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Tabus sprengen

Tot und Titten: die Rolle der Frauen in klassischen Theaterstücken am Pranger Mit einem mehrtägigen Theater-Workshop-Projekt machte die junge Schauspielerinnen-Gruppe „Faul und Hässlich“ im Overbacher Science College Schülerinnen und Schüler auf strukturelle Benachteiligung von Frauen in klassischen Theaterstücken aufmerksam, die heute noch so aufgeführt werden. Der Titel der Werkstätte für junge Leute ab 14 Jahren: „Rewriting Her Story – Ophelia im Planschbecken der Fremdbestimmtheit“, ist Programm.

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Laura Götz in Aktion. Foto: Clara Kaltenbacher
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„Nichts sagen, nur schön sein“, so kritisieren die Workshop-Leiterinnen die Rolle der Frauen besonders in klassischen Theaterstücken wie Ophelia von Shakespeare. Die drei Schauspielerinnen hatten sich 2019 zu der Gruppe geformt, die sich als „aktivistisch-feministisch Kollektiv“ versteht. Auch die selbst erlebten strukturellen Benachteiligungen in der Theaterwelt hätten bei ihr Frust erzeugt, schildert Clara Kaltenbacher, Theatermacherin, Theaterpädagogin und studierte Kulturwissenschaftlerin, ihren Weg zu dem Projekt.

Die drei Schauspielerinnen arbeiteten mit Schülergruppen des Literaturkurses im Haus Overbach an einer neuen Les- und Spielart klassischer Stücke und führten die so neu interpretierten und experimentellen Szenen auf einer Bühne im Science-Kollege dann vor der Gruppe auf. Gefördert wird das Projekt unter anderem vom Ministerium für Kultur und Wissenschaften des Landes NRW im Rahmen eines Projektes für den ländlichen Raum: Raus ins Land: Tiny Residencies. „Beim Science College war sofort ein positiver erster Eindruck und großes Interesse einer Kooperation da. Die Verbindung von Wissenschaft, Kunst und Kultur fanden wir sofort spannend“, erklärt Kaltenbacher, wie es zu der Wahl für den Workshop-Standort kam.

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„“ch fand’s toll dass hier Raum für Themen war, für die im Unterricht oft kein Platz ist“, habe eine 16 jährige Teilnehmerin nach dem Workshop gesagt. Eine andere: „Ich finds krass dass diese Themen wie ,Slut-Shaming’ schon damals zu Shakespeare Zeiten da waren und es trotzdem heute noch so aktuell ist.“ Der Begriff „Slut-Shaming“ bezeichnet eine Anklage an die empfundene Abwertung der Weiblichkeit – konkretisiert im Begriff „Hure“, oder „Schlampe“. Mit plakativen Überschriften wie „Tot und Titten“, oder auch dem eigenen Namen „Faul und Hässlich“ möchten die drei Workshop-Veranstalterinnen provozieren, mit Erwartungen brechen und vor allem Missstände benennen und „darauf aufmerksam machen, was da eigentlich seit hunderten von Jahren erzählt und reproduziert wird“, so schreiben sie auf einem Flyer, der selbst eine Art feministisches Foto-Projekt ist.

Im so genannten Bechdel-Test prüfe man, ob in den Stücken mehr als zwei Frauen vorkämen, die einen Namen haben. Ob sie miteinander sprächen, und ob sie über etwas anderes sprächen, als über einen Mann, erläutert Schauspielerin Laura Götz ein Kriterium für das Ausmaß der Beschneidung der weiblichen Rolle in den Stücken. Götz ist an vielen unterschiedlichen Theatern tätig. Oft funktioniere so ein klassisches Stück sogar gänzlich ohne Frauen, die – wenn sie vorkämen – eben oft stürben am Ende. „Es sagt ja viel darüber aus, dass man das heute noch so spielt“, findet Schauspielerin Maren Kraus, die festes Ensemble-Mitglied beim Jungen Theater Heidelberg ist.

Doch die Frauen lassen auch Zahlen sprechen: In einer Grafik zeigen sie die geringe Repräsentanz von Frauen im Theaterleben: so betrug der Anteil von Frauen bei der Autorschaft für große Bühnen des Frankfurter Schauspiels nur 18 Prozent, im Zeitraum 2017/2018. Im gleichen Jahr lag die Quote der Frauen in leitenden Funktionen wie Regie oder Intendanz nur zwischen 20 und 30 Prozent. Auch die Gehälter zeigten deutliche Abschläge gegenüber den männlichen Kollegen. Die Zahlen zeigen: Auch heute werden Stücke hauptsächlich von Männern inszeniert. „Unsere Themen finden sich in der Gesellschaft wieder“, zieht Kaltenbacher Bilanz und macht damit auf ein generelles Phänomen aufmerksam, dass in Zeiten von Gleichberechtigung immer noch strukturell existiert. Das Ganze habe System: Wenn Mädchen im Fernsehen sähen, wie sich ein Mädchen umbringt, weil es einen Jungen nicht haben kann, dann nähmen sie nicht die anderen Möglichkeiten in den Blick, die sie als Frau später hätten, kritisiert Kraus mit einem sehr drastischen Beispiel. Es sei wichtig, dass man in Film und Theater Menschen in diversen Rollen zeige, die sie einnehmen könnten. „Mir war oft nicht bewusst, dass ich Diskriminierung im Alltag erlebe als junges Mädchen“, so Kaltenbacher. „Empowerment“ statt Frustration – das möchten sie dem entgegensetzen.

Im Workshop gehe es darum, Tabus zu sprengen, Menschen nicht alleine zu lassen und in der Gruppe zu stärken. Sie arbeiteten mit Shakespeare-Texten, seien erstmal in die Stereotypen reingegangen und hätten dann geschaut, wo man das im Alltag wiederfände. Die Jungs hätten dabei genauso interessiert gewirkt wie die Mädchen, erklärt Kaltenbacher. „Wir finden es super, wenn die Jugendlichen im künftigen Literaturkurs sagen, dass sie den Text so nicht lesen möchten, wie in so manchem klassischen Stück vorgegeben“, wünscht sich Kraus. Es gehe darum, sich der Machtstrukturen bewusst zu werden, findet Götz. Und natürlich gehe es dabei auch darum, Spaß zu haben, vergisst Kraus nicht zu erwähnen.


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