Start Nachrichten Rathaus Meisten Schäden behoben – aber es bleibt im Kopf

Meisten Schäden behoben – aber es bleibt im Kopf

Es jährt sich das Hochwasserereignis 2021. Ein Jahr ist die große Flut nun schon her und eigentlich sieht man im Jülicher Land kaum noch Nachwirkungen. Dennoch war es eine Nacht mit vielen Folgen, die bis heute im Gedächtnis geblieben sind und sicher nicht vergessen werden.

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Heute vor einem Jahr stand die Feuerwehr Jülich fast unter Wasser. Foto: Hacky Hackhausen
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Vor einem Jahr war Jülich im Ausnahmezustand: Zwischen Mittwochnacht und Sonntagnachmittag war der Krisenstab akut im Einsatz. Am Donnerstagabend begann die Evakuierung der gefährdeten Straßenzüge. Viele Jülicher bangten um ihr Hab und Gut. Die Verantwortlichen der Energieversorgung und die Rettungskräfte waren rund um die Uhr im Einsatz. Hierfür zeichnete der Verein Stadtmarketing die Organisationen mit dem Stadtmarketing Preis aus. In persönlichen Situationen wie auch im Nachklang von Versicherungsfällen und immer noch nicht vollzogenen Sanierungen hallt „die Flut“ nach. Es gibt sicher keinen Menschen in der Stadt, der nicht seine ganz persönlichen Erinnerungen an diese Tage hat, die bis heute sofort abrufbar sind. Stellvertretend lässt der HERZOG einige zu Wort kommen.

Ständig im Gespräch blieb Bürgermeister Axel Fuchs mit den Einsatzkräften. Foto: Dorothée Schenk

Zwei, die hautnah von Anfang an in der Verantwortung standen, waren Bürgermeister Axel Fuchs und Stadtwerke-Geschäftsführer Ulf Kamburg. Axel Fuchs sagt, dass er zum Jahrestag mit seinem Stab noch mal rückblickend das eigene Handeln hinterfragt hätte. „Insgesamt haben wir ein positives Fazit aus unserer Arbeit ziehen können, aber auch Felder definiert, die wir besser hätten machen können.“ Dazu gehört beispielsweise auch die Überprüfung der rechtlichen Lage beispielsweise für den Stab für außergewöhnliche Ereignisse (SAE). Hier heißt es, dass der Bürgermeister immer im Rathaus zu bleiben hat. „Er soll als Trutzburg im Epizentrum der demokratischen Entscheidung bleiben.“ Undenkbar, findet Axel Fuchs, denn „die Menschen wollen den Bürgermeister auch einmal sehen, Trost gespendet bekommen und mit ihm über die Frage reden, was er akut benötigt“. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Was ganz besonders angesichts der vielen Dokumentationen in den vergangenen Tagen noch mal in den Vordergrund getreten sei, ist die Erkenntnis: „Wieviel Glück haben wir gehabt, und wieviel Leid haben andere ertragen müssen, das bleibt definitiv ein Jahr nach der Flut.“

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Stadtwerke-Geschäftsführer Ulf Kamburg erinnert sich an die Anstrengungen, „immer in der Hoffnung, dass es nicht so schlimm wird, wie es sich andeutete. Wir haben gebetet, dass unser Umspannwerk stehenbleibt. Ich stand an der Gereonstraße, als es in der Erde blubberte, mit dem Wissen: Wenn dieses Bauwerk unter Wasser stehen sollte, dann hätte die ganze Stadt keinen Strom mehr – und nicht nur für fünf Minuten, sondern für das nächste halbe Jahr. Das war schon ein beklemmendes Gefühl.“ Als Sofortmaßnahme ließ Ulf Kamburg von Kollegen aus Oberhausen sofort ein Notstromaggregat in entsprechender Größe bringen, um die Versorgung mit Wasser und die Arbeit im Krankenhaus sicherzustellen. Bis heute ist die Flut spürbar. Leitungen in Rurnähe sind betroffen, die über die Jahre ausgetauscht werden müssen. „Ganz großer Dank an die Kollegen aus der Technik, die das, was unter Wasser stand, schnell vom Netz genommen haben.“ Für die Zukunft soll als zweites Standbein ein Umspannanlage auf der Merscher Höhe installiert werden, „die mit Sicherheit dann wasserresistent ist“ . An der Gereonstraße werden bauliche Maßnahmen geprüft, „wobei die Statiker uns wenig Hoffnung gemacht haben“. Eine Mauer allein bietet einen Schutz. „Wir haben ja gesehen, dass das Grundwasser von unten kam, und dann hat man keine Möglichkeiten mehr.“

