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Berlinale-Feeling im KuBa-Kino

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Foto: Daniel Seiffert / Berlinale 2018
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Im letzten HERZOG hatte ich Euch von meiner Vorfreude auf den Film „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ erzählt. Ich war inzwischen bei der Weltpremiere, mit der zugleich die Reihe Generation 14plus bei der Berlinale feierlich eröffnet wurde, und empfehle den Streifen mit gutem Gewissen weiter. Cornel hat ihn für Montag, 17. April, 20 Uhr für das KuBa-Kino terminiert.

Nach dem Abspann werdet Ihr zwar nicht das gesamte Filmteam auf der Bühne erleben, aber der Film an sich ist sehenswert. Kurz zur Wiederholung: Der Streifen basiert auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Joachim Meyerhoff. In der Geschichte beschreibt er das Familienleben und das Erwachsenwerden aus seiner Perspektive als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener. Er wird von drei verschiedenen Darstellern interpretiert, der jüngste, Camille Motzen, bekam in Berlin den meisten Applaus. Die Szene mit ihm auf der Waschmaschine im Schleudergang werde ich nie vergessen. Das bunte Leben ereignet sich auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik. Der Vater, toll gespielt von Devid Striesow, ist der Direktor. Regie: Sonja Heiss.

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In der Woche darauf, also am Montag, 24. April, zeigt Cornel auf meine Anregung hin um 20 Uhr im KuBa den Film, der mir 2022 bei der Berlinale am meisten bedeutet hat. Bei rund 40 gesehenen Festival-Filmen ist das schon eine echte Hervorhebung. Der Originaltitel des chinesischen Filmes ist „Yin Ru Chen Yan”. In Deutschland kommt er nun mit einem guten Jahr Verzögerung unter „Return to Dust“ im Original mit deutschen Untertiteln in den Verleih.

Kleine organisatorische Bemerkung: Erst ab Mai werden im KuBa-Kino auch dienstags wieder Abendvorstellungen laufen.

Der Wettbewerbsbeitrag „Das Überleben der Freundlichkeit“ unter der Regie von Rolf de Heer hat mich bei der diesjährigen Berlinale besonders zum Nachdenken bewegt. Für mich das Außergewöhnlichste, was ich dieses Jahr bei den Berliner Filmfestspielen gesehen habe. Das ist kein gefälliger Film. Das tiefgründige Masterpiece ist erschreckend oder gar grausam, aber nicht zum Selbstzweck. Und es hat Momente des Mitgefühls, des Trostes und Augenblicke von großer Zärtlichkeit in auswegloser Situation. Mit Logik kommt man bei diesem Film nicht weiter. Zeit und Raum sind aufgelöst, Menschen brauchen tagelang kein Wasser und können barfuß auf Kohlen gehen oder jedenfalls kilometerlang auf dem heißen Wüstensand. Vielleicht helfen die einzigen drei Sätze des Katalogtextes ein wenig weiter: „‚BlackWoman‘ wurde mitten in der Wüste zum Sterben ausgesetzt. Aber sie ist nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben. Sie wandert durch die Wüste über die Berge bis in die Stadt, um diejenigen zu finden, die sie dem Tod überlassen haben.“ Nee, hilft nicht wirklich weiter, beschreibt aber sachlich, was wir vordergründig 96 Minuten lang sehen.

Was fasziniert mich eigentlich an diesem Film? Ich kann mich in diesem Fall nur schrittweise annähern von verschiedenen Seiten. Fasziniert mich die Story? Hm, sie ist mit den obigen drei Sätzen erzählt, aber diese Kraft, dieser Wille, dieses Durchhaltevermögen, dieses Never-give-up, diese Furchtlosigkeit, die in der Geschichte zum Ausdruck kommt, fasziniert, ja. Fasziniert mich die Hauptdarstellerin der „BlackWoman“? Ja, sie bringt all diese Eigenschaften und Charakterzüge zum Ausdruck und das ohne Worte oder wenn mit Worten, dann mit welchen, die niemand auf der Welt verstehen und für die es folgerichtig auch keine Untertitel geben kann. Der Regisseur hat sie an wenigen Stellen des Films gebeten, etwas zu sagen, aber sie solle eine Sprache erfinden, die es nirgendwo gibt. Sie solle ihre eigene indigene Sprache, also eine von den 250 verschiedenen Aborigines-Sprachen als Orientierung für die Sprachmelodie nehmen, aber sie solle sehr darauf achten, dass kein Wort dabei ist, das in irgendeiner Sprache zu verstehen wäre. Na ja, von den Aborigines-Sprachen Australiens gelten ohnehin die meisten als ausgestorben. Dieselben Hinweise ergingen an die Gesprächspartnerin aus dem indischen Sprachraum, die eine ganz andere indigene Sprache spricht im wirklichen Leben, aber im Filmleben eben auch nur eine melodisch daran orientierte Nichtsprache erfinden sollte. Ich muss an den Turm zu Babel denken.

