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Wie schön ist die neue Welt?

„Ich fordere das Recht auf Unglück!“ – Der Q1-Literaturkurs setzte sich im Klassiker „Schöne neue Welt“ kritisch mit dem Streben nach Glück auseinander. Ein Gastbeitrag von Ingo Wahlen.

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Das Ensemble der Q1 brachte "Die schöne neue Welt" eindrucksvoll auf die Bühne. Foto: Ingo Wahlen
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„Jeder Mensch ist heute glücklich, jeder Mensch ist heute froh.“ Diese vermeintlich erstrebenswerte Maxime bestimmt als verordneter Dauerzustand das fehlerfreie Funktionieren der optimierten Gesellschaft in Aldous Huxleys Dystopie. Mit dieser auch heute aktuellen Romanvorlage setzte sich der Literaturkurs der Q1 des Gymnasiums Zitadelle Jülich unter der Leitung von Magdalena Miotke das gesamte Schuljahr über auseinander. Die Ergebnisse dieser Vorbereitung wurden jetzt im voll besetzten Theatersaal des Gymnasiums Zitadelle auf die Bühne gebracht, wobei die anspruchsvolle Vorlage in eine dichte, eineinhalbstündige Theaterfassung umgemünzt wurde.

Die Inszenierung begann jedoch nicht erst auf der Bühne. Vielmehr wurde dem Publikum bereits an der Eingangstür die romantypische Droge Soma in Form von Süßigkeiten mit auf den Weg gegeben. Um den komplexen Romanstoff bühnengerecht zu straffen, wählte der Kurs eine geschickte erzählerische Brücke: Zwischen den einzelnen Szenen wurden Videoausschnitte eingespielt, in denen der Protagonist John Savage das Geschehen aus seiner Sicht kommentierte. Diese mediale Ebene wurde von der Technik-Crew, bestehend aus Leonard Kutschke, Maurice und Sören Doltt, Philipp Tweddell-Krumbügel und Tobias Werths, nahtlos in das dramaturgische Gesamtkonzept eingewoben. Durch den gezielten Einsatz von Licht, Musik und atmosphärischen Umgebungsgeräuschen wie Vogelzwitschern lenkten sie die Wahrnehmung des Publikums durch die gegensätzlichen Welten des Stücks. Mittels Beamer-Projektionen ließen sie die sterilen, technisierten Privaträume der Oberschicht entstehen, um kurz darauf den visuellen Wechsel in die unberührte, raue Natur der äußeren Zone zu vollziehen.

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Inmitten dieser digital erzeugten Kulissen wurde das Publikum zunächst mit der vermeintlichen Utopie der herrschenden Klasse konfrontiert. Wie reibungslos das System der lückenlosen Konditionierung funktioniert, machten die Darstellungen der systemtreuen Charaktere deutlich: Henry Foster (gespielt von Elias Klocke und Gentrit Selimi) sowie Benito Hoover (Joshua Stab und Nikita Michaltschuk) verkörperten die perfekten, kritiklosen Nutznießer dieser Welt, assistiert von Fanny Crowne (Mariella Vitanza-Lima und Josie Bremter). Über all dieser vermeintlichen Harmonie wacht die administrative Macht, dargestellt von Jona Görmann in der Rolle des Präsidenten Benedikt Danone. Diese scheinbar makellose Fassade gerät jedoch ins Wanken, als Bernard Marx (Felix Frechen und Len Biermann) seine eigene Isolation in dieser angepassten Masse spürt. Gemeinsam mit Lenina Crowne (Elena Nastasi und Smilla Meier), die sich im permanenten Spannungsfeld zwischen antrainierter Systemtreue und echten Emotionen bewegt, sowie Helena Watson (Gökçe Taşkin und Joleen Chorus), bricht er aus den vorgegebenen Denkmustern aus. Den Ensembledarstellern gelang es hierbei eindringlich, den schmerzhaften Wandel von blind funktionierenden Individuen hin zu eigenständig denkenden, dichtenden und somit auch fühlenden Menschen sichtbar zu machen.

Ganz in weiß: Szene aus der Inszenierung des Literaturkurses. Foto: Ingo Wahlen

Ein Wendepunkt der Handlung vollzieht sich mit der Reise ins Reservat der äußeren Zone. Dort treffen Bernard und Lenina auf „wilde“ Menschen, die abseits der Zivilisation leben, und bringen Linda sowie ihren Sohn John mit zurück in die Moderne. Die emotionale Fallhöhe dieser Konfrontation wurde auf der Bühne greifbar: Während Linda (Elisa Buers und Maria Danylyuk) rasch den Verlockungen der allgegenwärtigen Droge Soma erliegt, verzweifelt ihr Sohn John an der emotionalen Kälte der Wohlstandsgesellschaft. Inmitten einer empathielosen Bürokratie, die keine Abweichungen duldet, dargestellt durch die wechselnden Auftritte von Clara (Carrie Czerwonka), der Sekretärin Dalida (Antonia Jerusalem) und Joe (Julian Meffert), avanciert John zum radikalen Gegenpol des Systems. Die Hauptrolle des zerrissenen Außenseiters forderte den Hauptdarstellern alles ab. Am Donnerstag fesselte Fredi Jacobs das Publikum durch gefühlvolle, empathische Monologe und brachte Johns Verzweiflung mit dem Zitat „Tränen sind unerlässlich. Erinnern Sie sich nicht an Othellos Worte? ‚Wenn jedem Sturm so heitre Stille folgt, dann bläst, Orkane, bis den Tod ihr weckt!‘“ auf den Punkt. Am Freitag verlieh Ben Weinberger dieser Schlüsselfigur mit einer ganz eigenen, ebenso starken Präsenz Ausdruck. Während des Stücks sorgten Agnesa Selimi und Hasan Kandil bei der Soufflage im Hintergrund für einen stets sicheren Textfluss.

Am Ende der Aufführung mündete dieser unüberbrückbare weltanschauliche Konflikt im Streitgespräch zwischen der staatlichen Ordnung und dem rebellischen Außenseiter. Konfrontiert mit dem World Controller Mustafa Mond, dem Arthur Laube und Ayman Bensaid die nötige unerbittliche Autorität verliehen, gipfelte die Diskussion in den zentralen Worten: „Sie fordern das Recht auf Unglück.“ „Gut denn“, entgegnete der Außenseiter, „ich fordere das Recht auf Unglück.“ Mit diesem letzten Schlagabtausch bewegte sich das Stück auf sein tragisches Finale zu, in dem der Protagonist letztendlich an einer optimierten, aber sterilen und gefühlslosen Welt scheitert. So blieb es am Publikum, selbstkritisch zu hinterfragen, ob Glück als verordneter Dauerzustand auch in unserer heutigen Zeit von Selbstoptimierung und dopamingesteuerten Algorithmen eine erstrebenswerte Maxime darstellt. Daran anknüpfend blickte Regisseurin und Kursleiterin Magdalena Miotke am Ende des Stücks sichtlich stolz auf die gemeinsame erfolgreiche Zeit mit ihrem Ensemble zurück. Sie betonte abschließend, dass gerade in Zeiten zunehmender KI-Nutzung und scheinbarer Perfektion der Aspekt des echten, fehlbaren Menschlichen genau das sei, was nicht nur das Theater, sondern auch unser Leben besonders mache.


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