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Mann mit Engelsgeduld

Mit Corona hat derzeit die Aachener Domschatzkammer besonders zu tun, weswegen sie sogar internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Während der Zwangspause beschäftigt sich das hauseigene Team mit Reinigungs- und Restaurationsarbeiten unter anderem des Corona-Leopardus-Schreins. Zum Team gehört der Jülicher Luke Koeppe.

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Luc Koeppe und das Reliquiar der Corona. Foto: Andrea Thomas
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Einen langen Atem benötigt Luke Koeppe für seine Aufgabe. Der ganze Corona-Leopardus-Schrein der Aachener Domschatzkammer ist komplett zerlegt worden, jedes Teil fotografiert, gewogen, vermessen worden. Aus immerhin 2653 Einzelteile plus Schrauben besteht das Kunstwerk. Alles wird durchnummeriert und anschließend auf einer Überblickskartierung genau eingetragen, wo welches Teil entnommen worden ist. „Am Schrein habe ich drei Monate lang zwölf Stunden am Tag gearbeitet“, erklärt der Student der Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft.

An den Aachener Dom ist er über den Umweg in die „andere“ Domstadt, nämlich Köln, gekommen. Dort studiert er an der TH mit Fachrichtung Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften, ein Studiengang, der nur an an sechs Standorten in Deutschland angeboten wird. Zunächst hat er im Bereich Textilien angefangen, den es nur in Köln gibt. Ein relativ weit gestreutes Feld: „Mumien, Priestergewändern, Reliquien, archäologische Fasern, also alles, was man sich vorstellen kann, was irgendwie mit Textil, Leder, mit Fäden in Verbindung stehen könnte“, erklärt Luke Koeppe.

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Jetzt ist er im Bereich Goldschmiedekunst tätig. Dazu ist er über ein Studienpraktikum gekommen. Da ihn der Aachener Dom und die dortigen Kunstwerke besonders interessieren, und auch die Professorin einen guten Draht in die Kaiserstadt hatte, ergab eines das andere. Ein Glücksfall, denn im Gegensatz zu Köln, wo aufgrund der Ausbildungsstätte an der TH das Feld der Restauratoren recht breit gesät ist, herrscht in Aachen diesbezüglich eher ein Mangel.

„Hunderte oder manchmal tausende Stunden an einem Objekt zu sitzen, dafür braucht man eine Engelsgeduld“, fügt er dann hinzu. Eine Kollegin wirke an der Restaurierung von zwei Holztafelgemälden um 1420, mit die ältesten Gemälde am Dom. An einer Tafel arbeite sie bereits seit vier Jahren, und ein Ende sei nicht absehbar. Keine Aufgabe für jemanden, der schnell sehen möchte, wie ein Engagement von Erfolg gekrönt ist.

Luke Koeppe tickt allerdings völlig anders. Während er einerseits den Eindruck vermittelt, stundenlang von seiner spannenden Arbeit erzählen zu können, ist ebenso leicht vorstellbar, wie er sich hingebungsvoll über lange Zeit einer diffizilen Säuberung widmet oder einfach unendlich schier viele Striche nachmalt. Man benötige halt einen langen Atem, erzählt er. Manches gehe aber auch an einem Tag wie die Reinigung eines Kelches.

Wichtig sei es, sich dabei dennoch zurückzunehmen und nur das Kunstwerk zu sehen. Figuren wie der Hl. Heribert, eine seiner Lieblingsskulpturen, hätten Bischofsstäbe, die noch einmal so fein ausgearbeitet seien, dass diese Stäbe allein ein eigenes Kunstwerk seien. Sich einfach mit Dingen zu beschäftigen und sie in jeder Lebenslage kennenlernen zu können, das findet er spannend. „Absolut.“ Allein die Vorbereitung der Konservierung, um Unterlagen über den Schrein selbst aus allen Archiven zusammenzutragen, habe sich über ein halbes Jahr hingezogen, erklärt Luke Koeppe.

In den Schrein selbst sind vor gut 100 Jahren auf Veranlassung des damaligen Stiftsproptes Alfons Bellesheim die Gebeine der Heiligen Corona und Leopardus umgebettet worden. St. Corona wurde übrigens als Schutzpatronin der Holzfäller, Fleischer, Geldwechsler sowie seit 100 Jahren der Börsenmakler angerufen. Mancherorts gilt ihr Todestag am 14. Mai als Gedenktag. In Aachen wird ihrer gemeinsam mit St. Leopardus am 30. September gedacht.