An diese Extremsituation am Umspannwerk erinnert sich auch Jochen Schüsseler, Zugführer und kommissarischer Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW), gut. Pumpen, pumpen, pumpen – das war eine der zentralen Aufgaben, bei denen das technische Hilfswerk an diesen schwierigen Tagen in Jülich im Einsatz war. Erst am Sonntag sei der Normalzustand zurückgekehrt. „Unsere Leitung und die Wehrleitung haben seit die ersten Tage gar nicht geschlafen.“ Rund 30 Jülicher Einsatzkräfte waren ebenfalls Tag und Nacht unterwegs. Sie wurden von Kollegen aus Lengerich, Münster und Langenhagen unterstützt, die Großpumpen mitbrachten. Sie kamen in Barmen im Einsatz, um den Wasserspiegel zu senken. Für Schüsseler, der bereits dreimal im Osten Deutschlands zu Hochwasser-Einsätzen unterwegs war, sei es schon eine besonders ungewöhnliche Situation gewesen. „Wenn das vor der eigenen Haustüre ist, ist das noch mal eine ganz andere Hausnummer. Wir hatten selbst Betroffene in den Einheiten, die trotzdem zum Dienst gekommen sind.“ Eindrücklich war der Einsatz, als das THW mit einem LKW bei Floßdorf in die Rur fahren musste, um die Menschen zu retten, die eigentlich Pferde retten wollten. „Da sind Sachen gelaufen, die man nicht nachvollziehen kann. Diese Menschen haben sich wissentlich in Gefahr gebracht und hatten im Anschluss nur Vorwürfe.“ Außerdem musste sich das THW kurzfristig selbst aus dem Koslarer Domizil ins Gerätehaus Mersch evakuieren. „Uns kam extrem zugute, dass wir seit Jahren miteinander üben und ich auch außerhalb des Dienstes mit den Wehrleitern der Feuerwehr befreundet bin. Das macht vieles unkomplizierter.“

Das THW in Barmen im Einsatz. Foto: privat / Archiv 2021

Schüsseler war mit seinem Team nicht nur an den drei akuten Tagen in Jülich im Einsatz, sondern im Kreis Euskirchen, Gmünd, Bad Münstereifel und ein Teil der Einheit in den Folgewochen auch in Kornelimünster. Sechs bis sieben Einheiten waren an unterschiedlichen Einsatzstellen unterwegs. Das sei eine ganz andere Erfahrung gewesen. Aber wenn man abends in ein warmes Bett gehen könne, relativiere sich die eigene Anstrengung. Und der Blick in die Zukunft? „Ein Punkt ist für mich, dass man es nicht vergisst und versucht, effektive Maßnahmen zu ergreifen.“ Seine Sorge ist, dass die Maßnahmenplanung durch den Krieg in der Ukraine, steigende Coronazahlen und die Sorge um die steigenden Gas- und Wasserpreise wieder untergehe.

