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Inselwelten

Peers Kinokolumne widmet sich heute den cineastischen Betrachtungen vom Land im Wasser.

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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Warum sind wir Menschen so fasziniert von Inseln? Diese Faszination lässt sich psychologisch, evolutionär und kulturell erklären. Unsere moderne Welt ist komplex, laut und oft auf überwältigende Art anstrengend oder gar beängstigend. Inseln wirken auf unsere Psyche wie überschaubare Miniaturwelten.

Sie sind eine perfekte Projektionsfläche für menschliche Träume und sättigen die Sehnsucht nach Überschaubarkeit. Auf ihnen gelingt es, den Alltag zu vergessen mit seinen vielen Verpflichtungen und der uns überfordernden Reizüberflutung. Die geografische Begrenztheit gibt unserem Gehirn ein Gefühl von Struktur, Ordnung und Kontrolle.

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Einfach mal „abtauchen“. Der schiffbrüchige „Robinson“ und die Insassen des abgestürzten Flugzeugs in der Mystery-Serie „Lost“ landeten auf einer Insel. Inseln stehen für das Paradies, für Abenteuer und auch für einen Neuanfang.

Aus evolutionärer Sicht bietet ein von Wasser umgebenes Terrain einen klaren Schutz vor Gefahren mit dem Wasser als natürlicher Barriere gegen Feinde. Gleichzeitig hat der Blick auf das endlose Meer eine tiefe, beruhigende Wirkung auf den menschlichen Geist.

Diese Kino Kolumne beschäftigt sich mit drei erst kürzlich entstandenen Filmen, die auf deutschen Inseln spielen oder von ihnen handeln.

„Amrum“
„Amrum“ lief bereits im KuBa-Kino und war Gegenstand einer Kinokolumne. Viele von Euch haben wohl eine der drei Vorstellungen im November 2025 gesehen. Um einige Eindrücke in Erinnerung zu rufen, braucht Ihr nur den Hyperlink anklicken und schon watet Ihr wieder durch das Watt dieser Nordseeinsel und spürt die aufkommende Flut.

Kleine Gedächtnisstütze: Das historische Drama „Amrum“ von Fatih Akin erzählt die an Tatsachen orientierte Coming-of-Age-Geschichte des späteren Filmregisseurs Hark Bohm. Im Film heißt er Nanning, der im Frühjahr 1945 mit seiner Familie aus dem zerbombten Hamburg auf die Nordseeinsel flieht.

Während der Junge in der rauen Natur hart anpackt, um das Überleben der Familie zu sichern, bricht für seine Mutter, eine glühende Nationalsozialistin, mit dem nahenden Kriegsende eine Welt zusammen. Als diese nach Hitlers Tod depressiv jede Nahrung verweigert, begibt sich Nanning auf eine abenteuerliche und beschwerliche Odyssee über die Insel und das Wattenmeer, um ihr einen letzten sehnlichen Wunsch nach einem Stück Weißbrot mit Butter und Honig zu erfüllen.

Hark Bohm war maßgeblich am Entstehen des Films beteiligt und konnte den fertigen Film, der ihm ein Denkmal setzt, noch kurz vor seinem Tod erleben.

„Der Heimatlose“
In dem Spielfilm-Debüt „Der Heimatlose“ von Kai Stänicke kehrt der 32-jährige Hein (Paul Boche) in das Heimatdorf seiner Nordseeinsel nach 14 Jahren Abwesenheit auf dem Festland zurück. Er wird wie ein Fremder empfangen und behandelt.

Diese fremdenfeindliche Ausgrenzung des gebürtigen Insulaners macht dieser spannende Film zum Thema. Vor dem Hintergrund eines sehenswerten Inselerlebnisses versuchen wir Zuschauer die Hintergründe dieser spannenden Beziehungs-Geschichte zu verstehen. Stichworte wie Verrat eines Abtrünnigen, Ab- und Ausgrenzung, Vergebung und Abbitte stehen dabei im Vordergrund und vor allem das Schlüsselwort queer.

Kann es sein, dass eine Mutter ihren eigenen Sohn nicht wiedererkennt? Um zu klären, ob er wirklich der ist, für den er sich ausgibt, berufen die misstrauischen Dorfbewohner ein absurd wirkendes Dorfgericht ein, bei dem die widersprüchlichen Erinnerungen der Beteiligten die Gemeinschaft in ein feindseliges Pulverfass verwandeln.

In „Der Heimatlose“ wird der Inselname nicht explizit genannt. Es geht mehr um eine Inselsituation im metaphorischen Sinne. Gedreht wurde „Der Heimatlose“ auf den ostfriesischen und nordfriesischen Nordseeinseln Norderney und Sylt.

Auf Norderney entstanden fast alle Szenen im Insel-Inneren einschließlich des speziell errichteten Holzhütten-Dorfes und des Outdoor-Gerichtssets. Auf Sylt wurden alle Szenen gedreht, die direkt am Meer spielen.