Über der Arbeit in der Domschatzkammer schwärmt er richtig, wie viel er dabei lerne: „Wie schreibe ich einen Text? Wie nähere ich mich dem kunsthistorisch?“ Spannend ist das Wirken am Schrein in vielerlei Hinsicht für ihn: „Beispielsweise habe ich eine Schedula gefunden, auf der sich alle Goldschmiede drauf verewigt haben, alle Werkstattmeister, die daran beteiligt waren, und ich habe schon jetzt einen Zettel in den Schrein hineingelegt mit meiner Dokumentation der Restaurierung, dass klar ist, was gemacht worden ist.“

Als der Schrein 1912 verschlossen wurde, ist ein Exemplar der „Christlichen Kunst“ hinzugefügt worden, ein Sonderdruck zum Schrein. „‚Christliche Kunst‘ ist ein Magazin gewesen, in der man Vorlagen für Goldschmiede, Kunsthandwerker, Architekten, also von Künstlern für Künstler.“ Die Beilage sozusagen als Zeitkapsel sei ein ganz toller Gedanke, ist der Konservator begeistert. „Stellt man sich mal vor, man findet irgendwo in einer Ausgrabung so etwas und hat irgendwie eine Schriftquelle dabei, das ist aus archäologischer Sicht das Non-plus-ultra.“ Sonst müsse man die Archive durchwühlen. „Wenn überhaupt irgendetwas da ist.“

Kunstgeschichte und Kunst sind seins. Er sei sehr detail-verliebt und mag es, historische Dinge dazu auswendig zu lernen. Der Gegenstand dürfe ruhig sakral sein. Profane Kunst begeistert ihn hingegen weniger. Ein Scheich könne sich einen Schwan aus Gold machen lassen und mit elfhundert Brillanten besetzen. „Dies ist schön, aber das ist nichts, was tiefere Dimensionen erreichen würde.“ Er liebt es, wenn eine ganze Theologie und Philosophie im Hintergrund steht.

Momentan kuratiert er die Goldschmiedekunst des 19. Jahrhunderts für die Ausstellung „Mittelalter 2.0 – Goldschmiedekunst des Historismus am Aachener Domschatz“. Dazu gehört eben auch der Corona-Leopardus-Schrein. „Wir arbeiten im Moment den ganzen Schatz des 19. Jahrhunderts auf, was unwahrscheinlich große Bestände sind. In Aachen sind allein an Goldschmiedewerken so viel wie an keiner anderen Kirche weltweit im 19. Jahrhundert zusammen gekommen, warum auch immer. Da versuchen wir im Moment, die historischen Hintergründe dafür zu klären, das zu katalogisieren, aufzuarbeiten, in der Ausstellung und auch später in einer großen Publikation zu veröffentlichen.“

Gerade ist er mit dieser Arbeit fertiggeworden. Die Ausstellung beschäftigt sich damit, die Stücke des Historismus – etwa 150 Schatzstücke – aufzuarbeiten und das erste Mal voll umfänglich zu präsentieren. Sie sollte in einem Monat eröffnet werden, verschiebt sich nun wegen Corona voraussichtlich auf Ende August. Dazu ist dann auch ein großer Katalog in Arbeit.

Wenn das Thema Corona sich erledigt hat, möchte er weiter bei der Kunst zu bleiben. Master und Promotion sind im Hinterkopf, aber selber Hand anzulegen und zu konservieren sei zumindest etwas, dass er auch künftig nicht missen möchte. Zudem sieht er die Stärken einer gelungenen Konservatorenarbeit in dem Zusammenwirken der einzelnen Bereiche: „Am Ende ist eine produktive Arbeit in der Kunst oder Erhaltung von der Kunst nur möglich, wenn ein Team zusammenarbeitet: die Kunsthistoriker, die die Hintergründe liefern; die Restauratoren, die mit dem Objekt umgehen können; und was man völlig vergißt: auch die Museums- und Kunstpädagogen, die das irgendwie an den Mann bringen können, denn die schönste Kunst bringt mir nichts, wenn die irgendwo in der Schublade liegt.“ Um ein Kunstwerk zu erhalten sollte es den Menschen gezeigt werden und ihnen Freude bereiten, nach Möglichkeit – wie es am Dom ist – auch in der Liturgie eingesetzt. Denn erst wenn ein Kunstwerk im Bewusstsein der Menschen ist, interessiert es sie.

Es sei schön, wenn ein Bericht von 1.000 Seiten in der Schublade liegt. Doch ebenso wichtig für die Arbeit eines Restauratoren sei es zu klären: Wo kommen die Geldmittel her? „Ich muss das bewerben. Und das geht am besten, wenn ich den Leuten sage, was es ist. Wie kann man die Finanzierung einer Restaurierung rechtfertigen? Das ist Geld, mit dem man, was soziale Sachen angeht, viele Leute glücklich machen kann. Aber ich sage: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. Der braucht auch was für die Seele. Und da zählt eben so ein Kunstwerk manchmal dazu. Nicht immer, aber manchmal.“


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