Im übertragenen Sinne in „Alarmbereitschaft“ versetzt worden ist Michael Lingnau, Vorsitzender von SC Jülich 1910/97, auf der Geburtstagsfeier seines Patenkindes in Duisburg und konnte das erst gar nicht glauben. „Sabine Meyen, unserer Schatzmeisterin, hat mir ein Video geschickt, dass sie von der Hausmeister-Wohnung am Karl-Knipprath-Stadion aus gefilmt hat. Als ich zurückkam, konnte ich gar nicht bis zum Stadion fahren. Das ganze Stadion war ein einziger Pool.“ Spektakuläre Bilder gingen in den Folgetagen durch die Sozialen Medien von der Seenplatte und den Fischen, die im Stadion von Anglern gerettet wurden. „Wir haben hier als Verein einen Schaden von fast 35.000 Euro gehabt. Betroffen waren neben den Einrichtungen ja auch die Ausrüstung der Mannschaften. Der Gutachter hat das gesamte Gelände für ,abgängig‘ erklärt. Wir hatten, das muss man sagen, viel Glück mit der Versicherung, unserem Fußball-Camp-Schirmherrn 2022, Rolf Zick. Er hat uns sehr unterstützt.“ Dem Platz selbst hat die „Düngung“ durch das Hochwasser gut getan. Er „ist heute besser denn je“, freut sich Lingnau. Aber für den Spielbetrieb fiel das Jülicher Stadion aus, weil weder Umkleiden noch Duschen zur Verfügung stehen. „Da hat uns, das muss man klar sagen, der Verbund der Spielergemeinschaft Rurland sehr geholfen – alleine dadurch, dass wir alternative Plätze zum Trainieren und für die Spiele hatten.“ Demnächst sollen wohl Container aufgestellt werden. „Wir wollen in der kommenden Saison endlich wieder präsent sein.“ Dann kann auch die Zehner-Lounge wieder umfassend genutzt werden, denn erst in der Woche vor dem Fußball-Camp konnte endlich auch die zerstörte Küche ersetzt werden.

Der Angelverein rettete Fische aus dem Karl-Knipprath-Stadion. Foto: privat

Ohne Küche, nur mit zwei Kochplatten musste auch Cornel Cremer, Geschäftsführer des Kulturbahnhofs Jülich von Juli bis Weihnachten auskommen. Sein Zuhause liegt direkt am Rurdamm. Was anfangs harmlos aussah, stellte sich als erheblicher Schaden heraus. Gemeinsam war die Familie in Obersdorf im Urlaub, als ihn die ersten Nachrichten ereilten. Per Außenkamera im Garten konnte Cremer das Wasser kommen sehen. „Das war schon ein komisches Gefühlt. Irgendwann fiel dann auch die Kamera aus. Da hab ich schon gedacht: Die liebe Güte, jetzt ist die Welle da.“ Natürlich war er telefonisch im Austausch mit der Heimat. Ein Freund habe noch die Autos aus der Garage auf die Merscher Höhe in Sicherheit gebracht. „Ich habe dann bei der Stadt angerufen und Dezernenten Richard Schumacher um Rat gefragt, was er an meiner Stelle tun würde.“ Am Samstagmorgen ist er ganz früh mit seinem Schwager Bernd nach Jülich gestartet. „Vermeintlich war bei mir alles gut gegangen. Das Wasser stand am Haus ringsum, aber es war kein Wasser ins Haus eingedrungen.“ Nach zwei Tagen Aufräumaktion, bei der viele Freunde mit angepackt hätten, sind sie zurück nach Obersdorf gefahren. Zwei Wochen später dann kam das böse Erwachen: Feuchtigkeit kletterte an den Wänden im Erdgeschoss hoch, alles musste herausgerissen werden: Böden, Tapeten… „Ich hatte das Glück, dass ich im Haus wohnen bleiben konnte. Über eine Außentreppe konnte ich ins Obergeschoss, hab mir da eine Kochplatte hingestellt, damit ich mir ein bisschen was kochen konnte. Von da ab liefen ständig die Trockengeräte.“ Bis heute stehen noch Restarbeiten aus. „Ich hatte das Glück, dass ich elementarversichert war. Und es ist halt nichts im Vergleich zu den Menschen, die es viel schlimmer getroffen hat.“

Einige Tage war die Brücke im Heckfeld die einzige Verbindung in die Innenstadt. Foto: Archiv 2021

