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Zwischen Vaterland und Vaterlosigkeit

Peers Kino-Kolumne: Paweł Pawlikowski über die Zerstörung nationaler Identität am Beispiel von Thomas Mann im geteilten Deutschland.

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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In dem Film „Vaterland“ (2026) geht es um die innere Befindlichkeit von Thomas Mann bei seiner ersten Rückkehr nach Deutschland 1949. Grund seiner Reise sind Vorträge in Frankfurt am Main und in Weimar. Ost und West zerren an dem Nobelpreisträger, um ihn jeweils für sich zu vereinnahmen.

Hilfreich für den Film könnte gewissermaßen als Fahrplan eine kurze Übersicht des Teils der Familie Mann sein, die entweder direkt durch Schauspieler dargestellt werden oder indirekt durch Nennung sowie unsichtbar am Telefon sprechend im Film präsent sind. Neben der Hauptfigur Thomas Mann (1875–1955), sehr gut gespielt von Hanns Zischler, findet von den insgesamt fünf Geschwistern der erstgeborene Heinrich Mann (1871–1950), „Prof. Unrat“ und „Der Untertan“, sozusagen als Antipode seines Bruders Thomas Erwähnung im Film. Von den insgesamt sechs Kindern von Katia und Thomas Mann sind Erika (Sandra Hüller) und Klaus Mann (August Diehl) für den Film besonders wichtig.

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Für „Cold War“ bekam Paweł Pawlikowski 2018 in Cannes den Preis für die beste Regie. Ich konnte damals im zweitgrößten Kino dort die O.m.U.-Version als Filmerlebnis zelebrieren und war, nicht zuletzt katalysiert durch die Musik, hin und weg. „Cold War“ lief knapp ein Jahr nach Cannes dann auch erfolgreich im KuBa-Kino. Drei Jahre zuvor erhielt Paweł Pawlikowski den Oscar für „Ida“ in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film (heute: Bester internationaler Film).

„Cold War“, „Ida“ und „Vaterland“ sind durchgehend in stimmungsgeladenem Schwarz-Weiß gedreht; einfach genial.

Zwischen „Cold War“ und „Vaterland“ lag eine achtjährige Drehpause. Warum? Die Zwangspause lag vor allem an dem geplatzten Großprojekt „The Island“ und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Für den dramatischen Thriller über die Flucht vor der Zivilisation, die Zerstörung eines vermeintlichen Paradieses sowie über psychologische Kriegsführung, der im Jahr 2023 gedreht werden sollte, hatte Paweł Pawlikowski bereits die Hollywood-Stars Joaquin Phoenix und Rooney Mara verpflichtet. Die Produktion musste jedoch im Mai 2023 unmittelbar vor dem geplanten Drehstart in Spanien abgebrochen werden, da die Versicherung der Produktion aufgrund des damaligen Hollywood-Autorenstreiks und des drohenden Schauspielerstreiks die Deckung verweigerte.

Trotz der geplatzten Regiearbeit blieb Pawlikowski aktiv und kreativ, verlagerte seine Arbeit jedoch auf das Schreiben und Produzieren. So verfasste er unter anderem das Drehbuch für Kirill Serebrennikows Film „Limonov: The Ballad“ (2024). Anschließend entwickelte er akribisch das Drehbuch zu „Vaterland“ gemeinsam mit Henk Handloegten.

Ausschnitt aus dem Filmplakat zu Vaterland. Foto: Neue Vision

Warum macht ausgerechnet der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski einen Film über die Beziehung von Thomas Mann zu seinem deutschen Vaterland? Der 1957 in Warschau geborene Pawlikowski ist väterlicherseits jüdischer Herkunft. Im Alter von 14 Jahren verließ er mit seiner Mutter seine Heimat und lebte zunächst in Deutschland und Italien und seit 1977 in Großbritannien, studierte in Oxford Literatur und Philosophie, nahm dort an Forschungsprojekten zur deutschen Literatur teil, bevor er sich dem Film zuwandte. Er ist interessiert an universellen Themen wie Exil, Identität und der universellen Sehnsucht nach Heimat, die seine gesamte internationale Filmografie prägen. Er hat ein tiefes persönliches und künstlerisches Interesse an dem Gefühl des Entwurzeltseins.

