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Hart an die Schmerzgrenze

Ein brandaktuelles Thema brachten die Theaterfreunde Koslar im Jugendheim auf die Bühne: „Wer krank ist, muss kerngesund sein“. Das schwierige Arzt-Patientenverhältnis, und was hinter Krankenhaus-Kulissen so alles passieren kann, nahmen die Schauspieler des Geschichtsverein Koslar e.V.dabei ordentlich aufs Korn.

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Schräge Einblicke ins Krankenhausleben geben die Theaterfreunde Koslar. Foto: Sonja Neukirchen
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Schon der Einstieg des aufgeführten Lustspiels der Koslarer Theaterfreunde ließ das Publikum wohl hoffen, dass das Krankenhaus, hinter dessen Kulissen sie blicken durften, möglichst weit weg liege.

Erster Akt. Die Reinigungskraft Olga (Helene Wagner) sitzt gemütlich im Chefsessel des Professors (Jürgen Eßer) und studiert neugierig und wissend die Patientenakten. Dabei stellt sie fest: „Prostata, ja das habe ich auch früher mal gehabt.“ Immer wieder trumpft sie dann im Büro des Professors mit ihrem Putzeimer auf. Dabei strotzt sie vor gesundem Selbstbewusstsein und lässt sich auch von genervten Blicken der Ärzte nicht verunsichern.

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Neben Datenschutzverletzungen, vergessenen Taschenuhren im Bauchraum, und Verrückten, die gern mal Arzt spielen, bestimmen ein rattenscharfer Chefarzt, ein schusseliger Professor und zwei biestige, intrigante Pflegerinnen den Klinikalltag. Das medizinische Motto des Hauses bringt Chefarzt Dr. Marc Keller (Jan Staffel) auf den Punkt: „Es wird amputiert, was bei uns auf den Tisch kommt.“

Da kann der Kassenpatienten (Christoph Frechen), der die ganze Zeit am wohl sichersten Ort des Krankenhauses verweilt – dem Wartezimmer – am Ende nur von Glück reden, denn nur die Privatpatienten werden in dem Hause tatsächlich behandelt. Und das natürlich mit besonderem Service, wie verlängertem Aufenthalt und sogar mit vorgestellter Körperwaage fürs bessere Selbstwertgefühl. Kurz und gut: Der Kassenpatient kommt gar nicht erst dran. Das Klinikpersonal ist stattdessen damit beschäftigt, seine Akte zu suchen.

Diese Art von Chaos bestimmt auch das sonstige Treiben in dem Haus: Ein vergessener Patient im Moorbad, eine Krankenkassen-Mitarbeiterin, die sich erstmal ausziehen soll, ein Psychiatrie-Patient, der immer wieder in eine andere Rolle schlüpft und jede Menge derbe Sprüche zwischen den Geschlechtern, die sich bei allem Wortgefecht am Ende doch noch lieb gewinnen. Und zu all dem Überfluss gehört auch noch ein Chefarzt, den selbst das Krankenhaus in Jülich nicht wolle, wie Schwester Senta (Waltraud Krahe) versichert.

Alle Plätze im Saal waren belegt. Dass das Ensemble nun nach fünfjähriger, Corona bedingter Pause, nun endlich wieder auf der Bühne stehe, freue ihn sehr, eröffnete Peter Wagner, Ortsvorsteher und Vorsitzender des Geschichtsvereins Koslar e.V., den Abend. Christoph Frechen hatte die Regie des Lustspiels von Uschi Schilling geführt. Dass das lustig daherkommende Thema so aktuell werden würde, sei ihnen aber bei der Stückauswahl gar nicht bewusst gewesen, erklärte Frechen.

Nicht nur medizinisch geht es in dem Krankenhaus bis hart an die Schmerzgrenze, auch die Geschlechterrollen sorgen für Reibereien im wahrsten Sinne des Wortes. Um Dr. Keller und die Chefarztsekretärin Ariane Berger (Melanie Schmitz) entspannt sich eine Liebesgeschichte, die jedoch erstmal sehr feindselig beginnt: „Sowas lebt, und Goethe musste sterben“ – kommentiert der überhebliche Chefarzt Keller das strenge Äußere seiner späteren Geliebten, und klingt dabei sehr autenthisch.

Doch ihm droht schon bald eine Blutrache der italienischen Mafia. Das Ganze ist dabei aber nur eine List von vier Frauen. Allen voran Schwester Lisa (Manuela Röhring) und Schwester Senta: die verspottete Chefarztsekretärin Ariane soll sich optisch in die italienische Ex-Affäre von Dr. Keller verwandeln, und die Drohung, deren Vater wolle ihm wegen einer heißen Liebesnacht sein bestes Stück abschneiden, solle echt wirken. Eine Heirat als mögliche Lösung solle dann bei Keller die zu erwartende Allergie auslösen. Doch es kommt anders: Arianes Verwandlung in „Gina Mozzarella“ gelingt optisch einfach hervorragend. Kein Wunder bei den langen schwarzen Haaren der eigentlich äußerst attraktiven Ariane. Dass Dr. Keller sich am Ende tatsächlich in sie verliebt, liegt aber an einer weiteren List von Schwester Senta: Sie versteckt drei Viagra Pillen auf seinem Kuchen. Die Macht der Liebe – oder hier – der Pharmazie – läßt nicht lange auf sich warten.

Auch Privatpatient Werner Schnitzler (Bernhard Stauch) gelingt es als Koch, die Liebe zu finden: Der Professor verschreibt dem chronischen Hypochonder und Berufskoch eine „Frau auf Rezept“. Das versteht Schnitzler wörtlich und findet in Schwester Lisa den „Stern in seiner Nudelsuppe“.

Wie es mit dem Psychopathen Manni (Peter Brendel) weitergeht, ist unklar. Doch sorgt er als roter Faden – mal als Picasso, mal als Professor mit beeindruckender Mimik und mal als Karl Lagerfeld – für den exotischen Kick in dem Stück. Brendel brilliert in dieser Rolle und verändert jedes Mal Gestik und Mimik entsprechend. Dass er immer vergisst, warum er eigentlich zum Professor kommt, amüsierte am Ende das Publikum.

Natürlich darf so ein Stück über ein Krankenhaus nicht zu Ende gehen, ohne dass die Krankenkasse einen Auftritt hat: Die kommt in Gestalt von Gerda Holbrock (Andrea Eßer) im „Liebestöter-Höschen“ zum Professor. Die beiden haben dann ein kleines aber unfreiwilliges „Stelldichein“ auf einer Behandlungsliege. Und schon ist eine falsche Abrechnung in den Krankenhausunterlagen vergessen.

Mit viel Applaus ging ein unterhaltsamer Abend zu Ende.


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