Ähnlich sieht es auch Thomas Surma, Kirchenvorstand der Pfarrei Heilig Geist Jülich. Er saß nichtsahnend im Homeoffice, als ihn seine Tochter gerufen habe: „Papa, Du guckst Dir das besser mal an.“ In Erinnerung ist ihm, wie er anfangs gedacht habe: „Da kommt so ein bisschen Wasser über den Rurdamm, das versickert schon“, und wie ihn die Erkenntnis traf, dass man nichts mehr dagegen tun konnte. „Wenn Dir dann die Feuerwehr sagt: ,Wir haben das Pumpen eingestellt, hoff mal, dass Dein Haus morgen noch steht‘, baut das natürlich so richtig auf.“ Großartig sei die Nachbarschaftshilfe gewesen. „Der Zusammenhalt war super. Wenn man beispielsweise einen Schlauch brauchte und der Nachbar hatte einen, dann brachte er ihn vorbei, oder die Eltern meines Schwiegersohns in spe kamen mit 20 Pizzen vorbei.“ Am 17. Juli wird es darum bei seiner Schwiegermutter zum Jahrestag ein Beisammensein in Erinnerung an das Hochwasserereignis geben. „Was ich außerdem lobend erwähnen möchte, ist die Soforthilfe der Stadt. Heute beantragt hattest Du morgen das Geld auf dem Konto. Super Leistung, schnell reagiert. Das hieß wirkliche Soforthilfe.“ Ganz anders sei es mit der Hochwasserhilfe des Landes gewesen. „Ein normaler Mensch kann diese Formulare gar nicht ausfüllen. Ich habe jetzt erst die letzten Formulare abgegeben.“ Ein weiteres Lob von Thomas Surma: „Wen ich auch bewundert habe, ist die Müllabfuhr. Wenn ich nur die Vogelstange sehe, wieviel Müll dort stand und wie schnell das weggeräumt war. Hut ab!“ Und geblieben ist die Dankbarkeit und Erkenntnis: „Uns geht es nicht so schlecht wie an anderen Orten. Gott sei Dank hat es in Jülich keine Toten gegeben.“

Am schlimmsten getroffen hat es Gut Hasenfeld. Walter Schyns erwartet in der kommenden Woche eine Vertretung des Rurwasserverbandes, um den aktuellen Stand zu besprechen. Der zweite Ort, der besonders betroffen war, ist Barmen. Der Strom wurde im Ort abgestellt, und es gab nur einen einzigen Platz, an dem per Mobilfunk der Kontakt zur Außenwelt möglich war. Nicola Wenzl, Anwohnerin der Seestraße, erinnert sich, wie alle mit anpackten, sich von selbst Kontakt zu Nachbarn ergab, die man zuvor nicht kannte. „Wir haben gemeinsam gegrillt, weil ja auch Tiefkühler ausgefallen waren, und schließlich Nachtwachen eingerichtet.“ Sie hatte sich gerade den Traum einer neuen Küche verwirklicht und weiß noch gut um die Hilflosigkeit, als das Wasser immer weiter stieg. „Notfalls, habe ich gesagt, lege ich mich selbst vor die Türe, um das Wasser aufzuhalten“, erzählt sie heute lächelnd. Und von Übersprunghandlungen, die aus der Hilfslosigkeit geboren werden: Aus lauter Aktionismus trug sie alle Schuhe ins Obergeschoss. „Völlig unsinnig“, sagt sie schulterzuckend. Letztlich hatte sie Glück: Nur wenige Meter vor ihrer Haustüre stoppten die Wassermassen. Nachhaltig ist das Erlebnis dennoch geblieben: Seither gibt es eine WhatsApp Nachbarschaftsgruppe für die Notfälle. Hier haben sich die Mitglieder – wie im Heckfeld – am Wochenende zum Jahrestag zu einer gemeinsamen Feier verabredet.

Per Boot rettete das DLRG Menschen in Barmen aus ihren Häusern. Foto: privat / Archiv 2021

