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An- und Einsichten eines Chemikers

Die laufende Ausstellung des Kunstvereins im Hexenturm zeigt Bilder von Cengiz Ergün.

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Foto: Volker Goebels
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Die Hängeplätze im Hexenturm sind ausgereizt. Cengiz ist fleißig. Manchmal geht es ruck-zuck, aber manche Bilder reifen über ein Jahr lang. Er hatte seinen Transporter bis an den Rand voll gepackt mit der Auswahl von Bildern, die er zusammen mit unserem Schatzmeister Gerold Malß und mir zuvor in Köln getroffen hatte. In Köln lebt seine Familie, in Italien hat er sein Atelier. Von dort hatte er schon vor Weihnachten einen Großteil seiner Bilder nach Köln transportiert, was dazu führte, dass das Wohnzimmer in seiner eher kleinen Wohnung den Charme eines Lagerraums gewonnen hatte, aber immerhin mit Blick auf Dom und Fernsehturm.

„Evolution“ hat der 1951 in der Türkei geborene Künstler seine Ausstellung genannt. Dieser Titel ist unter anderem seiner eigenen Entwicklung als Künstler geschuldet, die schon in Kindertagen begann und zwar unter erschwerten Bedingungen. Cengiz war noch ein Kleinkind, als der Vater die Familie verließ, was die ohnehin wirtschaftlich angespannte Situation noch verschärft hat. Seine ersten Pinsel waren Fundstücke. Für derlei gab es kein Geld. Er hält sie auch heute noch in Ehren. In seiner familiären Umgebung hatte Kunst keinerlei Stellenwert. Seine Verwandten haben im Winter in seiner Abwesenheit viele seiner Kunstwerke, in denen zum Teil drei Monate Arbeit steckte, in wenigen Minuten zur Wärmegewinnung verheizt.

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Der schlimmste Schicksalsschlag im Leben von Cengiz Ergün war das Erdbeben in seiner Geburtsstadt Antakia 2023, wobei Cengiz 90 Prozent seiner Verwandten und die Hälfte seiner dort lebenden Freunde verloren hat. Zudem wurde sein Frühwerk zerstört. Als Kind lebte Cengiz im alten Holzhaus seiner Großmutter. Jeden Abend vor dem Einschlafen beobachtete er die Risse in den Wänden und die Brüche in den abblätternden Oberflächen. Diese Strukturen beflügelten seine Phantasie. In späteren Jahren hat er die Wolken beobachtet. Ob Wand oder Wolke, Cengiz nahm die darin versteckten „Botschaften“ auf und gab ihnen zeichnerisch eine neue Bedeutung mit neuen Inhalten. Umgekehrt hat er eine für ihn bezeichnende Manier entwickelt. Beispielsweise versteckt er gerne in wellenartig gestalteten Flächen, die der Betrachter folgerichtig als Wasser interpretiert, eine Vielzahl kleiner Figuren oder sonstige Lebewesen.

So geraten viele seiner Bilder in einer zweiten Bedeutungsebene zu Rätselaufgaben oder Suchbildern. Den Acrylfarben gibt er inzwischen gegenüber den Öl gebundenen Pigmenten den Vorzug. Seine Bilder erstrahlen alle in einem ihnen ganz eigenen Glanz. Sein Start in der Schule war schwierig, aber ab der vierten Klasse stellten sich Erfolge ein. Mit neun begann er seine Bekannten zu porträtieren. Mit den Darstellungen seiner Verwandten bei häuslichen Tätigkeiten, hat er ihnen ein Denkmal gesetzt. Seine Kopien von Renaissance-Gemälden brachten ihm große Anerkennung in der Schule sowohl bei den Lehrern als auch bei den Mitschülern. Zu Hause dagegen fand seine künstlerische Ader keine Unterstützung. Er hat in jungen Jahren in Fabriken arbeiten müssen. In der Gymnasialzeit hat er seine Kunst professionalisiert und fertigte Auftragsgemälde für Lehrer und Privatpersonen an. 1973 kam er mit dem Ziel, Kunst zu studieren nach Deutschland. Weil sein türkisches Abitur nicht anerkannt wurde, schrieb er sich im Studienkolleg ein, auf Drängen der Mutter im naturwissenschaftlichen Zweig.

Cengiz und ich sind uns im ersten Semester Chemie begegnet. Das liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Parallel zu den Experimenten hat er während seiner Promotion im Labor gemalt. Sein Professor hat es nicht nur geduldet, er hat ihn regelrecht bedrängt, ihm ein bestimmtes Bild, in das er sich verguckt hatte, zu verkaufen. Noch kurz vor der Ausstellungseröffnung war Cengiz in Sachen Chemie in China. Sein Fachwissen ist noch immer gefragt. Mit seinem Gemälde „S.O.S.“ erlangte er seinen größten künstlerischen Erfolg. Bei einem Malwettbewerb mit 2500 teilnehmenden Künstlern wurde es als eines der drei besten gekürt. Die Freundschaften aus der Studienzeit haben ihre Treue bewahrt. Noch nie waren so viele Chemiker im Hexenturm.

Die Ausstellung im Hexenturm ist samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr bis einschließlich 22. März geöffnet. Eintritt frei.

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Peer Kling
Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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