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Was ich noch sagen wollte…

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Die Kolumne aus Jülich | Grafik: Sebastian von Wrede
Gisas Kolumne | Grafik: Sebastian von Wrede
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Manchmal ist das ja so eine Sache mit den Eierkuchen. Also denen in der Pfanne und denen in den Koch- und Wörterbüchern dieser Welt – zumindest in den Teilen, die ich bisher bewohnt und bereist und in denen ich die platten gebratenen Mehl-Eier-Milch-Mischungen verzehrt habe. Meine erste Assoziation zum Eierkuchen sind die Sonnabende, an denen meine Mutter für ihre zu unterschiedlichen Zeiten aus der Polytechnischen Oberschule heimkehrenden Kinder solche regelmäßig zubereitete – ging schnell, war beliebt, einfach und in Etappen servierbar. Jahrzehnte später – am anderen Ende Deutschlands, sorgte die Bezeichnung „Polytechnische Oberschule“ für sprachliche Verwirrung, bei mir wiederum der hier gebräuchliche Begriff „Eierpfannkuchen“ für meine gelben Plinsen. Pfannkuchen waren nämlich für mich bisher das, wozu man hierzulande Berliner sagt. Irgendwie stimmt aber beides nicht. Die bezuckerten Ballen werden nicht in der Pfanne zubereitet und Eierkuchen nicht gebacken, sondern gebraten. Bei den Eier(pfann)kuchen ging der Lernprozess trotzdem recht schnell, bei der Mettwurst dauert er immer noch an. Auch heute noch sorgt die an mich gerichtete Bitte, doch mal die Mettwurst über den Abendbrottisch zu geben, für Verwirrung. Ich reiche dann nämlich stets die geschmeidig streichfähige Teewurst an statt des in Pelle gepressten Hackepeters. Und traditionell tritt dieses Missverständnis eine Kettenreaktion los über weitere verbale Wiedervereinigungs-Stolpersteine. Mein dem Windelalter knapp entwachsener Sohn musste nach seinen ersten Tagen im hiesigen Kindergarten mit Austauschklamotten bestückt werden, weil in seinem Kinderschädel vor 25 Jahren das norddeutsche „Pullern“ noch nicht mit dem hiesigen „Pipi“ überschrieben war. Der verzweifelten Bitte des Knirpses, doch die Verschlüsse der Latzhose beim Losungswort „Pullern“ zu lösen, sorgte für Verwirrung und nasse Hosen bis zu meiner deutsch-deutschen Verdolmetschung. Und so werden bei jedem Eierkuchen-Mahl weitere Lektionen erteilt und aufgenommen; Begriffe um- und überschrieben: der Aufnehmer meiner Kindheit ist ein Handbesen, der Aufnehmer hier und heute der Feudel meiner Kindheit. So manches Wort hat aber auch „rübergemacht“, der Broiler flattert allen voran. Manches heißt jetzt aber einfach nur anders: der Sonnabend ist der Samstag, die Polytechnische Oberschule ist das neueste Modell der Primus-Schule, die Niethose eine Jeans, die Pantalon die Leggings, die Kaderakte die Personalakte, die Kettwurst ein Hotdog, Plaste ist Plastik, die Jahresendprämie das Weihnachtsgeld, die Wandzeitung ein „Schwarzes Brett“, das Elternaktiv die Elternpflegschaft und der Stietz wird als abstehende Haarsträhne sorgsam gestylt. Doch den ultimativen „Ossi-Test“ besteht man erst, wenn man mit dem „Aktendulli“ um die Ecke kommt. Meine selbstverständliche Frage nach selbigem sorgt stets für große Fragezeichen im Raum. Habe ich dann einen solchen gefunden und präsentiere ihn mit der Frage, als was das denn hierzulande bezeichnet wird, kommt wenig bis nichts… Natürlich sind die Dinger im Büroartikel-Regal auch unter einer Bezeichnung zu finden, diesen gebraucht nur irgendwie niemand: Heftstreifen. In die andere Richtung funktioniert das übrigens perfekt mit dem Q-Tipp. Viel Spaß beim Testen, ich brutzel mir derweil einen Eierkuchen…

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