Ein paar Straßen weiter sah es schon anders aus. Die vollständige Renovierung des Souterrains bei Guido Weiergräber in der Teichstraße wurde ein Opfer der Wassermassen. „Wo soll ich anfangen? Geblieben ist immer noch eine Baustelle“, sagt er. Dabei sah er anfangs der Situation noch gelassen entgegen. „Ich saß in meinem Büro, habe in den Garten geguckt, das Wasser gesehen und gedacht: ,Du hast Glück gehabt.’“ Sein Sohn, der bei der Feuerwehr aktiv ist, habe ihm geraten, die Lage zu beobachten und gegebenenfalls die Feuerwehr zu rufen. Innerhalb von einer Stunde habe sich das Wasser 35 Meter weitergegraben und sei in den Keller gelaufen. „Damit begann das Chaos! Ich habe versucht, mit den Handtüchern die Türritzen zuzustopfen. Du stehst sprach- und hilflos da.“ Die frisch installierte Gastherme, das neue Schlafzimmer und Ankleidezimmer wurden geflutet. Sämtliches Mobiliar musste erneuert, der Boden abgetragen werden, und ein Gutachter musste erst einmal klären, ob das Haus weiterhin bewohnbar war. 13 Tonnen Unrat mussten entsorgt werden: „zum Teil auch Dinge von emotionalem Wert“ wie Dokumente, Fotoalben und Erinnerungsstücke an seinen Schwiegervater. Das ist unrettbar verloren. Dazu kam: „Es war ja kein Klarwasser, sondern Schlammwasser. „Selbst mit dem Hochdruckreiniger ging der Schlamm nicht weg. Da waren Öl und Fäkalien mit drin. Ich habe mich da infiziert und kam mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus. Meine Frau Edith musste wegen Schimmelpilz-Allergie eine Therapie machen.“ Aber nicht nur körperlich, auch seelische Schäden sind dem Paar geblieben. Besonders spürbar bei angekündigtem Starkregen wie vor zwei Wochen. Das neue und vollständige leere 1000 Liter Regenfass sei innerhalb von einer halben Stunde vollgelaufen. „Wir hatten Angst. Man steht nur daneben und sieht wieder die Wasserpfützen auf dem Hof stehen. Du fühlst Dich hilflos.“ Inzwischen hat das Paar eine Kur beantragt und will so wieder zu mehr Normalität finden, die sich im baulichen Umfeld schon wieder weitgehend eingestellt hat.
Als besonders in Erinnerung hat Guido Weiergräber aber auch die vielen Helfer, die zur Stelle waren. „Es war schön zu sehen, dass die Menschheit so zusammenhielt. Es kamen Vereine, die mit dem Handwagen Kaffee verteilt haben, Plätzchen und Kuchen gebacken haben. Der Fußballverein ist mit vielen Leuten gekommen und hat nicht lange gefragt, wo sie anfangen sollen, sondern haben eine Menschenkette gebildet und alles rausgeholt.“ Er weiß noch, wie er erschöpft am Samstag auf der Treppe seines Hauses mit einem Kaffee saß: „Ich sehe noch, wie der DLRG mit einem Schlauchboot vorbei paddelt, um Menschen zu retten.“ Und den Laster, der rückwärts aus der Vogelsruth gefahren ist und zehn Meter weiter, in der Seestraße, war alles trocken geblieben.

Großes Lob hat Guido Weiergräber – wie Thomas Surma auch – für die Soforthilfe der Stadt: freitags den Antrag abgegeben, dienstags war das Geld da. „Das ging rasant schnell. Wir haben das Geld sofort in Waschmaschine und Trockner investiert.“ Ein Stück Normalität, denn auch wenn er der Freundin und Nachbarin dankbar für den „Wäschedienst“ war, sagt er: „Das war schon unangenehm, wenn die eigene Unterwäsche durchs Dorf getragen wird.“

Foto: privat

Der Schaden ist jetzt weitgehend behoben, aber es bleibt im Kopf. Die Angst wird bleiben genauso wie das Nachdenken darüber. Und die Fragen: Wie bereiten sich Politik und Naturschutz auf eine etwaige neue Katastrophe vor?

Chronologie: „Als das Wasser kam“

Mittwoch, 14. Juli
15 Uhr. Es regnet seit Stunden. Die Redaktion erkundigt sich beim THW und der Freiwilligen Feuerwehr nach der Sachlage. Die Auskunft: Nur einige Keller sind leer zu pumpen, ansonsten ist die Lage entspannt. Einen Wassereinbruch meldet dagegen das Museum Zitadelle Jülich.
Es gießt wie aus Kübeln.

