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Phönix aus der Asche

Jülich und der Bombentag des 16. Novembers 1944: Ein einschlagendes Ereignis, das für die Bevölkerung der Herzogstadt nach wie vor immer wieder präsent ist. Folgerichtig, im Rahmen einer NRW-Ausstellungssammlung noch einmal den Blick darauf zu werfen – und die Frage zu stellen: Wie sah es in Jülich aus, während in Düsseldorf das Bundesland „Nordrhein-Westfalen“ gegründet wurde?

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Dr. Jonas Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen, vergleicht die Gründungszeremonie von Nordrhein-Westfalen (Bildschirm rechts unten) mit der Situation zur gleichen Zeit in Jülich (Bildschirm links). Foto: Ariane Schenk
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„Ich beginne mit dem, was ich in den nächsten Minuten nicht machen werde“ – so fing der Vortrag über die „echte ‚Stunde Null‘“ von Dr. Jonas Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen, an der VHS Jülicher Land an. Damit setzte er bereits einen Grundstein für die Ambivalenz, die sich durch den Abend ziehen sollte. Denn es gehe bei ihm nicht um das bekannte, „abgedroschene“ Narrativ des Begriffs „Stunde Null“, eine Darstellung der Deutschen als Kriegsopfer oder die Repräsentation der Stadtgeschichte, sondern um Gleichzeitigkeiten bis Ungleichzeitigkeiten.

Was soll das eigentlich heißen, eine „echte“ Stunde Null? Becker klärte auf: Anders als bei dem 8. Mai 1945, der oft als „Stunde Null“ bezeichnet wird, sei Jülich so sehr zerstört gewesen, dass man seiner Meinung nach tatsächlich von einem kompletten Neuanfang sprechen könne. Erzwungenermaßen, weil eben nichts mehr stand. In diesem Zuge zitierte er aus der Rückschau des „Bomber Commands“: „Die Stadt war nicht mehr als ein nicht wiederzuerkennender ‚Haufen Schutt'“, sowie aus den Daten, dass am 1. April 1945 – also über ein halbes Jahr nach der Bombardierung im Zuge der „Operation Queen“ – nur 45 Personen in Jülich „lebten“. Wenn man es denn „leben“ nennen könne. Im Vergleich etwa zu Düsseldorf, in dem die Bevölkerungszahl auch deutlich runterging, aber dann wieder anstieg, lag sie also in Jülich auch längere Zeit quasi bei Null. Es gehe ihm darum zu zeigen, dass „Jülich sich durchaus dafür feiern kann, dass es ein echter Phönix aus der Asche ist“. Daraus folgend auch die Gliederung seines Vortrags: Zerstörung, Schöpfung und (Wieder-)Aufstieg. Eine Gliederung, die zeigt: Es gab viel Geschehen auf mehreren Ebenen im damals noch nicht als solches existierenden NRW.

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Besagte Ebenen machte Becker in seiner Präsentation auf den ersten Blick erfassbar. Bilder von Hütten, Sanitär-Löchern und nackten Füßen im letzten Jahresdrittel prägten den Vortrag. Ein Hauptaugenmerk waren nämlich die Fotografien Victor Gollancz’, die in dessen Buch „Darkest Germany“ veröffentlicht wurden. Bilder, die auch noch zwei Jahre nach dem britischen Luftangriff von prekären Situationen sprachen. Diese stellte er den britischen Besatzern gegenüber mit ihrem Versuch, Demokratie und Staatssystem aufzubauen. Beispielsweise mit der Festivität in Düsseldorf, in der die Briten zusammen mit den Abgeordneten und dem neuen Ministerpräsidenten die Gründung eines Bundeslandes begingen. Darunter, so Becker: Der spätere Finanzminister und Linnicher Heinrich Weitz, also aus dem damaligen Kreis Jülich. Ob diese Zeit für ihn wohl so ungleich schien, wie es 80 Jahre später für das Vortragspublikum der Fall war? Wie bizarr muss ein festlicher politischer Akt wirken, wenn man zu Hause in Trümmern und Elend lebt?

