
In Deutschland sei es vor allem im Winter schon sehr kalt und die Sprache nicht nur schwierig, sondern schwer, lachen Linh und Kollegin Ly. Trotzdem würden sich die beiden jungen Frauen wohl jederzeit wieder für die weite Reise nach Deutschland entscheiden. Jülich sei eine ganz schöne kleine Stadt, die „viele frische Luft“ und die netten Menschen, die sich auch nach Feierabend gerne träfen, gefielen ihnen gut, stellen die Zwei übereinstimmend fest. Seit einem Jahr leben und arbeiten die zwei Vietnamesinnen in der Metzgerei von Simon Claßen, wo sie ihre Ausbildung als Fleischereifachverkäuferinnen absolvieren. Und wenn es mal holpert etwa in der Verständigung, dann „hilft der Chef“. Der ist begeistert von seinen Mitarbeiterinnen und auch ihren beiden männlichen Kollegen, die Metzger werden wollen und ebenfalls aus Vietnam hierhergekommen sind.

„Ich bin total happy“, sagt Metzgermeister Simon Claßen strahlend. Grund für so viel Freude ist neben der guten Zusammenarbeit mit seinen Azubis die Verleihung des Integrationspreises Handwerk durch die Handwerkskammer (HWK) Aachen. Eigentlich hatte er sich um den Ausbildungspreis beworben, aber die HWK hat Claßens Engagement im Bereich „Integration, Vielfalt und Chancengleichheit“ offenbar für auszeichnungswürdig befunden und wird seinem Betrieb Mitte Mai die Auszeichnung überreichen.
Für den jungen Metzgermeister scheint es eigentlich keine große Sache zu sein, denn seiner Ansicht nach gilt: „Man muss offen sein für motivierte Menschen, egal, wo sie herkommen.“ Und wenn es Unterstützungsbedarf gibt, dann helfe man eben, stellt er schon fast schulterzuckend fest. Aktuell bedeutet das für Claßen unter anderem, dass er seinen Auszubildenden zusätzlichen Sprachunterricht ermöglicht, wohlwissend, dass die komplizierte deutsche Sprache die größte Hürde auf dem Weg zum erfolgreichen Abschluss darstellt.
Und ansonsten gilt in der Metzgerei Claßen, augenzwinkernd formuliert: „Sprache lernt man nur durch sprechen – nützt ja nichts, wenn man sich hinter der Spülmaschine versteckt.“ Für seine Kunden kein Problem, wenn es in der Kommunikation mal etwas „ruckelt“, diese reagierten alle mit viel Herzlichkeit und Verständnis, gleiches gilt für den Rest des Teams, das ebenfalls immer gerne mit Rat und Tat zur Stelle ist. „Die Kollegen und der Chef sind alle sehr nett, wie eine Familie“, freut sich Ly. Die Entscheidung für die berufliche Perspektive ins Ausland und damit weit weg von der eigenen Familie zu gehen, fällt selbstredend nicht immer leicht. „Natürlich habe ich Heimweh“, bestätigt die 21jährige und Kollegin Linh flankiert lächelnd: „Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Familie, aber ich habe sie auch immer im Herzen.“
Von 20 Mitarbeitenden in der Fleischerei sind alleine sieben noch in der Ausbildung, eine bewusste Entscheidung, wie Claßen erläutert: „Wir bilden bewusst aus, wir sind ein junges Team und wir wollen unseren Betrieb zukunftsfähig gestalten.“ Folgerichtig hegt er die Hoffnung, dass einige seiner Auszubildenden bleiben möchten. Dass manche andere Wege gehen werden, sei zu erwarten, schließlich seien auch die Weiterbildungsmöglichkeiten etwa zum Fleischsommelier oder auch in der Lebensmittelindustrie nicht zu verachten. In Sachen Ausbildung in die Offensive zu gehen war für Simon Claßen die logische Konsequenz aus dem auch für ihn spürbaren Fachkräftemangel. Geeignete Mitarbeiter zu finden, erwies sich als schwierig bis unmöglich, so Claßen. Die Suche bis nach Vietnam auszudehnen, ergab sich aus ähnlichen Überlegungen und Kontakten zum bayrischen Fleischerhandwerk. Dort gab es den Tipp, sich an V-Unite zu wenden. Die Vermittlungsagentur ist in Regensburg angesiedelt und hat sich auf die Fahnen geschrieben, ausbildungssuchende junge Menschen aus Vietnam und Betriebe aus Deutschland zusammen zu bringen. Los geht der Deutschlandaufenthalt für die künftigen Azubis mit einem „Welcome Event“ in Regensburg und einem kurzen, aber intensiven „Lehrgang“, bevor es dann in die Betriebe geht. Zusätzlich können die jungen Leute weitere fünf Monate lang einen Online-Deutschkurs belegen. Und wenn es darüber hinaus weiteren Bedarf gibt, hilft eben der Chef. Nicht nur für Simon Claßen ein Erfolgsmodell, auch Linhs Schwester überlegt, im kommenden Jahr ebenfalls nach Deutschland zu kommen.


















