Wenn alles neu ist, möchte ich manchmal gerne davonrennen. Aus Gewohnheit und Angst kommt es mir dann klug vor, den nächsten Schritt nicht zu gehen. Dieses Mal hatte ich keine Chance. Ob es Absicht von mir selbst war, mich in diese Situation zu bringen? Definitiv. In meinem Kopf gab es keinen Weg zurück mehr. Also habe ich etwas Schlaf nachgeholt, geduscht, etwas gegessen und dieses Land leben und lieben gelernt. Wie es war? Es war wie frische Luft holen.
Meine Reise begann im August 2025. Ein Abschied, ein langer Flug, und zehn Stunden später lande ich in Namibia.
Das Erste, was mich traf, war diese Weite. Lange haben meine Augen nicht mehr so weit gucken können. Man schaut über das Meer und findet einfach kein Ende. Aber dieses Mal waren es Berge und Hügel, mit Büschen und Bäumen geschmückt, und ein paar Affen, die den Namen Baboons tragen. Es war kein Ende in Sicht. So viel Landschaft und Natur, als ob das Land nichts zu verbergen hätte.
Doch so offen dieses Land auch wirkt, so viel verbirgt es auch.
Die Woche Nummer 1 war ein Gefühlschaos, aber ich erinnere mich genau: Das erste Mal, dass ich mir vorstellen konnte, ein halbes Jahr zu bleiben, war nach drei Tagen an einem Sonntag im August.
Wir waren auf dem Village Market in Windhoek. Zu dritt haben wir dort Kaffee getrunken und die Sonne genossen. Dann stand er plötzlich vor uns: ein zwanzigköpfiger Chor mit Frauen und Männern, bestehend aus Jung und Alt. Sie haben sich vorgestellt und für den ganzen Markt gesungen und getanzt – mit einer Leidenschaft, die mich zu Tränen rührte.
Nach diesen ersten Eindrücken startete mein Projekt und so auch mein Alltag. Ich arbeitete im Home of Good Hope in Katutura. Morgens haben wir unsere Klasse mit 30 Kindern in Englisch und Mathe unterrichtet. Danach sammelten sich alle, und wir haben uns jeden Tag die Zeit genommen, gemeinsam zu singen. Diese Atmosphäre während der Lieder werde ich niemals vergessen und sie fehlt mir oft. Daraufhin teilten wir eine warme Mahlzeit für 1200 Kinder aus. Jeden Tag folgte derselbe Ablauf, und doch war kein Tag wie der andere.
Mein erster Projekttag begann beängstigend, denn mich beschäftigten viele Fragen: Werde ich dem allen hier gerecht? Werden die Kinder mich akzeptieren und mich mögen? Worauf werde ich stoßen, wenn ich gleich aussteige?
Die Antworten auf diese Fragen kamen schneller als gedacht. Ich stieg aus dem Auto aus, und die Kinder kamen mir entgegengesprungen. Mit niemandem habe ich je kürzer gebraucht, um mich zu verstehen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich über diese Fragen nie wieder nachgedacht, denn ich war ab dem ersten Tag mittendrin.

Doch mein Alltag spielte sich nicht nur im Projekt ab. Auch die Stadt Windhoek, in der wir lebten, hat mich viel beschäftigt. Wir nannten sie immer die Zwei-Welten-Stadt. So große Villen, dass man es sich kaum vorstellen kann: Aquarien in den Wänden, riesige Garagen, Pools sowohl im Innen- als auch im Außenbereich und so viel mehr Überfluss an Wohlstand unter nur einem Dach.
Die Nummer 2 für uns war Katutura – ein Stadtteil, in dem wir Volontäre arbeiteten und unsere Projekte hatten. Dort ist es voller Leben. Häuser sind selten, Wellblechhütten gibt es massig. Weit entfernt von Wohlstand und oft zu nah an dem Kampf zu leben. Von den schönen Seiten des Stadtteils zu erzählen, ist schwer, wenn man weiß, dass sich hinter den vielen Hütten und Menschen Geschichten verbergen, die vor Herausforderungen stehen, die kaum zu begreifen sind.
Aber ich möchte nicht von den Problemen und den tief erschreckenden Erfahrungen erzählen. Ich kann nur sagen, dass es für mich sehr wertvoll war, das selbst erleben zu dürfen. Viele von uns haben ein Bild von Afrika im Kopf, und das hatte ich auch. Aber die Realität ist viel komplexer. Sowohl die schwierigen Themen sah ich mit eigenen Augen als auch die Kraft von Spenden und Hilfestellungen, die so viel bewirken können.
Trotzdem ist das auch nur ein Teil der Geschichte.
Die meisten meiner Schulkinder konnten zwar oft sehr wenig Englisch sprechen, aber manchmal hat man durch die wenigen Worte so viel mehr verstanden. Besonders erinnere ich mich daran, jeden Morgen müde und verschwitzt in unsere Klasse zu kommen – und wenn sie dir noch nicht entgegengelaufen sind, sitzen auf einmal 30 grinsende Kinder vor dir. Sie freuen sich, dich zu sehen, und ich weiß, dass sie heute alle etwas lernen wollen. Trotzdem weiß ich auch, dass sie miteinander genügend Quatsch im Kopf haben, und das war genauso wichtig.
Ich erinnere mich, dass ich in dieser Zeit dachte, dass ich für immer glücklich sein werde. Vielleicht erreicht man dieses Gefühl prinzipiell öfter, wenn man weit genug von seinem eigenen Leben entfernt ist. Aber vor allem waren es die Kids, die mich verzaubert haben.

