Start Stadtteile Jülich „Mythen aus der Odyssee bewegen uns noch heute“

„Mythen aus der Odyssee bewegen uns noch heute“

Die Odyssee von Homer, nachempfunden als Reise durch die Stadtbücherei Jülich: An einzelnen Stationen gaben vier Experten bei der „Odyssee im Kulturhaus“ spannende kulturgeschichtliche Einblicke.

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Foto: Sonja Neukirchen
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Wieviel Homer steckt heute noch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch? Die Antwort lautet: So einiges. Da wären das Bezirzen, die Sisyphos-Arbeit, die Tantalos-Qualen, der Ödipus-Komplex – Begriffe, die heute noch Verwendung finden, ohne dass uns Homers „Odyssee“ dabei möglicherweise in den Sinn kommt. Das Experten-Trio Marcell Perse, Christoph Fischer und die Bonner Altphilologie Studentin Julia Odak, unterstützt von Bernhard Dautzenberg, spannten den Bogen von Odysseus bekannten Reise – vom griechischen Dichter Homer im 8. Jahrhundert vor Christus ersonnen – bis in die Neuzeit. Sie bezogen dabei auch die Rezeption des Werkes mit ein.

Von 13 Stationen aus Odysseus abenteuerlicher Reise kannte das abendliche Publikum doch ganze acht, wie Fischer erstaunt feststellte. Das sei schon eine Menge und zeigt, wie bekannt und verwurzelt das Epos des antiken Dichters heute noch sei, das an dem Abend – sauber belegt – als einen Ursprung der abendländischen Kulturgeschichte herausgearbeitet wurde. Es sei die früheste Literatur, die für uns greifbar ist, erklärt Fischer, der seinen Vortrag mit fünf Versen aus dem Altgriechischen begann. Das Epos: „Ein Geniestreich“. Es handele sich um eine nichtlineare Erzählung, mit allem ausgestattet, was man von guter Literatur erwarte, so Fischer. Mit Perspektivwechsel, Rückblenden und Bildsprache – ähnlich heutiger Fernsehsendungen. Die Erzählstruktur sei modern, doch die Welt der Antike sei uns fremd.

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Das Publikum selbst tat eine Reise: Von Raum zu Raum bewegten sich die Gäste Stühle rückend – die abenteuerliche Reise nachvollziehend – durch das „Kulturhaus. Das gab der Veranstaltung den Namen. Dieses sehr agierende, und dialogische Konzept hatte Perse selbst ersonnen, um aus dem gewohnten frontalen Vortragen von literarisch-kulturellen Inhalten heraus zu kommen – ein Kniff der gelang. Clever spannen die drei Experten so gleich mehrere Fäden zu einer kulturgeschichtlichen Entwicklung von der Antike zur abendländischen Kultur zusammen, hin zu einem Gesamtgefüge. Die Entwicklung des Buchdrucks gehörte dazu – ohne den es weder eine Geschichtsschreibung noch eine Literaturwissenschaft, noch überhaupt eine Herausbildung eines kulturellen Kanons geben würde. Vom Holzschnitt über den Kupferstich, die Radierung bis hin zur Lithographie und die Illustrierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erläuterte Perse die Techniken von Hoch- und Tiefdruck – auch mit ihren zeitlichen Einordnungen: „Es entsteht hier ein allgemeines Bildgedächtnis, während Homer in ein allgemeines Geschichtsgedächtnis übergegangen ist“, verknüpft er die Fäden. Erstaunlichen Fakt dabei: Die von Homer ersonnene Reise sei lange Zeit ausschließlich mündlich überliefert worden.

Wer war nun Odysseus, und wofür stand und steht er? Er sei der erste moderne Held gewesen. Wandlungsreich, geistig beweglich, aber auch zwiespältig. So Odak. Zwar ein archaischer Held, aber klug, hinterlistig, grausam, rachsüchtig. Den Philosophie-Zweig der Ethik gab es damals noch nicht, erklärt Odak. Frauenfiguren seien bei Homer stark und nahezu gleichberechtigt gewesen, erfuhr das Publikum.

Wie vielfältig die Odyssee ist, die kein Reisebericht war – da fiktiv aber mit realen Orten – zeigten die ausgestellten Werke, die jeweils das Thema dieser abenteuerlichen Reise aufgriffen. Darunter auch der bekannte Comic Asterix und Obelix, der ja eigentlich bei den Römern beheimatet ist. Wie das kommt, und warum die alten Griechen und die alten Römer so gar nicht zu trennen sind, erläuterte Julia Odak so: „Vieles aus der griechischen und römischen Mythologie ist ähnlich. Das ist schwer abzugrenzen.“

Mythen, die beschäftigen uns auch noch heute, weiß Fischer. Welche dazu gehören und welche nicht, das scheint jedoch etwas umstritten. „Narrativ“ – das könnte als moderne Alternative zu dem Begriff „Mythos“ herhalten. „Die Odyssee ist und bleibt eine spannende Erzählung, die Menschen bewegt“, so Fischer. Wobei das „Bewegen“ durchaus in doppeltem Sinne gemeint gewesen sein könnte. Am Ende der Reise hatte das Publikum jeden Raum der Stadtbücherei erkundet.


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