Start Magazin Rat & Recht Justitia und ihr Appetit auf eine kleine süße Kugel

Justitia und ihr Appetit auf eine kleine süße Kugel

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Rat & Recht in und um Jülich Foto: ©Andrey Burmakin - stock.adobe.com / Bearbeitung: la mechky
Rat & Recht in und um Jülich Foto: ©Andrey Burmakin - stock.adobe.com / Bearbeitung: la mechky
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Wolfgang Amadeus Mozart ist allseits bekannt als genialer Komponist über alle Zeitgrenzen hinaus! Mozart ist tot (seit 1791), lang lebe Mozart!In seiner Geburtsstadt Salzburg, in der seine Wiege 1756 aufgestellt wurde, dauerte es etwa 50 Jahre, bis das damals noch recht verschlafene Provinzstädtchen an der deutsch-österreichischen Grenze die Vermarktungschancen für ihren berühmtesten Sohn entdeckten.
Immerhin hatte Mozart zwei Drittel seines Lebens in Salzburg gelebt und seine ersten Werke dort komponiert und aufgeführt.
1842 weihte Salzburg das erste Mozart-Denkmal ein und läutete damit den rasanten, auch wirtschaftlichen Aufstieg der heutigen Metropole Österreichs zu einer der bedeutendsten Wallfahrtsstätten für musikbegeisterte Reisende ein.
Geschäftstüchtige Salzburger Kaufleute und Handwerksmeister erwiesen sich als wahre Marketingkünstler in Sachen der Kultfigur Mozarts, indem sie die Stadt mit allen möglichen Konsum- und Andenkenartikeln überfluteten.
Im Angebot standen u.a. eine Mozarttorte aus Schokoladenmasse oder eine „Mozartcreme“, hinter der sich allerdings sehr profan und wenig appetitlich „das beste Schuhputzmittel Salzburgs“ verbarg.
Hauptsache war jedenfalls, dass der Name „Mozart“ auf der Verpackung stand. All diese Produkte, sozusagen kreiert auf der Klaviatur des größten Musikmeisters Österreichs, schlug in ihrem Bekanntheitsgrad der Konditormeister Paul Fürst mit der Erfindung seiner „Mozartkugel“, die er im Übrigen in den Anfängen „Mozartbonbon“ nannte.
Paul Fürst war 1884 nach Salzburg gekommen, hatte sich im Rahmen seines Berufsfeldes vom Mozarthype offenbar sehr wirkungsvoll anstecken lassen und wollte an den wirtschaftlichen Vorteilen einer Mozartvermarktung teilhaben.
Die perfekte kugelrunde Form sowie die hochwertige Ummantelung und Füllung der Mozartkugel (feinster Nougat umhüllt grüne Pistazienmarzipanmasse), gefertigt in einem aufwendigen händischen Herstellungsprozess – selbst die Verpackung, Silberstanniol mit blauer Aufschrift, wird bei Fürst heute wie damals manuell umwickelt – sind bis heute die unnachahmlichen Markenzeichen dieser schmackhaften Kugel.
Und so ist auch Justitia nicht nur in der anstehenden, mit süßen Sachen gespickten Advents- und Weihnachtszeit schon damals auf den Geschmack gekommen.
1905 nämlich präsentierte Paul Fürst seine Mozartkugeln auf der Pariser Weltausstellung und erhielt prompt eine Goldmedaille.
Diese internationale Ehrung und vor allem die hohen Verkaufszahlen der vom Salzburger Konditormeister hergestellten Mozartkugeln riefen eine Vielzahl von Trittbrettfahrern in Form von Kugelkopierern auf den Plan.
Diese entwickelten sich auch zum Leidwesen von Paul Fürst zu echten Konkurrenten und überfluteten geradezu mit ihren Plagiaten, nämlich industriell hergestellten Mozartkugeln aus Massenproduktion noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges den Markt, da Fürst es versäumt hatte, sein Produkt und dessen Verpackung markenrechtlich schützen zu lassen.
Die Mozartkugel wurde nicht nur in Salzburg, sondern in ganz Europa zum millionenhaft nachgefragten, weil äußerst beliebten Souvenirartikel.
Es entwickelte sich ein ausgewachsener, über viele Jahrzehnte tobender Urheberrechtsstreit zwischen insbesondere Salzburger, aber auch bayerischen Konditoreien um die Kugel-Rezeptur, aber auch und gerade um den Namen „Mozartkugel“, um das Konterfei Mozarts auf der Verpackung der Kugel sowie um ihre Vermarktung, mithin um Werbeattribute wie „echt“, „original“ und „Salzburger“, ein erbitterter Kampf um die beste Mozartkugel.
Die Streitparteien entsendeten eine Armee von Anwälten in diesen (Mozart)Kugelhagel, die dies wiederum zum Rumkugeln fanden, da die lang ausgedehnten Rechtsauseinandersetzungen ihre Taschen prall gefüllt haben dürften.
Man höre und staune, 1996, also 96 Jahre (!) nach der Preisverleihung an Paul Fürst als den Schöpfer der Mozartkugel gewannen dessen Nachfahren den Dauerrechtsstreit.
Seither dürfen sich nur die Produkte aus dem Familienbetrieb Fürst „Original Salzburger Mozartkugel“ nennen!
Die Konditorei Fürst stellt ihre Mozartkugeln bis heute in detailreicher Handarbeit her.
Der größte Konkurrent und auch Marktführer, die Firma „Mirabell“, deren Firmensitz sich in Grödig in der Nähe von Salzburg befindet, muss sich mit dem Markennamen „Echte Salzburger Mozartkugel“ begnügen.
Der bayerische Mitbewerber Reber aus Bad Reichenhall muss seinen ähnlich runden, aber etwas abgeflachten Produkten die Bezeichnung „Echte Reber Mozartkugel“ geben, beherrscht aber immerhin in Deutschland einen Markanteil von 90 %.
Justitias Appetit auf diese kleine, süße Kugel in langwierigen und marzipangeschwängerten Rechtsauseinandersetzungen war also durchaus ausgeprägt.
Letztlich wird es dem Kunden als stillen Genießer aber relativ gleichgültig sein, ob er in das Geschmacksparadies der originalen oder der echten Mozartkugel eintaucht.
Hauptsache Mozart auf und Marzipan in der Kugel!

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