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Seltsame Vögel

Wat den Eenen sin Uhl, is dem Annern sin Nachtigall

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Der Mai ist gekommen, alle Vögel sind schon da, komm´ lieber Mai und mache, nicht nur die Vögel singen. Auch uns Menschen läuft das Herz über, es den Vögeln gleichzutun, zu balzen und ein Nest zu bauen oder wie Eichendorffs „Taugenichts“ ins Blaue respektive Grüne aufzubrechen. Frau Kuckuck legt ihr Ei gleich in fremde Nester, Paarbindung unbekannt, diese Vögel schätzen die Promiskuität und ich frage mich ernsthaft, ob die Kuckucksuhr als Legitimation solcher Existenzen wohl ausreicht? Es gibt schon seltsame Vögel. Bei den Odinshühnchen ist das Weibchen bunt, es balzt, krakeelt und verteidigt das Revier. Brüten, Füttern, Hegen besorgt hier ausschließlich das Männchen. Die einen vögeln durch die Gegend, andere haben lebenslange Paarbindungen.

Maienzeit ist Blütenzeit, verschiedene Blüten, verschiedene Früchte. April macht, was er will, da darf man sich noch die Hörner abstoßen, aber im Mai ist das vorbei. Jetzt heißt es sein Ziel angehen, Eigenart ist gefragt. Diversität begünstigt die Stabilität, Gebirgstäler, wo jeder mit jedem verwandt ist, tendieren bekanntlich zur Verblödung.

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Mai, ein milder Frühlingsabend, draußen singt ein Amselmännchen, ein auffallend schöner Gesang aus einem auffallend gelben Schnabel.

Für die Ornithologen dient das der Revierabgrenzung, doch dafür schiene mir das zeternde Stakkato, mit dem es jetzt auffliegt, besser geeignet. Doch gleicht bei Amseln kein Gesang dem anderen und Anmut und Schönheit zur Grenzsicherung – das gefällt mir.

Romeo und Julia hingegen fragen sich dabei, ob das nun die Nachtigall ist oder die Lerche? Denn die Nachtigall singt, wie der Name andeutet, im Dunkel der Nacht, die Lerche bei Tagesanbruch. Dann droht Gefahr, denn gegen ihre Liebe stehen die verfeindeten Familien. Beim Ruf des Käuzchens wird es dem umherirrenden Wanderer vielleicht unbehaglich, aber den beiden hätte er Zeit geschenkt. Wat den Eenen sin Uhl, is dem Annern sin Nachtigall. Wir bewegen uns auf der symbolischen Ebene und ein Symbol ist nicht richtig oder verkehrt, es bedient ein Gefühl. Es gibt keine verkehrten Gefühle. Unpassende und gefährliche schon.

Gefühlsmäßig steht der Mai hoch im Kurs, vermutlich weil er häufig zu kurz gehalten wird und sich Nestbau, Hege, Pflege und Lust einfach nicht gleichberechtigt gegenüberstehen. Wir sitzen wie Eichendorff in einer preußischen Kanzleistube und träumen von Taugenichtsen und von Mainächten, die nach Waldmeister duften. Wenn wir später mit unseren Wohnmobilen über den Globus ziehen, dann suchen wir frisches Birkengrün und Maiköniginnen vergebens und gegen lahme Hüften helfen auch keine Hawaiihemden. Jegliches hat seine Zeit.

Trotzdem ist der verspätete oder nachgeholte Mai so verbreitet, dass der Volksmund einen Begriff dafür hat: der Johannistrieb. Aber Johanni, das ist das Ende der Spargelsaison, der Beginn des Sommers, also nach heutigem Verständnis eine völlig normale Zeit für den wiederholten Neubeginn, Maigefühl und Patchworkfamilie,  Allerheiligen- oder Halloweentrieb wäre treffender.

Natürlich ist das alles nicht neu. Schon im „Goldenen Zeitalter“ alterte man nur widerwillig und wenn man irgendwann starb, wurde man immerhin als Sternbild in den Himmel gesetzt. Die Zahl des Gefunkels dort oben dürfte von der Menge her jedenfalls reichen. Aber danach gab es etliche Neuauflagen, das silberne Zeitalter, das eiserne, das bleierne, eine absteigende Linie. Wir leben im Silikonzeitalter. Ob das ein weiterer Tiefpunkt oder ein Wendepunkt ist, das muss sich noch zeigen.

Frühling ist auch ein bevorzugtes Thema in der Kunst, jedes Gesicht ist letztlich Blüte oder Frucht und ohne Blüte keine Ernte. Kein Archimboldo mit seinen aus Früchten und Blumen geformten Gesichtern, kein opulentes Stillleben von der Lust der Welt, kein Wein gekränzter Bacchus. Bei Lucas Cranach kriechen die Greisen und Siechen in den Jungbrunnen, um am anderen Ende maienhaft verjüngt sich sogleich der Minne zuzuwenden. Irgendwie ist es uns noch nicht gelungen, den vorgegebenen Ablauf des Lebens mit unseren Wunschwelten zu arrangieren.

Die Kunst, wie stets, hält uns ein Gegenmodell bereit, die Figur des Weisen. Meistens ist er blind, als Symbol dafür, dass er nach Innen schaut. Das steht bei uns Vielfliegern natürlich nicht hoch im Kurs und ist in etwa gleich bedeutend mit „in die Röhre schauen“ und sei es die des Flachbildschirms. Von Rembrandt haben wir ein letztes Altersporträt. Es hängt im Museum Ludwig und die Jahresringe des Gelebten wachsen wie ein Relief aus der Ölfarbe empor, Sedimente vergangener Frühlinge, ein vom Humus vergangenen Blühens angereicherter Lössboden. Dr. Gottfried Benn, Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, diagnostizierte an der Beschaffenheit des Teints eine fortgeschrittene Leberzirrhose. Dass bei so einem Porträt auch einmal ein kolossaler Mai gewesen sein muss, Tulpen- und Apfelblüte im Polder, dieses Gedicht ist er uns vor lauter Diagnose schuldig geblieben. Er hätte das gekonnt, aber das kommt von diesen Brotberufen, das Wichtigste bleibt liegen. Dabei war dieser Rembrandt nicht einmal Privatpatient.

Ein Gedicht von Rembrandts Mai, von mir aus auf dem Rezeptblock. Diese Brandung von Grün, Rosa und Weiß, der die Welt zu eng wird und die so gar nichts hat von dem Tropfenzähler, mit dem wir uns das verabreichen. Mai ist maßlos, die Blüte sitzt weiß auf dem schwarzen Geäst, der viel zitierte grüne Zweig bildet sich später.

Aber zum Glück ist der Mai nicht nur ein Symbol, er ist auch eine Jahreszeit. Also dort draußen, vor dem Fenster und hier und jetzt. In den Gräben blüht der Baldrian, süßer, narkotischer Duft und die Katzen sind wie toll, Fauchen, Kreischen, Tatzenhiebe. Da bleibt schon mal ein Auge auf der Strecke. Macht nichts, riskieren wir ruhig mal ein Auge für den Wonnemonat. Maikäfer brummen und Gestalten ziehen mit Leiterwagen, Fässern und Singsang in die laue Nacht. Walpurgisnacht, ab ins Getümmel oder vor das Fenster der Maikönigin, die Maibäume aufrichten. Bis man dann verkatert aufwacht, darüber kann es schon mal Juni oder Juli werden. So viel Mai muss schon sein. Der frühe Vogel fängt den Wurm – der späte Bär fängt mehr und was wäre ein Oktober ohne Dahlien und Astern.

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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