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Gehacktes | Foto: HERZOG
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Aufruhr in der Freien Reichsstadt Aachen – Graf von Jülich findet bei Straßenschlacht den Tod

Unbegreifliche Szenen haben sich in der Freien Reichsstadt Aachen am Abend des 16. März, dem St.-Gertruds-Tag, abgespielt. In einer Gewaltorgie wurden Graf Wilhelm IV. von Jülich (68), seine beiden Söhne Wilhelm (17) und Roland (15), sowie nicht wenige seiner Gefolgsleute in einer Straßenschlacht von Aachener Bürgern ermordet. Schnell machte die Runde, ein Schmied habe den Jülicher Grafen erschlagen, tatsächlich ist es jedoch ein stadtbekannter Metzger gewesen, der nach der Tat gesagt haben soll, er habe aus dem verhassten Grafen Hackfleisch machen wollen. Seine Aussage bleibt aber vorerst unbestätigt.

Am Nachmittag des 16. März war Graf Wilhelm IV. von Jülich mit seinem Gefolge in Aachen eingezogen. Er gab an, im Auftrag König Rudolfs zu handeln. Dieser hatte ihn gebeten, eine Steuerforderung an die Stadt Aachen zu überbringen. Der König benötigt dringend Geld für seinen lange geplanten Heerzug gegen König Ottokar II. von Böhmen. Der Graf war sich bewusst, dass sein Auftreten in der Freien Reichsstadt Aachen mit Argwohn verfolgt werden würde. Er selbst fühlte sich aber durch die Rückendeckung des Königs seiner Sache so sicher, dass er zwei seiner Söhne, darunter seinen Erbsohn, mit in die Stadt nahm.

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Wilhelm IV. war ein erfahrener Mann, der schon als Minderjähriger Graf von Jülich wurde, da sein Vater Wilhelm III. während des 5. Kreuzzugs 1219 in Ägypten starb. Unter seiner Herrschaft erlebte die Grafschaft Jülich einen rasanten Aufstieg, der sich u.a. im Bau der mächtigen Burg in Nideggen zeigt. Auch verdankt Jülich ihm seine Erhebung zur Stadt, wenn diese auch nicht von allen anerkannt wird. So lag der Graf bereits seit vielen Jahren in einer heftigen Fehde mit den Erzbischöfen von Köln, die seine territorialen Ambitionen nicht akzeptieren wollten. Trotz mancher Rückschläge schien sich Wilhelm IV. zu behaupten. Das hat sich mit den jetzigen Ereignissen schlagartig geändert. Es ist davon auszugehen, dass der Kölner Erzbischof Siegfried die Situation zu seinen Gunsten nutzen wird. Politische Beobachter erwarten einen Einfall des Erzbischofs in die Jülicher Lande. Vor allem die Stadt Jülich fürchtet das Schlimmste, da trotz Erhebung zur Stadt mit dem Bau schützender Mauern noch nicht begonnen werden konnte.

Dass es überhaupt zu dem Tumult in Aachen gekommen ist, ist der Verkettung unglücklicher Umstände zuzuschreiben. Graf Wilhelm IV. hatte schon seit längerer Zeit Ärger mit der Freien Reichsstadt Aachen. Immerhin ist der Graf von Jülich Vogt in Aachen, d.h. er vertritt hier die königlichen Rechte, was ihm einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Geschicke der Stadt einräumt. Zwischen den Ländern Limburg und Jülich liegend, hat die Freie Reichsstadt Aachen in der jüngeren Vergangenheit eigenen Besitz aufgebaut, das sogenannte Aachener Reich. Über verschiedene Rechte, die hierbei tangiert wurden, haben sich der Graf von Jülich und die Freie Reichsstadt Aachen zerstritten, sodass sie miteinander in Fehde liegen. Als Ort der Krönung der deutschen Könige seit nunmehr drei Jahrhunderten, fühlt sich Aachen in einer herausgehobenen Position und zum Aufbau eines eigenen Territoriums legitimiert. Tatsächlich hat sie von den deutschen Königen nicht wenige Privilegien eingeräumt bekommen, so auch das Recht auf Steuerfreiheit gegenüber königlichen Forderungen. Gerade letzteres Privileg wurde vorgestern angeführt, als Graf Wilhelm IV. für König Rudolf Steuern einforderte. Zeugen berichten von einer heftigen verbalen Auseinandersetzung des Grafen mit dem Schultheiß von Aachen. Dieser sei es auch gewesen, der die Situation habe eskalieren lassen, als der Graf auf seinen Forderungen bestand und zudem die Auslieferung verschiedener Personen wünschte, die er schon länger verfolgte und nun in der Stadt gesichtet hatte.

