Wer sich im Genre des True Crime bewegt, muss sich mit ethischen Fragestellungen beschäftigen. Beispielsweise: Was ist der Fokus? Wie auf den Blutspritzer genau beschreibe ich die Tat? Und wie sehr bediene ich die Lust an der Grausamkeit des Mörders – statt der Erinnerung ans Opfer?
So wird es auch Dramaturgin Kathrin Liebhäuser ergangen sein, die für das Ensemble OPUS 45 und Rezitator Roman Knižka den textlichen und fachlichen Unterbau geschrieben hat. „Es war Mord!“ heißt das neue Programm unter dem Dach der Demokratiebildung. Nun feierte es in der Jülicher Schlosskapelle seine NRW-Premiere.
Es sei nie eine leichte Aufgabe, Begrüßungsworte für die Programme zu finden, gab Bürgermeister Axel Fuchs in seiner diesmaligen Rede zu. Dabei habe er gedacht, dass es diesmal einfacher werde. Das sei ein Trugschluss gewesen. In der 12. Jülicher Vorstellung des Ensembles insgesamt sollte es um Menschen gehen, die sich für ihre Überzeugungen engagierten und letztlich – in drei von vier Fällen durch vom Staat legitimiertes Handeln oder staatliches Versagen – ermordet wurden.
So amüsant es klingt, wenn das musikalische Programm unter Leitung von Hornist Benjamin Comparot mit dem Pink Panther Thema – passend zu den Detektiv-Filmen – bis hin zu einem Friedenslieder-Medley ein paar Spitzen hatte, so eindringlich wurde doch klar: Hier geht es um ernste Themen. Die Stimmung setzte mit jedem neuen Kapitel Sergei Prokofjews „Tanz der Ritter“, genauso wie diverse andere klassische Musik, die dem geneigten Film- und Fernsehpublikum aus verschiedensten Kriminal-Szenen bekannt sein dürfte. Da stellt sich die Frage, die Knižka zu Beginn Angesichts des heutigen riesigen Krimi-Angebots formulierte: Warum interessieren sich so viele eigentlich friedliche Menschen für solche schlimmen Taten?
Liebhäuser hatte dafür gesorgt, dass die Show kein Ergötzen am Leid Anderer wurde. Im Gegenteil: Es war ein Weitertragen der Vermächtnisse. Eine Erzählung der Lebensgeschichte, statt ihrer Tode. Petra Kellys Einsatz für die Umwelt, gegen den Klimawandel, der „noch Waldsterben“ hieß, gegen Atomkraftwerke und für den Frieden wurden weit ausgeführt und stellte ihre Überzeugungen vor. Was für ein beeindruckendes Leben zwischen Amerika, alternativem Friedensnobelpreis und als eine der Initiatorinnen des friedlichen Sitzblocken-Protestes sie hatte.
So auch Matthias Erzberger: Er wurde in der Zeit der Weimarer Republik als Teil der „Dolchstoßlegende“ diskreditiert – also fälschlich beschuldigt, Grund zu sein, dass der erste Weltkrieg verloren wurde. Und das, wo er sich bereits gegen Widerstände durchgesetzt und die Leistung vollbracht hatte, als damals jüngster Abgeordneter und völlig ungewöhnlicherweise ohne Adelstitel, Militärdekoration, Landbesitz oder andere industrielle Verbindungen in den Reichstag zu kommen. Als erster Finanzminister stellte er ein neues Steuersystem auf, das die Menschen, die sich stark am Krieg bereichert hatten, „zur Kasse bitten“ wollte.
Knižka stellte auch das Verhör Hans Littens in verteilten Rollen dar und machte es somit besonders greifbar. Adolf Hitler, der sich im Zeugenstand dagegen wehrt, dass die NSDAP das brutale Vorgehen ihrer Anhänger – in diesem Fall eine lebensgefährliche Verletzung von Kommunisten – billigen würde und geradezu ausfallend wird. Dass Litten dieses juristische Vorgehen überhaupt erreicht hat, ist überraschend. Aus heutiger Sicht, vielleicht auch der damaligen, könnte man sagen: Es ist ein errungener Sieg. Wenn man nicht wüsste, was daraus resultierte. Ähnliches könnte man über das Werk Anna Politkowskaja sagen. Eine Journalistin, welche die Grausamkeiten des Tschetschenien-Krieges ungeschönt darstellte. Die mit Geiselnehmern diskutierte, um ihre Geiseln frei zu bekommen – und das Regime kritisierte, das alle Geiselnehmer und Geiseln mit Giftgas tötete, um die Situation zu lösen. Eine Frau, deren Motto ihrer Tochter Vera zufolge lautete: „Seid mutig und nennt die Dinge immer beim Namen. Diktaturen eingeschlossen.“
All diesen Menschen und ihrem Mut wurde vom Ensemble eine Bühne gegeben. Aus der Erzählung ihrer Geschichte und ihres Opfers wurden die Lehren und Werte diese besonderen Personen, die dem Publikum vielleicht teilweise oder auch gar nicht vorher bekannt waren, weitergegeben. Und bis auf den Tod Petra Kellys, bei dem staatliche Willkür oder staatliches Versagen nicht unbedingt die erste Vermutung ist, schwang immer mit: In undemokratischen Staaten zu leben oder solchen, die die Demokratie nicht genug schützen, ist gefährlich für jene, die dies versuchen. Umso wichtiger die, die es trotzdem tun.
