Die Zitadelle, das Forschungszentrum, der Marktplatz: Orte, an denen man vorbeigeht, ohne groß darüber nachzudenken. Früher waren diese für mich einfach existent. Ich dachte, andere Städte seien wahrscheinlich spannender, größer und interessanter. Erst durch mein Praktikum habe ich gemerkt, wie viel von Jülich ich nie wahrgenommen habe. Nicht plötzlich von einem auf den anderen Tag, sondern Erkenntnis für Erkenntnis. Durch Termine, Gespräche und Reportagen bin ich auf Veranstaltungen gegangen, habe Orte besucht und Menschen getroffen, mit denen ich sonst wahrscheinlich nie in Berührung gekommen wäre.
So habe ich schon immer eine gewisse Nostalgie für den alten rot-gelb gepflasterten Marktplatz empfunden, nicht weil ich ihn unbedingt schön fand, sondern weil er einfach zu Jülich gehörte. Jetzt weiß ich, dass sich damals unzählige Skelette direkt unter meinen Füßen verbargen. So viel Geschichte, so viel Zeit, die an diesem Ort schon vor mir vergangen war. Hier wurde Geschichte für mich greifbar. Im Rahmen des Mittwochsclubs des Geschichtsvereins besuchte ich den Vortrag „Drei Jahre Baubegleitung, 2000 Jahre Geschichte: Neue archäologische Funde im Zuge der Jülicher Markt- und Kirchplatzsanierung“. Dort erfuhr ich unter anderem von dem Friedhof direkt vor der Propsteikirche, den unzähligen Skeletten und den verschiedenen Zeitepochen, die Jülich schon erlebte. Natürlich wusste ich bereits, dass es Jülich schon zur Römerzeit gab und es somit auch einhergeht, dass Menschen schon im Mittelalter hier wohnten, allerdings wurde es durch die Bilder und den Vortrag so viel realer für mich. Die Kastellmauer dort, wo ich oft als Schülerin zur Messe lief, der Brunnen aus dem Mittelalter, über den ich vermutlich unzählige Male auf dem Weg zu Thalia, Marktplatz und Co. gelaufen bin. Er war die ganze Zeit dort. Wir sahen ihn nur nicht direkt unter der Oberfläche.
Nicht nur die Geschichte der Stadt habe ich neu entdeckt, sondern auch die Menschen, die sie gestalten. Durch mein Praktikum bekam ich Einblicke in Projekte, Vereine und Veranstaltungen, von denen ich vorher kaum etwas wusste. Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie engagiert viele Jugendliche in Jülich sind. Ich habe erlebt, wie Jugendliche sich für eine Party, das Kreisjugendparlament oder die Ausbildungssuche interessieren und engagieren. Gemeinsam mit einer Freundin habe ich selbst schon Partys organisiert und weiß deshalb, wie viel Arbeit hinter solchen Veranstaltungen steckt. Umso mehr hat es mich beeindruckt zu sehen, wie Schülerinnen zu Axel Fuchs gingen, sich einsetzten und mit zahlreichen Organisationen zusammen die „Next Gen Disco“ entwarfen. Zu erleben, wie junge Menschen sich aktiv für ihre Stadt einsetzen, ist ein belebendes Gefühl.
Ähnlich ging es mir beim Ausbildungsmarkt, den ich besuchen durfte. Als Schülerin selbst habe ich solche Veranstaltungen kaum wahrgenommen. Erst bei meinem Besuch wurde mir bewusst, wie viele Möglichkeiten direkt vor der eigenen Haustür liegen. Von Unternehmen, die man zwar kennt, über die man aber eigentlich kaum nachdenkt, bis hin zu Berufen, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Besonders überrascht hat mich, wie vielseitig selbst große Betriebe wie die Zuckerfabrik aufgestellt sind. Auch kleine Begegnungen haben meinen Blick auf die Stadt verändert. Für eine Umfrage zum Trinkgeldtag sprach ich mit Gastronomiebetrieben in Jülich, besuchte den Weltladen oder war bei Veranstaltungen der Fachhochschule und des Forschungszentrums unterwegs. Ich durfte Projekte begleiten, Autorin Caroline Wahl kennenlernen und über Sportprogramme wie das Walking Football berichten, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt.
Immer wieder hatte ich das Gefühl, eine Seite von Jülich kennenzulernen, die im Alltag oft unsichtbar bleibt. Jülich ist nicht nur eine Stadt mit Geschichte, sondern auch eine Stadt voller Ideen, Forschung und Zukunft.
Früher war die „Herzogstadt“ für mich eher nur ein Name als echte Geschichte. Erst durch mein Praktikum verstand ich noch mal stärker, warum Jülich diesen Titel trägt. Mir wurde bewusst, dass Jülich einst Hauptstadt des Herzogtums Jülich war und nach dem Stadtbrand von 1547 unter Herzog Wilhelm V. zur Renaissance- und Festungsstadt neu aufgebaut wurde. Noch heute prägt die Zitadelle und Pasqualinis geplante Stadtstruktur unsere Umgebung. Darüber hinaus ist mir auch die Mariensäule am Brunnen vor der Propsteikirche stark in Erinnerung geblieben. Wie oft stand ich dort zur Schulzeit in Gruppen und wartete auf die Messe, ohne genau hinzuschauen. Erst bei einem Termin erfuhr ich, wie viel Symbolik und Geschichte tatsächlich dahintersteckt. Zu betrachten sind dort zwei Zeitspiralen, die die gesamte Geschichte von Jülich in Bildern darstellt.
Vielleicht war all das schon immer da. Die Geschichte, das Engagement, die Ideen und die Menschen. Ich habe nur nie bewusst hingesehen. Heute und Dank meines Praktikums weiß ich, Jülich ist viel mehr als nur eine Kleinstadt. Ich sehe die Geschichte unter der Straße, die Forschung hinter den Gebäuden und die Menschen, die diese Stadt gestalten. Vielleicht hat sich gar nicht Jülich verändert, sondern nur mein Blick darauf.



