In der Mittwochnacht stieg der Hochwasserspiegel über 3,50 Meter und erreicht damit bereits die Marke, die auf der Jülicher Hochwasserkarten als Extremfall eingestuft wird. Die Einsatzkräfte sind die Nacht über unterwegs, um Keller leerzupumpen. Der Keller des Hallenbades, in dem die technischen Anlagen untergebracht sind, ist ebenfalls vollgelaufen.

Donnerstag, 15. Juli
Schon morgens sind nahezu alle Zufahrtsstraße nach Jülich gesperrt. Wer von jenseits der Rur nach Jülich möchte, macht sicherheitshalber einen Umweg über die Autobahn – von Koslar nach Mersch oder umgekehrt. Die Stadt Jülich bittet die Bürgerschaft so wenig Abwässer wie möglich zu produzieren, da die Kanäle schon jetzt am Limit sind, beziehungsweise das Limit überschritten haben. Es ist Land unter.

13.30 Uhr: „Die Talsperrenabgabe muss deutlich erhöht werden.“ Das meldete der Wasserverband Eifel-Rur. Aus den Talsperren ab dem Staubecken Heimbach kontinuierlich auf 50 Kubikmeter in der Sekunde. Dies ist die größtmögliche Abgabemenge in den Sommermonaten. Die erhöhte Abgabe in die Rur wird einige Tage andauern, da auch bei einem Abflauen der Regenfälle noch einige Zeit mit einem Nachlaufen von Wasser aus dem Einzugsgebiet zu rechnen ist. In Kirchberg ist derzeit noch „Durchkommen“, aber das „Netz“ ist weg. Außerdem ist die Inde über die Ufer getreten.

15 Uhr. Die Stadtwerke melden die Schließung des Freibades wegen des Hochwassers. Die Strom- und Energieversorgung sei dagegen gesichert. Aus Kirchberg erreichen die Redaktion Meldungen, dass die Internet-Verbindung nicht funktioniert. In Barmen kommt in Teilen des Ortes die Stromversorgung zum erliegen. Hier sind nicht die Jülicher Stadtwerke Grundversorger. Da das Heckfeld vom Hochwasser extrem betroffen ist und die dort ansässige Geschäftsstelle ebenfalls Wasser im Keller hat, wird vorsorglich das Kundenzentrum geschlossen. Die Feuerwehrwache ist inzwischen ebenfalls „umspült“.

16.30 Uhr Bilder aus dem Jülicher Land erreichen die Redaktion, die zeigen, dass sich die Landschaft weitgehend in eine Seenplatte verwandelt hat. Das gilt für das Heckfeld wie auch für Barmen. Und immer mehr Wasser, Wasser, Wasser

Im Heckfeld steht das Wasser auf den Straßen. Rur und Ellbach haben ihre „Betten“ verlassen.

https://www.youtube.com/watch?v=VK8v_Q_ywi4

19.15 Uhr. Die Stadt begibt sich in den Ausnahmezustand. Die Evakuierungsvorbereitungen in Jülich laufen auf Hochtouren. Der Ernstfall wird in den frühen Morgenstunden des Freitags erwartet. Im Rathaus sind die Dezernenten, Mitarbeiter der Verwaltung und der Einsatzkräfte zusammengekommen, um die wichtigsten Maßnahmen zu besprechen. Der Krisenstab tritt zusammen

21 Uhr. Die Nervosität wächst. Im Schnellschritt mit Handy am Ohr sind im Rathaus die meisten Helfer unterwegs. Die Drähte laufen heiß. An was muss noch gedacht werden? Was ist, wenn der Strom ausfällt? Aus unter anderem aus Krefeld haben die Stadtwerke Notstromagregate angefordert, die bereits auf dem Weg nach Jülich sind für den absoluten Notfall. Alternativen werden überlegt.

