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Die Küstenstadt Jülich

Meeresrauschen vor der Haustür

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Ach wie schön es wär, läg Jülich doch am Meer | Grafik: Hack
Jülich am Meer | Grafik: Hack
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Es ist der letzte schöne Herbsttag des Jahres. Noch einmal ist es so warm geworden, dass man in der Spätnachmittagssonne am Strand dösen kann. Im Hintergrund rauschen monoton die Wellen. Ich habe mir zum Entspannen ein Buch mitgenommen. Genau genommen habe ich es mir über meinen fest implantierten USB-Anschluss hochgeladen. Nun sickern die einzelnen Wörter, Zeilen und Seiten nach und nach in mein Bewusstsein ein, während ich meinen Blick auf die monströsen Luftschiffe am Horizont gerichtet habe. Ich lese gerade einen Historienroman, der sich mit der Geschichte einer Familie aus unserer Region im beginnenden 21. Jahrhundert beschäftigt. Vater und Mutter sind Umweltaktivisten, die vor den Folgen des Klimawandels warnen. Die Kinder sind dagegen zukunftszugewandt und stemmen sich mit allen ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln gegen die von der Regierung in die Wege geleitete „Energiewende“ – was für ein seltsames Wort. Mir sind die Personen und Konflikte zu holzschnittartig gezeichnet, aber die Beschreibungen der Gegend um Jülich gefallen mir und das Zeitkolorit wird mit Smartphone und Tablet-PC wohl ganz stimmig eingefangen. Noch jüngst hatte das Museum in der Zitadelle anlässlich des Jubiläums 500 Jahre Wiedereinführung des JÜL-Autokennzeichens eine Ausstellung just über diese Zeit veranstaltet. Darin gab es sogar noch ein originales Autokennzeichen von damals zu bestaunen. Kaum jemand konnte sich 2012 vorstellen, dass aus der kleinen Herzogstadt Jülich einmal eine Millionenmetropole an der Nordsee werden würde. Aber irgendwo mussten ja die Leute hin, als der Meeresspiegel tatsächlich um mehr als 60 Meter stieg. Der langsame Anstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts von 1,40 Meter war wohl kaum spürbar gewesen, beschleunigte sich bis in unsere Zeit jedoch immer mehr, als sämtliche Eisvorkommen der Erde dahinschmolzen. Das beschauliche Jülicher Land mit seinen kleinen Städten, Dörfern, Feldern, Wäldern und Auen wurde zu einem der Rückzugsgebiete der Menschen aus den Niederlanden und vom Niederrhein. Gegen die Zuweisung der entsprechenden Kontingente konnte man keinen Protest einlegen, sodass wir sogar einige Düsseldorfer aufnehmen mussten, die sofort die Anlage einer Königsallee forderten. Festgelegt wurde der Ausbau Jülichs zu einer Stadt für 1 Million Menschen. Wenn man sich vorstellt, dass in der Zeit in der der Roman spielt, den ich gerade lese, Köln eine Großstadt mit 1 Million Einwohnern war und es diese heute nicht mehr gibt. Nun gut, ganz stimmt das nicht: Über den Dom und die Altstadt hat man rechtzeitig eine große Glaskuppel errichtet. Der Ausflug in dieses Rest-Köln ist immer ein ganz besonderes Erlebnis: Wenn man mit dem U-Boot zu den Schleusen gebracht wird und dann den Tag um den Dom herum verbringt, während über einem das Meer brandet. Nur wenige Menschen leben dauerhaft unter solchen Kuppeln, die es auch anderenorts gibt. Mir wäre es da zu eng und eintönig. Da ich mich für Geschichte interessiere, habe ich in alten Unterlagen aus dem späten 20. Jahrhundert gestöbert und dabei den Hinweis gefunden, dass damals die Politiker davon träumten, dass aus Jülich mit seinen rund 33.000 Einwohnern eine Stadt mit 40.000 Einwohnern werden würde. Darüber kann man heute nur schmunzeln. Es müssen nur die richtigen Rahmenbedingungen entstehen und dann klappt das auch mit dem Bevölkerungszuwachs! Zudem diskutierte man zu dieser Zeit, was mit den großen Löchern passieren sollte, die der Braunkohletagebau hinterließ. Zwei große Restseen entstanden, darunter das „Indische Meer“. Wie peinlich ist das denn aus heutiger Sicht, vor allem da sich die damals gehegten Hoffnungen auf eine florierende Tourismusindustrie nicht erfüllten. Ganz anders jetzt, wo es jährlich hunderttausende Besucher an den Jülicher Strand zieht. Die Freizeitindustrie boomt in unserer Stadt. Wie schrieb so schön eine Schülerin jüngst in ihrem Aufsatz: „Die Jülicher leben vom Verkehr mit den Fremden“ – ich habe mich schlappgelacht, als ich das gelesen habe.

Mit einem kurzen rhythmischen Augenzucken beende ich das Buch. Es drängt mich nach Hause. Geduldig reihe ich mich in die Schlange ein, die sich an dem Zugang für die Transportbänder in die Innenstadt gebildet hat. Es geht dann doch zügiger, als gedacht. Nach einer halben Stunde habe ich das Hochhaus, in dem sich mein Appartement befindet, erreicht. Ich habe tatsächlich eine der Wohnungen mit Meerblick ergattert, wobei das Meer zugegebenermaßen erst am Horizont aufblinkt, aber immerhin. Dankbar muss man heute für die Sophienhöhe sein. Die Abraumhalde des Braunkohletagebaus Hambach ist wegen ihrer Höhe ein bevorzugtes Wohngebiet. Nur einen kleinen Rest hat man unbebaut gelassen und ein Naturreservat eingerichtet. Während sich mein Abendessen auf Knopfdruck in der Küche materialisiert, schweift mein Blick über das Häusermeer zwischen meinem Standort und dem Meer am Horizont. Die Dämmerung senkt sich herab und die Stadt beginnt zu leuchten, ja geradezu zu pulsieren. Mir wird wieder bewusst, dass ich heute Abend noch eine Aufgabe zu erledigen habe. Der Redaktionsschluss der aktuellen Ausgabe des „Herzogs – Magazin für Kultur“ rückt unaufhaltsam näher. Ich habe es übernommen, die Titelstory zum Heftthema „rauschen“ zu schreiben. Sofort war natürlich die Assoziation „Meeresrauschen“ da. Mit einem Augenrollen werfe ich das Textverarbeitungsprogramm in meinem Innern an und beginne zu schreiben: Es ist der letzte schöne Herbsttag des Jahres. Noch einmal ist es so warm geworden, dass man in der Spätnachmittagssonne am Strand dösen kann. Im Hintergrund rauschen monoton die Wellen. Als plötzlich eine Monsterwelle aufsteigt und mich verschlingt. Es ging alles so schnell, dass ich noch nicht einmal richtig Luft holen konnte. Ich gerate in Panik… und wache schwer atmend und in Schweiß gebadet in meinem Wasserbett auf…

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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