Höhergestelltes voraus, etwas, das über einen größeren Spielraum verfügt, als er mir gegeben ist. Mit dem Dank begebe ich mich auf dessen Ebene, Dankbarkeit ist nicht devot, sie ist eine Beziehung und kann auch Spaß machen. Don Camillo war darin sehr begabt, heute ersetzt das den Gang zum Psychologen. An Stammtischen dient beides der Belustigung, da ist Instandsetzung angesagt und der dritte Bypass zeichnet den rechten Kerl aus. So wird man zum Humankapital. Wie schrieb doch der surrealistische Dichter Jacques Prévert: „An jedem Kilometerstein der Erde, weisen die dümmsten Greise der Welt die Kinder ins Leben ein, mit zementierter Gebärde“.  A´propos Pisa: Artenvielfalt und Biodiversität bei Charakteren sind auch volkswirtschaftlich von markantem Vorteil, Gottseidank auch.

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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