22.45 Uhr. Die Spannung ist fast mit den Händen zu fassen. Überall laufen über die Handys Videos mit den auch im fernen Jülich drohenden Wassermassen, wie sie sich mächtig aus der Urfttalsperre in die Tiefe stürzen. Der ersten Betriebsamkeit ist eine nervöse Ruhe gewichen. Man steht zusammen, guckt in Hochwassergefahrenkarte, kreiert Szenarien „Es ist beängstigend“, ist immer wieder zu hören. Die Unfassbarkeit des Kommenden, von dem man weiß, dass es unausweichlich ist. Es ist die nervöse Ruhe gepaart mit Ungewissheit. Die Maßnahmen laufen geregelt. Für 3000 mögliche zu Evakuierende hat das DRK Plätze vorbereitet und hält Nahrungsmittel bereit. Allerdings nutzen nicht viele Menschen das Angebot, in die Notunterkünfte zu gehen. Die meisten Jülicher sind wohl bei Freunden und Familie in „sicheren Gebieten“ untergekommen. Die Zahl der freiwilligen Helfer, die sich auf dem Matthiasplatz in Lich-Steinstraß eingefunden haben, übersteigt die Zahl derer, die gebraucht werden. Ein großes Glück, aus dem vollen schöpfen zu können. Die Jülicher zeigen sich wieder mal von der ihrer solidarischen Seite. „Das ist einfach großartig“, freut sich Bürgermeister Axel Fuchs.
Die Nacht wird lang.

Freitag, 16. Juli
6.30 Uhr Kontrolltour entlang der Rur. Überall sind vereinzelte Menschen unterwegs – zu Fuß und mit dem Fahrrad. Sie gucken prüfend in Rur und Ellbach, fahren die Brücken an und messen mit den Augen den Wasserstand. Der ist sogar sichtbar gefallen. Weder in der Ellbachstraße noch an der Vogelstange rund um die Feuerwehr und das Stadtwerke-Beratungscenter steht noch Wasser. Wie kleine Nabelschnuren führen allerdings an vielen Orten Schläuche aus den Kellern und entleeren ihr gut in den Kanal. Der „Lage“ des Kanal ist offenbar auch entspannt: Die noch gestern im späten Nachmittag munter sprudelnde Fontäne am Kopf der Straße „An der Vogelstange“ ist versiegt. Man kann sogar in den Kanal hineingucken. Das gibt Hoffnung.

Um 8 Uhr standen Bürgermeister Axel Fuchs und Dezernent Richard Schumacher auf der Ruchlinsky-Brücke und hielten den Blick auf den Horizont gerichtet. Als eine halbe Stunde später klar war, dass das Wasser hoch steht und fließt, aber keineswegs die anvisierten Mengen aus der brachte, gab es erleichtertes Lächeln.

8.30 Uhr. Die Mienen aller hellen sich auf. Die angekündigte Bugwelle ist in der durch den Wasserverband Eifel-Rur angekündigten Form ausgeblieben. Um 9.30 Uhr beendete Bürgermeister Axel Fuchs offiziell die Arbeit des Krisenstabes. Die Hotline zum Hochwasser ist seit 10.30 Uhr ausgeschaltet. Große Erleichterung: Krisenstab ist aufgelöst.

10 Uhr Die Türen des Brückenkopf-Parks sind erneut geschlossen und die Schäden sind diesmal nicht abzusehen. Das wird in Millionen gehen, ist die erste Schätzung. Nach den pandemiebedingten Schließungen ist das der zweite Schlag, den der Familie- und Freizeitpark hinnehmen muss. „Was Corona nicht geschafft hat, uns in die Knie zu zwingen, hat das Hochwasser geschafft“, resümiert Hajo Bülles, Prokurist der Brückenkopf-Park gGmbH. Mit steigendem Pegel waren Donnerstag alle Gäste evakuiert worden, die Ferienspiele wurden abgebrochen. Seit 7 Uhr früh am Donnerstag war das Zoo-Team damit beschäftigt, ihre Schützlinge in Sicherheit zu bringen – sei es in geschütztere Gehege oder in feste, über der Wasserkante liegende Behausungen. In der Nacht wachte Zooleiter Henry Fischer selbst über die Tiere, um heute morgen mit Erleichterung festzustellen, dass das Schlimmste ausgeblieben war. Mit Sorge hatte der Veranstaltungsmanager Bülles auch die „Kulturmuschel“ im Blick. Kurz vor der Muschel ist das Wasser zum stehen gekommen. „Das war ein Glücksfall“, kommentiert Hajo Bülles.