Als Regisseur mit osteuropäischem Hintergrund nähert er sich deutscher Geschichte und Kultur ohne nationale Scheuklappen und betrachtet Thomas Mann nicht als rein deutsches Denkmal, sondern als zerrissene menschliche Existenz. Schon seine früheren Meisterwerke „Ida“ und „Cold War“ beschäftigten sich ebenfalls mit den Schatten der europäischen Geschichte, totalitären Systemen und dem Verlust von Heimat. Die Zerrissenheit des Jahres 1949 im geteilten Deutschland passt genau zu dieser künstlerischen Handschrift.

Der Film „Vaterland“ ist ein fiktiver Spielfilm. Man könnte ihn auch als Historiendrama oder als Biopic bezeichnen. Jedenfalls ist er keine Dokumentation. Der Film basiert schon auf historisch realen Personen und Ereignissen – konkret auf der Vortragsreise des Schriftstellers Thomas Mann im Jahr 1949 durch Deutschland nach elf Jahren im US-amerikanischen Exil. Aus dramaturgischen Gründen mit der Absicht, die Ereignisse und Gefühle zu verdichten, wurde da und dort am Rädchen gedreht. Ich versuche, transparent zu machen, an welchen Stellen.

Wichtige Stationen von Thomas Mann:
1938 Ausreise in die USA.
1944 Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft.
1949 besagte Vortragsreise als „amerikanischer Gast“ zum 200. Geburtstag von Goethe.
1952 nach massiven politischen Anfeindungen in den USA: Endgültige Rückkehr nach Europa mit Niederlassung in der Schweiz. Grund: Die antikommunistische Hysterie der McCarthy-Ära zu Beginn des Kalten Krieges.

Aus besagten dramaturgischen Gründen wurde bei diesem Film legitimerweise ein wenig an der Zeitachse und auch am Personenkarussell gedreht. Die Vortragsreise von Thomas Mann dauerte real zehn Tage, begann am 24. Juli und endete am 3. August 1949. Begleiterin war in Wirklichkeit seine Frau Katia. Im Film übernimmt deren gemeinsame Tochter Erika diese Rolle. Der Suizid von Erikas Bruder Klaus war real schon am 21. Mai 49. Im Film fällt er mit der Vortragsreise zusammen.

Das ist die strategische Eröffnung für ein Figurenspiel von drei Beziehungen:

1. Bruder Klaus und Schwester Erika waren Zeit ihres Lebens enge Seelenverwandte und Freidenker. Eine inzestuöse Beziehung bestand nie. Klaus hat seine Homosexualität plakativ ausgelebt. Der Film macht das enge Band der Geschwisterliebe deutlich.

2. Der Vater-Sohn-Konflikt. Vater Thomas zeigt sich ungerührt vom Suizid seines ältesten Sohnes. Sinngemäß habe es der drogenabhängige Taugenichts nicht besser verdient. In der berühmten Schriftstellerfamilie Mann haben sich übrigens insgesamt mindestens vier Mitglieder das Leben genommen: Thomas Manns Schwestern Carla und Julia sowie seine Söhne Klaus und Michael.

3. Diese Gefühlskälte nährt wiederum den Vater-Tochter-Konflikt, ist aber nicht der einzige Grund dafür. In Weimar, das ja unmittelbar neben dem KZ Buchenwald gelegen ist, stürzt in einer Schlüsselszene ein Fremder auf Thomas Mann zu, er solle doch bitte in seiner Rede auf die neue Verwendung des KZs aufmerksam machen, das nun der Kasernierung von politischen Gefangenen der Sowjets dient. Der Schöngeist verliert kein Wort darüber, die Tochter verlässt den Vortragsraum, immerhin ohne Türenschlagen.