Der mehrfach unter anderem in San Francisco ausgezeichnete Film wurde insbesondere bei seiner Weltpremiere auf der Berlinale 2026 beim Teddy Award mit dem Jury-Preis ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „Sich zwischen Gewissheit und Zweifel bewegend […] ist dieses Werk eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der fragilen Natur von Identität und dem schwer greifbaren Terrain der Erinnerung.“ … „Das Film-Drama überzeugte … vor allem dadurch, wie es das sensible und universelle Thema des queeren Coming-outs und der eigenen Vergangenheit im Rahmen eines parabelhaften Dorfgerichts verhandelt.“

Ich als Zuschauer habe eine Weile gebraucht, um den Grund der Ausgrenzung zu realisieren. Regisseur Kai Stänicke hat für sein Drama stark aus seiner eigenen Biografie geschöpft und hat den schmerzhaften Kontrast zwischen der Sehnsucht nach Zugehörigkeit in einer eingeschworenen Gemeinschaft und der eigenen Selbstbehauptung außerhalb dieser engen Welt selbst erlebt. Kai kombiniert seine eigenen intimen Gefühle mit einer radikalen, von Lars von Trier inspirierten Ästhetik.

Von Triers Meisterwerk „Dogville“ (2003) diente Stänicke als direktes inszenatorisches und visuelles Vorbild, indem auch er sich auf ein minimalistisches Set-Design beschränkt und auf reale, geschlossene Gebäude völlig verzichtet. Die Kulissen des Dorfes bestehen lediglich aus kargen Hausfassaden, Fußböden und einzelnen Wänden, die wie potemkinsche Dörfer wirken.

Während von Trier sein Dorf mit Kreidestrichen in einer dunklen Studiohalle aufzeichnete, versetzt Stänicke dieses Prinzip in die Natur. Die künstlichen Kulissen und Möbel stehen direkt auf dem echten Sand und in den Dünen der Nordseeinsel Norderney.

Der Film nutzt analog zu „Dogville“ Vogelperspektiven. Dadurch wirken die Figuren in der künstlichen Staffage isoliert und klein, was den Charakter einer experimentellen Versuchsanordnung unterstreicht.

„Hiddensee“
„Hiddensee“ unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den ersten beiden Beiträgen als Insel und als Film. Als Ostseeinsel ist der Tidenhub mit 10 bis 20 Zentimetern wesentlich geringer, was viele Konsequenzen hat. Sie liegt wie Rügen im Bereich der ehemaligen DDR, hat also eine ganz andere, besondere, ich nenne es mal, Sozialisation.

Es handelt sich diesmal nicht um einen Spiel-, sondern um einen 223-minütigen Dokumentarfilm, nicht in Farbe, sondern in dem abstrakteren Schwarz-Weiß. Annekathrin Hendel hat fast alles selbst bewerkstelligt: Buch, Regie, Kamera und auch noch die Produktion.
Die 1964 in Ostberlin geborene Dokumentarfilmerin hat seit 1999 bei 13 Filmen Regie geführt und bei 32 Filmen für die Produktion verantwortlich gezeichnet.

Die Insel Hiddensee gilt seit jeher als Sehnsuchtsort für Künstler, Aussteiger und Menschen auf der Suche nach Freiheit. Der Film verfolgt die Geschichte der Insel über ein Jahrhundert hinweg. Persönliche Schicksale treffen auf politische Veränderungen und kulturelle Brüche.

Von den goldenen 1920er Jahren führt der Spannungsbogen bis in die Gegenwart, wobei auch die Folgen des Nationalsozialismus und aktuelle gesellschaftliche Spannungen thematisiert werden. Wir erleben die Insel als Wohnort, als Ausflugsziel und Stätte alltäglicher Lokalpolitik. Sowohl der Bürgermeister als auch der Dorfpfarrer kommen ausgiebig zu Wort.

Der informative Film zeigt die Insel, so wie sie war und ist, also nicht im Format einer schöngefärbten Tourismusverlockung. Genau dies weckt in mir die Neugier, die Insel endlich einmal zu erleben.

Die Bindung berühmter Persönlichkeiten an die Insel zeigt interessante Facetten kulturellen Lebens. Gerhart Hauptmann, Asta Nielsen und Gret Palucca hatten sich für Hiddensee entschieden. Der Film zeigt Auftritte des Sängers Jürgen Drews und des Kabarettisten Uwe Steimle.

Die Schauspielerin Barbara Schnitzler spricht über ihren Vater, den DDR-Propagandisten Karl-Eduard von Schnitzler. Annekathrin erinnert auch an den Kinderfilm „Lütt Matten und die weiße Muschel“, der 1963 auf der Insel gedreht wurde.

Tipps für alle, die an Alleinstellungsmerkmalen dieser Insel interessiert sind.

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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