In der Schule war ich eher den Naturwissenschaften zugetan, aber eigentlich hat mich Sprache immer interessiert, auch die verschiedenen Dialekte. Die barfuß durch den heißen Wüstensand und durch den ganzen Film gehende Mwajemi Hussein in der Hauptrolle ist eine Naturgewalt. In der Pressekonferenz berichtet sie sinngemäß, dass sie früher einfach keine Schuhe hatte, diese Armut sie aber auch als unterprivilegiert brandmarkte. Sie gehe nun oft ganz bewusst barfuß, um auf die Notwendigkeit der Gleichstellung hinzuweisen. Der Film ergreift Partei für die Vernachlässigten dieser Welt. Es ist ein Schrei nach Gerechtigkeit und Gleichstellung. Sie habe nie im Leben einen Kinofilm gesehen, sagte Mwajemi auf der Pressekonferenz, und schon gar nicht in einem mitgespielt. Heute früh wurden die Oscars vergeben. Ich hätte ihr einen gegönnt. Sorry, dass ich mich diesem Film so hingebe, aber er beschäftigt mich nun mal. Was fasziniert mich? Die Bilder? Ja, sie erscheinen mir immer wieder vor meinem geistigen Auge. Wofür stehen sie? Für die Apokalypse? Oder für die Aussicht, dass es trotz Apokalypse Hoffnung geben soll? Ist es das Szenario der Endzeit-Stimmung voller Gasmasken-Menschen, die optisch verdichtet gezeigt werden und völlig unergründlich in ihrem Woher-Wohin bleiben? Das einzige, was ich erkenne, ist, dass diese keinem Land zuzuordnenden Kreaturen böse sind. Ist es ein Film über das Böse im Menschen? Oder darüber, dass es trotzdem „Das Überleben der Freundlichkeit“ gibt? Wie war eigentlich die Musik? Hm, ich muss den Film noch einmal sehen. Der Film entstand aus der Idee heraus, während der Pandemie-Zeit irgendwo trotzdem einen Film drehen zu können, da wo Covid kein Problem ist. The winner is: eine wüste Wüste in Australien. Für den Regisseur eine körperliche Herausforderung. Sie mussten Meilen weit gehen, und er ist den anderen Crewmitgliedern alterstechnisch etwas überlegen, sag‘ ich jetzt mal bewusst. Die Crew bestand aus nur neun Mitgliedern.

Selfi mit Margarethe von Trotta. Foto: Peer Kling
Stichwort Wüste. Na ja, den Film von Margaretha von Trotta, fast hätte ich jetzt gesagt „Max Frisch gegen Ingeborg Bachmann“, kann oder muss man schon mal gesehen haben wie alle ihre Frauenporträts. Die Produzentin Katrin Renz hat sich den Film von ihr gewünscht und zwar nur von ihr. Na ja, im übertragenen Sinne hat Frisch die Bachmann in die Wüste geschickt, aber genau dort, genauer in Ägypten, sucht sie danach, den Bruch mit Frisch zu verkraften: schöne Bilder, gute Schauspielerinnen und Schauspieler, gutes Handwerk. „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ – bald im KuBa-Kino?

Nochmal Stichwort Wüste, nun wieder in Australien, aber diesmal eine Steinwüste mit lauter von Menschen gehauenen Höhlen, die darin in harter Knochenarbeit nach Opalen suchen. Wie heißt die bewusst in Schwarz-Weiß gedrehte Hommage an den Film Noir aus dem Wettbewerb? „Limbo“, genauso wie das Hotel im Film, ebenfalls eine Art Höhle, in der Simon Baker als Cop Trevis Position bezieht, um einen vor 20 Jahren begangenen Mord noch einmal aufzurollen. Die Ermordete gehört der indigenen Bevölkerung der Aborigines an, und ihre Angehörigen haben schlechte Erfahrung mit der (weißen) Obrigkeit gemacht. Für mich war dieser Film Kino in Reinkultur, eine spannende Geschichte, die aber Geduld erfordert, weil der weiße Cop eine Mauer des Schweigens vor sich hat. Er ist selbst eine gescheiterte Figur wie viele der Befragten. Vielleicht stimmt ja am Ende genau deshalb die Chemie? Ja, drogenabhängig ist er auch noch, von wegen Chemie. Sein modernes Auto fällt einer Sabotage zum Opfer. Welch ein Glück für den Film, denn so blubbert nun ein alter weit dekorativer Gasoline Guzzler als Schluckspecht der Marke Dodge durch das australische Outback. Schon in „Mystery Road“ (2018) hat Regisseur Ivan Sen grandiose Landschaften verbunden mit einer ähnlichen Thematik gezeigt. Bei „Limbo“ hat er nicht nur Regie geführt, sondern war zudem für das Drehbuch, die Kamera, den Schnitt und die Musik verantwortlich. Die Detective Story überzeugt auch als subtiles Porträt einer tief sitzenden Alltagsrassismus-Erfahrung.

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Peer Kling
Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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