Nicht weit von der Innenstadt besuchten wir einen von Palmen und Gräsern geschmückten Friedhof. Nur wenige Meter entfernt lag ein unscheinbares Massengrab im Sand, das an die Opfer des Genozids von 1904 bis 1908 erinnert. Dazu gehören Angehörige der Herero und Nama, die während der deutschen Kolonialherrschaft systematisch verfolgt und getötet wurden und deren Schicksale bis heute oft im Verborgenen bleiben. Heute wird dieses Grab Stück für Stück mit großen Ferienhäusern überbaut. Dieser Kontrast verdeutlichte mir, wie viel Geschichte dieses Land in sich trägt und wie wichtig es ist, Geschichte aufzuarbeiten.
Von meinen vielen weiteren Reisen werde ich nur kurz erzählen, denn sie sind kaum in Worte zu fassen. Mein erster Eindruck von der Natur und Landschaft dieses Landes hat mich jedenfalls auf keiner Reise enttäuscht – und es ging noch weit darüber hinaus.
Es folgten Etosha und Sossusvlei. In der Weihnachtszeit erlebten wir Botswana, das Land der Elefanten, und bewunderten die Victoriafälle in Simbabwe. Über Silvester bereisten wir Kapstadt.
Es gab kaum Möglichkeit, all diese Eindrücke und Abenteuer zu verarbeiten, denn die Zeit raste schneller, als mir lieb war.
An meinem letzten Tag habe ich alle Schüler und Schülerinnen gebeten, ein Bild von sich zu malen. Meine Reise endete im Februar, und noch nicht alle, die seit Januar neu dabei waren, konnten ihren eigenen Namen schreiben. Aber sie haben sich alle Mühe gegeben und mir etwas gemalt. Es war beeindruckend, wie keiner von ihnen zögerte oder über diese Aufgabe erst einmal nachdachte. Sie wirkten, als wüssten sie genau, was sie aufs Papier bringen möchten, und als hätten sie nur darauf gewartet, dass jemand mal danach fragt.
Die Kids loszulassen und keinen Einfluss mehr auf ihre Schicksale zu haben, ist nicht einfach für mich. Ich habe niemanden „gerettet“ – aber ich durfte ein kleiner Teil ihres Alltags sein. Der Abschied fiel mir schwer, besonders als wir das letzte Mal sangen. Ich habe sehr geweint, und sie waren über diese Emotionen sehr erstaunt. Seitdem wünsche ich mir oft, noch einmal in zehn Stunden in Namibia zu sein. Zehn Stunden ging es dann im Februar zurück nach Deutschland.
Am Ende meiner Reise stand ich am Flughafen. Mit zwei Kilo Übergepäck. Bei den Volontären, die vor mir abreisten, wurde immer ein Auge zugedrückt, aber ich hatte an diesem Tag nicht dieses Glück.

Mitgenommen habe ich wertvolle Freundschaften. Mit über 20 weiteren Volontären aus Deutschland lebte ich zusammen. Sie alle haben diese Zeit sehr geprägt. Gegenseitig haben wir uns Halt gegeben und so viel Spaß gehabt. Viele von ihnen geben mir auch heute noch Halt und lassen meine Reise dadurch nie enden. Hinzuzufügen sind noch gestärkte Selbstständigkeit, Reisen in vier neue Länder, einerseits der Zauber der Kinder und andererseits der Umgang mit ihrer oft unfairen Realität. Und nicht nur mein Englisch, sondern meine ganze Person ist definitiv über sich hinausgewachsen.
Wenn ich heute zurückblicke, bleibt neben den ganzen Erinnerungen noch etwas anderes in meinem Kopf hängen.
Ich renne nicht mehr weg. Ich weiß jetzt, dass „alles neu“ eine Chance ist. Egal, was „alles neu“ bedeutet – ich bleibe. Ich lerne es kennen. Ich sehe es als eine Möglichkeit und ich werde geduldig sein. Es ist wichtig, mutig zu bleiben, und auch wenn das Leben dann mal unfair ist, darf man nicht aufhören, ab und zu ins kalte Wasser zu springen. Die Reise geht nämlich weiter.
Als ich zuhause ankam, wunderte ich mich, dass mein 11-jähriger Bruder lesen kann.
Und auf einmal glänzt sogar zuhause alles so schön neu.