Keinerlei Verständnis dafür, so Becker, hätten die Besatzer für die Lage gehabt. Sie hätten sich in Briefen echauffiert, dass falsche politische Termini verwendet und das System teilweise nicht verstanden worden sei. Dabei ordnet er auch ein, dass die Menschen existenziellere Probleme als politische Feinheiten hatten. Erst mit den umfassenden städtischen Maßnahmen des Wiederaufbaus sowie dem „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre und damit langsam endenden materiellen Nöten habe sich die Demokratie festigen und eine Akzeptanz entstehen können. Die Demokratie habe erst etwas „anbieten“ müssen. Erst mit den 1960er Jahren mit dem überall spürbar verbesserten Wohlstand sei das Volksempfinden darin, wann es Deutschland im 20. Jahrhundert am besten gegangen sei, vom Kaiserreich (sowie auf Platz Zwei die so genannten „Friedensjahre“ 1933 bis 1939) zur Bundesrepublik umgeschwenkt.

Apropos Wahrnehmung: Dass sich Erkenntnisse über historische Begebenheiten stetig ändern, war auch an diesem Abend zu spüren. Denn der Vortragende erklärte, dass Jülich aufgrund seiner Festungsanlage vom britischen Bombardement fokussiert worden sei. Dies korrigierten einige Interessierte aus dem Publikum einstimmig: Längst widerlegt sei diese Ansicht. Eher sei es um die strategische Lage, etwa wegen des direkten Weges nach Köln, der Rur oder vielleicht auch des Eisenbahnkreuzungspunktes, gegangen. Becker parierte souverän, wie es sich für einen Wissenschaftler gehört: Es sei gut, dass wir als Gesellschaft nicht nur „alte Narrative einfach nachquatschen“, sondern auch neue Erkenntnisse hätten und so näher daran kämen, wie es dereinst wirklich war. Aber dennoch ließ er offen, dass der Angriff möglicherweise mehrere Gründe hatte.

Der Vortrag fand im Zusammenhang mit dem MuseumMobil statt – ein Projekt des Hauses der Geschichte NRW, das im ganzen Bundesland persönliche Geschichten sammeln und hinterher ausstellen möchte. Vertreterin Dr. Stefanie Johnen stellte in Bezug auf die Grußreden von Timur Bozkır als stellvertretendem Landrat und Karl Philipp Gawel als Vertreter für Bürgermeister Axel Fuchs sowie Claudia Schotte als VHS-Leiterin und Jülicher Geschichtsverein klar: Es gebe jede Menge Geschichtsbereiche, wie in den an diesem Abend vorangegangenen Beispielen die Forschung, Braunkohle, Wirtschafts-, Römer- oder Migrationsgeschichte, die das Land geprägt hätten und zu denen es etwas zu erzählen gebe, was im MuseumMobil Platz finden könne. Objekte, die in ihrer Ganzheit oder in bestimmten Aspekten betrachtet werden könnten und ganz wesentlich erzählten, wie sich das Land Nordrhein-Westfalen entwickelt habe. Sie freue sich über jede Gabe.

Günter Hirte, jahrzehntelanger Leiter der Rundfunksendestelle, erklärt die Senderöhre (links im Bild). Foto: Ariane Schenk

Das ließ sich der Geschichtsverein im Vorhinein nicht zwei Mal sagen. Zu Beginn der Veranstaltung wurde eine Senderöhre aus der alten Rundfunksendestelle auf der Merscher Höhe enthüllt, die vom Verein gespendet wurde. Ein Exponat, das auch im Sinne der eigenen Ausstellung „Von Jülich in die ganze Welt“ über ebenjene Sendestelle, dereinst gesichert worden war. Claus Maas, Arbeitsgruppenleiter der Ausstellung und Günter Hirte, Leiter der Sendeanlage von 1973 bis 2010, zeigten sich erfreut, über das Exponat einige Worte verlieren und es dem neuen Haus der Geschichte zugänglich machen zu können.


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