Das Treffen des Jülicher Grafen mit den städtischen Repräsentanten, allen voran mit dem Schultheiß, fand im Grashaus am Fischmarkt statt. Die nachmittäglichen Gespräche wurden von nicht wenigen Aachener Bürgern verfolgt, die sich vor dem Grashaus eingefunden hatten. Als es zum offenen Streit und zu ersten Handgreiflichkeiten kam, wollte der Graf mit seinem Gefolge die Stadt verlassen. Wilhelm IV. hatte jedoch die aufgeheizte Stimmung der Menschenmenge unterschätzt. Beim Versuch zum Jakobstor vorzudringen, wurden er und sein Gefolge am Weißfrauenkloster in der Jakobstraße gestellt und überwältigt. Die aufgebrachten Aachener richteten ein Blutbad an. Für den Grafen und sein Gefolge gab es kein Entkommen, da beim Ausbruch des Aufruhrs die Stadttore geschlossen worden waren, um das mögliche Eindringen gräflicher Hilfstruppen zu verhindern.

Obgleich es an dem Verlauf dieser schrecklichen Ereignisse keinen Zweifel gibt, hat die Freie Reichsstadt Aachen am Morgen des 17. März vermelden lassen, der Jülicher Graf sei an allem selber schuld. Er sei zu später Stunde mit seinen bewaffneten Männern heimlich in die Stadt eingedrungen, um Aachen in seine Gewalt zu bringen. Nur durch das beherzte Eingreifen der Aachener Bürger habe die Stadt ihre Freiheit behaupten können. Schnell hat man einen Schmied zum Volkshelden gemacht, für den man am Ort des grausigen Geschehens gar ein Denkmal errichten möchte, da er den Grafen erschlagen habe.* Aus Jülicher Sicht kann man sich angesichts solcher Unwahrheiten nur mit Entsetzen abwenden und hoffen, dass die königliche Gerechtigkeit siegen wird und man die Stadt Aachen für ihren Frevel hart bestraft. Die Signale aus dem direkten Umfeld des Königs stimmen so hoffnungsfroh, wie sie in diesen dunklen Stunden nur sein können.

Anmerkung der Redaktion

*Tatsächlich steht am Ort des Geschehens ein Denkmal für den legendären „Wehrhaften Schmied“, das 1909 vom Aachener Bildhauer Carl Burger geschaffen wurde. Bis 1800 hatte sich an dieser Stelle ein Sühnedenkmal befunden, das an das Verbrechen, das die Aachener am Grafen von Jülich und seinem Gefolge verübt hatten, erinnerte. Die Aachener waren zu nicht unerheblichen Sühneleistungen gegenüber den Jülichern verurteilt worden. Der Schultheiß von Aachen wurde sogar hingerichtet. Dennoch setzte sich die Legende vom wehrhaften Schmied durch, der erfolgreich die Freiheit Aachens verteidigt habe, was das Verhältnis zwischen Jülichern und Aachenern schwer belastete. Die Herrschaft der Jülicher Grafen konnte sich trotz der Katastrophe von 1278 konsolidieren und erlebte 1356 schließlich die Erhebung zum Herzogtum.

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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