Umtriebig, das ist wohl das Wort, das den meisten Menschen zu Yvonne Pier einfallen würde. So viele Dinge hat die junge Frau schon gemacht, erlebt und organisiert, und es ist gar nicht so einfach, da einen Überblick zu erlangen als Außenstehende.
Der rote Faden, der sich durch alles zieht, scheint aber ihr steter Wille zu sein, Menschen zu helfen unabhängig vom System, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Etwas, dass als Frau und Mutter auch noch in den jüngeren Generationen schwer zu erreichen ist; vielleicht sogar wieder schwerer. Aber beginnen wir etwas weiter vorne.
Geboren wurde Yvonne Pier in der ehemaligen DDR. Ostdeutschland, eine Kleinstadt, grob in der Nähe von Chemnitz. Kurz vor der Wende stellen ihre Eltern einen Ausreise-Antrag und bekommen wenig Zeit später die Nachricht, dass sie innerhalb von 24 Stunden ausreisen dürfen / müssen. So lief das nämlich in diesem System, und so kommt die damals Fünfjährige nach einem kurzen Aufenthalt in einer Auffangstelle zusammen mit ihren Eltern nach Jülich. Dort wohnten schon Freunde der Familie. Im Laufe der Zeit wurde aus dem doch eher zufällig gewählten Ort eine Wahlheimat, und Yvonne Pier absolvierte hier ihre Schullaufbahn und machte eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin, auf die sie auch noch ein Studium der sozialen Arbeit folgen ließ. Erst arbeitete sie mit Kindern und Jugendlichen, später in der Erwachsenenbildung. Tätig war sie überwiegend konzeptionell in Führungspositionen. Und einer geht noch: Nebenher ließ sie sich zusätzlich zur Natur- und Wildnispädagogin und dann zur systemischen Beraterin ausbilden. Der Bezug zur Natur liege ihr einfach sehr. So bietet sie nebenberuflich Workshops und Kurse in diesem Bereich an.
In der Nähe von Jülich ist sie dabei immer geblieben und lebt zur Zeit im Nestmodell mit ihrem Teenie-Sohn aus zweiter Ehe. Mit diesem wird sie auch im Sommer eine sechswöchige Reise zu ihrem Sehnsuchtsort Thailand unternehmen. Sie sei wohl schon immer eine reisende Seele gewesen und im Geist unterwegs. Ihre Mutter erzählte ihr, dass sie sich auch schon als Kleinkind nicht aufhalten lassen habe und eine offene Tür immer gerne als Einladung zu einem Ausflug verstanden habe. Überhaupt ist auch dieser Mut ein roter Faden, der erkennbar ist. Sie finde sich in ihrem Beruf heutzutage einfach nicht mehr wieder. Die soziale Arbeit bediene immer mehr ein System und trimme Menschen darauf, funktionsfähig für eben dieses System zu sein, ohne den Blick auf das Individuum dahinter und die Baustellen, die jeder für sich habe. Deshalb hat sie beschlossen, ihren Job zu kündigen und Anfang September mit dem Fahrrad auf die Reise zu gehen. Zunächst einmal einfach in Richtung Süden und Wärme. Bis etwa Portugal möchte sie dabei kommen. Mitte Dezember, zu Weihnachten, soll ein kurzer Zwischenstopp in der Heimat bei ihren Kindern folgen, bevor es dann ab Januar ab Portugal wieder weitergehen soll. Wohin genau und wie lange, darauf möchte sie sich noch nicht festlegen und eher mal schauen, wie weit sie komme und wohin es sie treibe. So lange eben, bis sie die Erkenntnis habe, wie es für sie weitergehen könne.
In Yvonne Piers Augen ist das Ganze nicht so mutig. Für sie erscheint es viel mutiger, in einer Situation zu verweilen, die einen nicht glücklich mache. Überhaupt beherrscht die junge Frau es sehr gut, sich abzugrenzen. Sie frage sich immer: Was kann ich leisten, ohne dass es mich zu viel kostet, und was tut mir gut? Selbstfürsorge sei ein wichtiger Schlüssel für mentale und körperliche Gesundheit. Gerade Frauen, im Speziellen Müttern, falle dies immer noch schwer. Ihre Kinder sind dabei größtenteils fein mit der Aussicht, dass ihre Mutter längere Zeit auf Reisen und nur digital erreichbar sein wird. „Meine erwachsene Tochter hatte da eher Schwierigkeiten als mein jüngerer Sohn“, schmunzelt Pier. Kurz habe es auch die Überlegung gegeben, dass dieser sie auf der Reise begleiten solle. Er habe sich dann aber dagegen entschieden. Es wird sicher nicht die letzte Gelegenheit sein, mit seiner Mutter zu reisen.
Sie selbst sei kein ängstlicher Mensch. Der Plan sei ja auch, vor allem in der Natur unterwegs zu sein, und in einsamen Wäldern seien selten Serienmörder unterwegs, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Auf die Frage, wie sie sich das Projekt finanziell denn leisten könne, antwortet sie, dass sie dafür schon länger spare. Vier Jobs macht sie, um möglichst viel Geld auf die Seite legen zu können, und auch während der Reise möchte sie gerne Jobs annehmen – Work and Travel eben.
Wer neugierig ist: Auf ihrem Instagram Account wird Yvonne Pier ihre Reise sicherlich dokumentieren.
















