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Ingeborg Bachmann cineastisch betrachtet

Peers Kino Kolumne beschäftigt sich diesmal mit dem Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“.

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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Ingeborg Bachmann? Klar, kennen wir; aber ich zum Beispiel habe mich nie so wirklich auf sie eingelassen, habe sie immer relativ weit weg von meinem eigenen Leben gesehen, habe sie eher als schwierig, mit sich ringend und als Problem beladen empfunden; und dass sie auf mysteriös tragische Weise ums Leben gekommen ist, hat sie mir auch nicht näher gebracht.

Ich wäre gerne mal so ‘ne Stunde lang Deutschlehrer und würde eine zehnte Klasse fragen: Wie seht ihr Ingeborg Bachmann? Rechnen würde ich mit dem multiplen Schweigen gähnender Leere, aber wer weiß?

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Bin ja oft zu faul zum Lesen, schaue lieber Bilder. Die sagen mehr als 1000 Worte. Aber ich gestehe, ich habe mir nun in dem Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ von Regina Schilling mit Sandra Hüller so einiges von ihr vorlesen lassen. Und ich korrigiere mich beschämt: Das, was sie schreibt, ist total beeindruckend! Die Thematik, die Sprache, die Wortwahl.

Die, die es wissen müssen, sagen: Ingeborg Bachmann (1926–1973) gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Sie prägte die Nachkriegsliteratur durch ihre präzise lyrische und kompromisslose Sprache, die sich mit Wahrheit, Gewaltstrukturen, der Rolle der Frau und den Nachwirkungen des Krieges auseinandersetzte.

Bekannt wurde die Österreicherin in den 1950er-Jahren als Mitglied der Gruppe 47 mit Gedichtbänden wie „Die gestundete Zeit“ und Werken wie „Alle Tage“. Ich finde schade, dass sie mit der Lyrik so plötzlich und unerwartet aufgehört hat, aber ihre Prosa hat‘s ja genauso in sich.

Ihr letzter und einziger zu Lebzeiten erschienener Roman „Malina“ wurde zwei Jahre vor ihrem Tod 1971 veröffentlicht und endet mit dem Schlusssatz: „Es war Mord.“ Er war als erster Teil des geplanten Zyklus „Todesarten“ gedacht und wurde unter dem gleichen Titel verfilmt, lief 1991 im Wettbewerb in Cannes. Elfriede Jelinek schrieb das Drehbuch, und Werner Schroeter führte Regie. Ingeborg Bachmann beschreibt darin eindringlich und modern die Seelennot einer Frau in Wien.

Vor drei Jahren habe ich den Spielfilm „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ von Margarethe von Trotta mit Vicky Krieps auf der Berlinale mit Interesse geschaut und mit Erfolg dem KuBa-Programm empfohlen. Der Film hatte schöne Bilder, aber das Gezerre des vergeblich um ihr Glück ringenden Paares Ingeborg Bachmann / Max Frisch tat mir leid für die beiden. Bei den einen ist es die offene Zahnpastatube, bei denen war es unter anderem der maschinengewehrartige Krach der mechanischen Schreibmaschinen.

In dem neuen Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ steht nicht diese Beziehung im Vordergrund, sondern die Persönlichkeit der Schriftstellerin allein. Regina Schilling und ihr Team haben sich sehr viel Mühe gemacht, aus zahllosen Quellen dokumentarisches Material zu beschaffen und gekonnt zusammenzupuzzlen. Wie schwierig das mit der jeweiligen Klärung der Rechte ist, ahnen wir Zuschauer ja gar nicht.

Das Material ist aufschlussreich, aber der Zeit geschuldet; verständlicherweise, ich sag‘ mal, im Wochenschau-Schwarz-Weiß. Sandra Hüller, der drei meiner letzten Kolumnen galten, hat sich Regina Schilling als one and only gewünscht und bekommen, aber es gibt eigentlich gar nicht so recht etwas zu spielen für Sandra.

Sie ist zwar „die“ Bachmann, aber eher so als Deko, ganz in Farbe, so eine Art Kontrast und Kontrapunkt zu der echten, die die eigentlichen Inhalte selbst vermittelt. Ich finde das nicht uninteressant, aber schon auch mutig. Wie heißt es so schön? Dokudrama. Die Figur, um die es geht, kommt vor allem durch das unendlich sorgsam recherchierte Archivmaterial zur Geltung. Ich finde, das ist mehr als ok.

Ingeborg Bachmann ist genauso jung gestorben wie mein Vater: mit 47. Ihr Leben und besonders ihr Ableben empfinde ich als tragisch, aber ich bin ihr unter anderem dankbar für den Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Schon ziemlich vergeistigt alles, keine leichtfüßige Unterhaltung. Aber Danke, Cornel, dass Du den Film immerhin einmal im September-Programm des KuBa-Kinos zeigst.

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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