14 Uhr. Zeit für ein erstes Resumee. „Wir haben uns durch die Nachrichten, die uns erreichten, und zusätzlich die anhaltende Wetterlage große Sorgen um die Menschen gemacht“, sagte Bürgermeister Axel Fuchs rückblickend. Tagsüber wurden bereits über 200 Kubikmeter pro sec Fließwasser im Jülicher Teilbereich der Rur gemessen. Angekündigt war für die Abend- und Nachtstunden eine Erhöhung auf mindestens 230 Kubikmeter pro sec. „Es war eine glückliche Fügung, als uns die Nachrichten erreichten, dass es „nur“ 130 Kubikmeter pro Sekunde werden würden. Wir sind erleichtert und froh, dass dieser schlimme Kelch an uns vorbei gegangen ist.“ So einmalig dieses Ereignis war, wird es doch nachwirken. „Wir werden natürlich in die Analyse gehen. Insgesamt gehen wir gestärkt aus der Situation hervor.“ Eine Wiederholung wünsche sich natürlich niemand, aber falls doch „sind wir sicher in der Lage sie zu meistern“, ist Bürgermeister Axel Fuchs überzeugt.

Samstag, 17. Juli
Die Solidarität der Betroffenen untereinander ist ebenso groß wie die jener, die vom Hochwasser (weitgehend) verschont blieben und jetzt ihre Arbeitskraft oder ihr Know-How zur Verfügung stellen. Da der Pegelstand der Rur kontinuierlich fällt, können die Rettungskräfte nun auch im übrigen Stadtgebiet mit den Pumpenarbeiten beginnen. Schon am Donnerstag meldeten die Barmen ihre „Selbsthilfe-Organisation“. Nach zweieinhalb Tage gibt es im Ort endlich wieder Strom. Kirchberg ist zumindest vom Internet abgeschnitten. Als Ersthilfe-Maßnahme wurden die Alte Schule und das Jugendheime aufgemacht, um Menschen eine Nothilfeaufnahme zu bieten. Um seine Versorgung kümmerten sich hier die Nutznießer selbst. Heute ist der Mühlenteich wieder auf Normalniveau gesunken und die Straßen sind wieder frei befahrbar.
Große Solidarität auch in Koslar: Hier arbeiten die örtlichen Landwirte mit dem Förderverein GGS West Hand in Hand, um die tieferliegenden Räume der Grundschule trockenzulegen. Innerhalb von 40 Minuten hatte die Elternschaft hier das Rettungsteam organisiert.

Brücken sind bei Hochwasser ein sensibles Thema: Die Schäden sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen, erklärte Dezernent Richard Schumacher. Darum bleiben die Brücke Aachener Landstraße zur großen Rurstraße, die Brücke an Gut Hasenfeld und auch die Fußgängerbrücke an der Kirchberger Straße zum Heckfeld gesperrt. Wie lange, das stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest. Erst wenn das Wasser nennenswert gefallen ist, können die Schäden geprüft werden. Hier geht es darum, ob die Statik der Brücken Schaden genommen hat. Solange der Zustand anhält sind die Pendler aufgefordert zur Entlastung des Heckfeldes und der Brücke B56 auch die Autobahn zwischen Mersch und Koslar als „Umgehung“ zu nutzen.

Sonntag, 18. Juli
Das Hochwasser hat in Jülich teilweise große Schäden angerichtet. Das Wasser geht immer weiter zurück, aber das ganze Ausmaß der Schäden ist noch nicht absehbar. Ein akutes Problem war die Abholung des Sperrmülls aus den betroffenen Gebieten, die umgehend von der Stadt Jülich organisiert wurde, ebenso wie die Abholung des Mülls (Sperrmüll, Weißware und Haus- und Biomüll). Spezialfirmen wurden für die Entsorgung von ausgelaufenen Öl kontaktiert. Schon am Dienstag waren Kirchberg und weiter Teile von Barmen Sperrmüll-frei, im Heckfeld wurde am folgenden Donnerstag „geräumt“.


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