Thomas Mann, 1929. Foto: Von Nobel Foundation – https://www.nobelprize.org/images/mann-12963-portrait-mini-2x.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6282140

Einen kleinen Showdown gab sie dennoch zum Besten. Ihre schallende Ohrfeige vor versammeltem Publikum galt ihrem früheren Kurzzeit-Ehemann Gustav Gründgens (Joachim Meyerhoff).

Der Film ist ein emotionales Roadmovie, das von Frankfurt am Main bis nach Weimar durch Ruinen und Trümmer führt, und ist bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend und hochkarätig besetzt. Sandra Hüller spielt nicht nur umwerfend, sie kann sogar mit dem riesigen Amischlitten, einem Buick, locker mit der Handschaltung umgehen und lenkt „das schwarze Schiff“ spielend leicht rückwärts oder, sollte ich sagen, achterlich.

Dabei galt es, das zerbombte Eichendorffschloss im oberschlesischen Slawikau (polnisch Sławików, Polen) ihrem Vater zu zeigen und damit auch uns. Die Schlossruine diente als Szenerie für das vom Krieg zerstörte Deutschland der Nachkriegszeit, wobei wir bei den Kulissen wären.

Als die Frankfurter Paulskirche, auch bekannt unter dem Namen Wiege der Demokratie in Deutschland, diente die Erlöserkirche in Wałbrzych (Waldenburg) in Niederschlesien (Polen). Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Der Location-Scout (oder waren es mehrere?) muss hohe Spritkosten gehabt haben. Das regennasse Kopfsteinpflaster wirkt anheimelnd romantisch, das Ausmaß der Zerstörung dagegen erschreckend und Existenzangst einflößend.

Als Kulisse für die Reise durch Deutschland dienten viele Orte in Polen, damals Schlesien. Historisch gesehen gehörte das nach wie vor deutsche Görlitz von 1815 bis 1945 auch zur preußischen Provinz Schlesien, geografisch und kulturell liegt die Stadt jedoch in der Oberlausitz.

Wie auch immer, Görlitz ist bei Filmschaffenden unter dem Namen „Görliwood“ bekannt. Die ostdeutsche Stadt direkt an der Grenze zu Polen hat sich diesen Namen verdient, weil ihre historische Altstadt fast vollständig im Zweiten Weltkrieg unversehrt blieb und Kulissen für zahlreiche internationale Großproduktionen bietet. So diente beispielsweise für „The Grand Budapest Hotel“ das Kaufhaus Görlitz als Hauptkulisse. Auch für die Filme „Inglourious Basterds“, „Der Vorleser“ und „In 80 Tagen um die Welt“ stand „Görliwood“ Pate.

Die Unversehrtheit ist der Ironie des Schicksals zu verdanken. Tatsächlich fehlte der DDR das Geld für den Abriss – was sich im Nachhinein als großes historisches Glück für die Stadt erwies. Dass die Görlitzer Altstadt heute fast vollständig unzerstört und original erhalten ist, verdankt sie einer Kombination aus ausgebliebenen Kriegsschäden und dem chronischen Geld- und Materialmangel des DDR-Regimes.

Im Mai feierte „Vaterland“ Weltpremiere in Cannes und wurde wie schon 2018 „Cold War“ abermals mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Der Preis ist einer der vier Hauptpreise des Festivals.

Zum Ausmaß der Zerstörung zählt auch der Verlust jeden Glaubens, der an die Menschheit und der an Gott, aber gegen Ende des Films fällt sinngemäß der Satz: Die Musik von Bach habe die Kraft, Menschen an Gott glauben zu lassen, und beim Finale zeigt Thomas Mann dann doch Gefühl. Auf das „Asche zu Asche“ im Zusammenhang mit dem Verlust seines Sohnes folgt ein „Wasser zu Wasser“, erst Bach hören, dann weinen.

Im Jülicher Kulturbahnhof wird der Film am MO 26|10 und DI 27|10 jeweils um 20 Uhr zu sehen sein.

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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