
Es gibt Erinnerungen, die bleiben. Manche Erinnerungen kann man sehen, andere haben Geräusche, und einige haben einen Geruch. Für Mo Khomassi gehört der Geruch des Krieges zu den prägenden Erinnerungen seiner Kindheit im Libanon. Ein Geruch, den er bis heute beschreiben kann.
Jahrzehnte später trägt er diese Erinnerungen noch immer mit sich. Als er in der Stadtbücherei im Rahmen der Lesung „Ein Leben zwischen zwei Welten“ davon erzählt, werden aus Erinnerungen wieder Bilder: von seinem Vater, der Verletzte aus dem Krieg holte, von einer Familie auf der Flucht und von einem kleinen Loch in der Berliner Mauer, durch das sie den Weg in ein neues Leben fanden.
Die Nachfrage an diesem Abend ist groß. Die Stühle sind bis auf den letzten Platz besetzt. Nicht alle Interessierten können dabei sein. Die einführenden Worte von Büchereileitung Birgit Kasberg und Beatrix Lenzen von der Stadt Jülich stimmen auf den Abend ein, an dem persönliche Erfahrungen im Mittelpunkt stehen.
Dann beginnt Mo Khomassi zu erzählen: von seiner Mutter, die ihren Kindern im Krieg Namensbänder anlegte, damit sie wiedererkannt werden konnten. Von seinem Vater, der Verletzte barg und Menschen in Sicherheit brachte. Von einem Bunker, in dem geflüstert und gebeten wurde. Und von den Eindrücken und Wahrnehmungen, die damals auf ihn als Kind einprasselten.
Seine Geschichte führt vom Libanon über mehrere Stationen nach Deutschland. Ein kleines Loch in der Berliner Mauer wird dabei zu einem Moment der Hoffnung, denn durch diese Öffnung gelangte die Familie nach Westdeutschland.
Schließlich führt ihr Weg nach Jülich. Hier begegnet Mo Khomassi Menschen, die ihn und seine Familie unterstützen, zuhören und Türen öffnen. Menschen, die ihm zeigen, dass Ankommen mehr sein kann als ein neuer Ort. Bis heute steht die Jülicher Feuerwehr für ihn symbolisch für Menschlichkeit.
Darüber hinaus sind an diesem Abend zwei Menschen, die in seiner Geschichte eine besondere Rolle spielen, selbst unter den Zuhörenden. „Wenn Menschen merken, dass ihnen geholfen wird, dann ist das Energie pur“, sagt er später an diesem Abend. Genau darin liegt vielleicht auch ein Teil davon, was Mo Khomassi mit seiner Geschichte erzählen möchte.
In seinem Buch schreibt er über „Schmerz und Stärke, über Flucht und Ankommen, über Liebe, Hoffnung und die Frage, was Heimat wirklich bedeutet“. Es ist also nicht nur eine Geschichte über das, was verloren ging, sondern auch über das, was entstehen kann, wenn Menschen füreinander da sind.
Diese Energie ist an dem Abend im Raum zu spüren. Die Geschichte, die Mo Khomassi erzählt, bleibt nicht bei ihm: Sie bewegt die Menschen, die ihm zuhören. Manche wischen sich Tränen aus dem Gesicht, während er von seinem Leben erzählt. Und auch er selbst muss an einigen Stellen kurz innehalten und einmal tief Luft holen. Doch der Abend bleibt nicht hauptsächlich bei seiner Geschichte.
Nach der Lesung wird aus dem Zuhören ein gemeinsames Gespräch. Es fühlt sich weniger wie eine klassische Fragerunde als wie ein Gespräch miteinander an. Das Publikum fragt, erzählt, lacht, und Mo antwortet offen. „Integration funktioniert, wenn beide Seiten etwas dazu tun“, sagt er. Es brauche Menschen, die bereit seien, eine Tür zu öffnen, aber auch die Bereitschaft hindurchzugehen.
Immer wieder geht es dabei um die Frage, wie Zusammenleben gelingen kann. Mo hat darauf eine klare Antwort: „Redet nicht ohne uns über uns, sondern mit uns.“ Ein Satz, der an diesem Abend nicht nur einmal fällt.
Auch in der anschließenden Diskussion geht es immer wieder darum, Menschen nicht auf ihre Herkunft oder eine Gruppe zu reduzieren, sondern sie selbst zu Wort kommen zu lassen und vor allem sie individuell zu betrachten. Am Ende stellt Mo Khomassi noch mal einen Gedanken heraus, der sich mit durch den gesamten Abend zieht: Jeder könne im eigenen Umfeld etwas verändern.
„Wenn ich es schaffe, meine Umgebung ein bisschen besser zu machen, dann machen das vielleicht noch zehn weitere, und das führt dann zu einer Kettenreaktion“, sagt er. Schlussendlich hat dieser Abend vielleicht genau das gezeigt: Was passieren kann, wenn Menschen einander nicht nur zuhören, sondern wirklich miteinander ins Gespräch kommen und füreinander da sind.



