Sicher kam auch zu Wort, wie die Menschen starben. Doch ging es bei der Einordnung eher darum, darzustellen, dass beispielsweise der Tod des ehemaligen Reichsfinanzministers und Zentrum-Politikers Matthias Erzberger sowie der russischen Journalistin Anna Politkowskaja eindeutige Hinrichtungen waren. Und bei Petra Kelly wurde der vermutete Tathergang deshalb genau beschrieben, weil – so wurde unterschwellig klar – einige mögliche Unstimmigkeiten zu finden sind. Etwa ein abgebrochener Brief ihres Partners sowie ein Brief vom Tag davor an ihre Großmutter, in dem Kelly ihr ankündigte, bald zu Besuch zu kommen. Wurde sie von ihrem Lebensgefährten umgebracht? In jedem Fall befand das Programm: Einverständnis wird sie im Moment ihres Todes vermutlich nicht gezeigt haben.
Besondere Brutalität wurde nur beim Leben Hans Littens, dem Anwalt, der erfolgreich Hitler vorlud um ihn zu Handlungen von NSDAP-Anhängern Stellung nehmen zu lassen, gezeigt. Das hatte aber den Hintergrund, seine staatlich legitimierte Folter in verschiedenen Konzentrationslagern aufzuzeigen – und seine trotz allem ungebrochene Überzeugung. Eindrücklich, wie Roman Knižka scheinbar mit gebrochenen Gliedern am Tisch einen Brief mit versteckten Botschaften an Littens Mutter rezitiert. Oder als Hans Litten ein Seil knüpft, nur um dann aus „Die Gedanken sind frei“ zu zitieren: „Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke, denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei“ – um dann das Seil fortzuschleudern. Im Hintergrund summte das Bläsersensemble eindrücklich die bekannt Melodie dazu.
Und wenn es von den Tätern die Rede war, dann, um zu zeigen, wie sie davonkamen und teilweise vom Staat geschützt wurden. Und um zu zeigen, wie zerrüttete Gesellschaften so etwas ermöglichten. Wie kann es sein, dass Erzbergers Mörder außerhalb des Deutschen Reichs in Saus und Braus lebten, um nach der Machtergreifung Hitler als Helden zurückzukommen und erst von der USA nach dem zweiten Weltkrieg angeklagt wurden – und ihre Strafen nicht ganz absitzen zu müssen? Carl Diez, der zum Todeszeitpunkt Erzbergers mit diesem unterwegs war und ebenfalls getroffen wurde, traf einen von ihnen zufällig auf der Straße. Zwischen 30.000 Menschen an Erzbergers Begräbnis und dem Hohn, der seinem Tod aus anderen Gesellschaftsteilen entgegenschallte. Die Darstellung von Putin, der Politkowskajas Bedeutung in einem Interview herunterspielte und behauptete, ihr Tod habe der Regierung mehr geschadet als ihre Artikel, macht fast wütend. Nicht umsonst soll sie gesagt haben „Wenn ich getötet werde, sucht die Mörder im Kreml“. Und Littens Mutter, die über die Beerdigung ihres Sohnes sagen würde: „Ich wusste, dass ich mit den Mördern meines Sohnes an seiner Leiche stand“. Momente, die auch in der Art der Schilderung von OPUS 45 das Blut in den Adern gefrieren lassen. „Wie kann es sein?“, fragt sich das Publikum. „Wie darf das sein?“
OPUS 45 und Roman Knižka überzeugen wieder einmal in einem Gesamtkunstwerk aus Musik und Text, das über Menschen aufklärt, die trotz ihrer Wichtigkeit fast in Vergessenheit geraten sind. Und sie zeigen, wie wichtig es ist, dass man sich für eine funktionierende Demokratie einsetzt. Am Ende geht man aus der Veranstaltung und ist um einige Inspirationen vergangener Persönlichkeiten reicher – und die bei jedem Programm einschlagende Erkenntnis: „Das darf nie wieder passieren.“




































